§11
Oppermann sucht den Grund, warum die G. g. A. so notizenreich und gedankenleer sind, und um so größeren Fleiß auf die Medicin, Mathematik, Naturgeschichte und die Geschichte des Mittelalters verwenden, sich aber immer weniger um Philosophie, Politik und Dichtkunst bekümmern, je älter sie werden, nur in Göttingen, in der Luft Göttingens, in den Persönlichkeiten. Dieser habe das Geld zu lieb, jener sei durch widrige Schicksale von Jugend auf dazu angeleitet worden, geschmeidig in die Wünsche der Vorgesetzten einzugehen, dieser wolle Geheimerath, jener Hofrath oder sonst etwas bei Hofe werden. Allerdings sind auch diese Charakteristiken sehr schätzenswerth und die Kritik darf sie nicht unbeachtet lassen; die Geschichte der von einer Corporation unzertrennlichen vetterschaftlichen Intriguen und interessirten Wechselheirathen im Schooße der Fakultäten, der Verläumdungen, Verfolgungen und akademischen Umtriebe aller Art in ganz gemeinem Interesse, der Rescripte der Regierungen an einzelne Professoren, ganze Fakultäten, und an die Curatorien über den legalen Stand derselben — eine betrübte Geschichte, auf die auch Oppermann hinweist, würde den wissenschaftlichen Heiligenschein auch für das blödeste Auge zerstreuen und dem Geschwätze von Wissenschaftlichkeit, freier Wissenschaftlichkeit, freier Forschung, Lehrfreiheit, und wie der Bombast weiter lautet, ein plötzliches Ende bereiten. Wir haben aber weder die Kenntniß der Persönlichkeiten, noch der Chronique scandaleuse der Musensiße nöthig, weder um das Göttinger Intelligenßblatt zu erklären, noch um zu beweisen, daß die Musensiße nicht die Siße freier Forschung sein können. Jene Männer, in denen Oppermann den Grund der Abneigung und Gleichgültigkeit gegen jede Idee und die Entwicklung der Menschheit steht, verdanken vielmehr ihre Stellung dem Wesen der Universitäten und dieses hätte der Verfasser seinen Untersuchungen zu Grunde legen sollen und er würde dann auch, wenn er schon überhaupt Auszüge statt einer Verarbeitung geben wollte, ganz anders ausgewählt haben; doch wir kommen hierauf noch zurück. Oppermann greift aber nur Einzelnheiten auf und zeigt besonders am Schlusse, daß er weder Göttingen, noch die Universitäten kennt. Dort ruft er in wahrhaft komischer Weise, nehmlich ernsthaft, die Mitarbeiter der G. g. A. auf, ihr Programm vom Jahre 1837, in welchem sie davon gesprochen hatten, daß sie sich an die Spitze ihrer Zeit, diese lenkend und läuternd stellen wollten, zur Wahrheit werden zu lassen, damit, fährt Oppermann fort, ihre Aussprüche von Philosophen, Gelehrten, Staatsmännern und Dichtern hochgehalten würden.
[Notes for §11 here]