§69
„Wenn ich die Journale lese, wenn ich eine Revue aufschlage, wenn ich eine Broschüre von einem unserer Politiker durchblättere, so stoße ich immer gleich auf jenen Ruf andächtiger Empörung über die „falschen Doctrinen,“ die „auflösenden Doctrinen,“ die „abscheulichen Doctrinen,“ welche das Volk verführen und der Gesellschaft Gefahr drohen. Weshalb stellt man denn diesen verkehrten Lehren nicht bessere gegenüber? Hat denn die Regierungswahrheit keine Apostel mehr? Sind die wohlmeinenden Leute schlecht bezahlt? Gegen alle neuen Lehren hat man Flüche und Schimpfworte, aber keine Gründe. Warum verschmähen es die Priester der mit dem Sturz bedrohten Religionen, die Verkündiger der reinen Sittlichkeit, der gesunden Philosophie, des unvergänglichen Rechtes, warum verschmähen sie es, zu uns in den Kampfplatz herabzusteigen und mit uns zu streiten für das Heil des Volkes? Ich suche unter den zahlreichen Kategorieen der offiziellen Schaar, ich steige die hierarchische Leiter der Corporationen und Angestellten auf und nieder; überall finde ich Menschen, die essen und schwadroniren, nirgens Einen, der überlegt und denkt. Wer in der That ist es denn, der arbeitet, daß das Volk denken lerne und daß das Chaos der socialen und philosophischen Wissenschaften sich entwirre? Sind es unsere Philosophen, unsere Priester, unsere Magistrate, unsere Academiker, unsere Journalisten, unsere Deputirten, unsere Regierungen? Dabei sehe man nur, wie die Sorglosigkeit unserer guten Bürger von Tag zu Tage wächst, immer üppiger wird. „Nur keine Furcht“, sagen sie, „nur keine Furcht; die Socialisten sind lächerlich, die Communisten verächtlich, die Egalisten unmöglich, die letzten Saint-Simonisten werden auch bald den Stab über sich brechen, indem sie sich mit der großen Hure verbinden. Tod den Revolutionären, mögen die Besiegten elendiglich verkommen.“ Und du glaubst noch, es könne ein Funken des heiligen Feuers in diese vermoderten und wurmstichigen Herzen dringen? Es hilft dir gar nichts, wenn du sagst, du wollest Alles bewahren, indem du Alles erneuerst. So macht man keine Revolution.“
[Notes for §69 here]