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Die gute Sache der Freiheit und meine eigene Angelegenheit

VI. Der christliche Schein der Kritik

Deutsch

Author: Bruno Bauer  Year: 1842 

270 „Ein Hauptverdienst“ von mir, sagt Marheineke p. 75, 76, ist, „die Schwächen und Blößen der neuern Exegeten und Kritiker aufgezeigt und nachgewiesen zu haben, wie sehr sie dadurch mit dem Christenthum in Widerspruch stehen.“
271 „Können nun, schließt Marheineke, solche Behauptungen, (wie sie jene Kritiker vorgebracht haben) noch mit dem Prädicat der Christlichkeit bestehen, so wird man es auch dem Bauer nicht absprechen, wenn man ihn in diesem Zusammenhange und unter diesen auch seine Verirrung mildernden Umständen betrachtet.“
272 Wenn ich mir nur nicht diesen Vortheil selbst verbeten hätte, sobald ich nachgewiesen habe, daß die Sätze und Behauptungen der neueren Theologen mit dem Christenthum in Widerspruch stehen! Wie, ich sollte dulden oder verlangen, daß mir und meinen Arbeiten, sobald sie nicht mehr und nicht weniger werth sind, als die bisherigen theologischen Arbeiten, ein Prädicat beigelegt werde, von dem ich gezeigt habe, daß es diesen Arbeiten mit Unrecht beigelegt wird? Irrthümer, die nicht weniger Irrthümer sind, als jene theologischen Sätze, sollen, weil diese mit Unrecht für christlich gelten, auch mit dem Prädicat der Christlichkeit belegt werden? Ich habe aber die Sache nicht einmal so dargestellt, daß die theologischen Behauptungen mit dem Christenthum in Widerspruch stehen – ich habe ihnen vielmehr den Ruhm zu vindiciren gesucht, daß sie die Vollendung des theologischen Elements sind, welches im Christenthum und in der heiligen Schrift enthalten ist - ich habe nur gezeigt, daß sie mit sich selbst, wenn sie mit der Schrift sich in Einklang zu befinden meinen, in Widerspruch stehen. Ich habe gezeigt, daß wenn sie die richtige Erklärung der heiligen Schrift seyn wollen, diese gute Meinung falsch und irrthümlich ist und vielmehr die Kritik die Schrift richtig auffaßt und erklärt.
273 Die Kritik und die theologischen Arbeiten haben daher Nichts Gemeinsames, welches ihnen beiden, wenn es dem Einen das Prädicat des Christlichen verschafft, dasselbe Prädicat verschaffen könnte.
274 Am allerwenigsten ist es ihnen gemeinsam, Irrthum zu seyn.
275 Gemeinsam ist ihnen nur die Absicht, das Christenthum und die heilige Schrift zu erklären und zu erkennen. Aber die Absicht thuts freilich nicht, sondern die Art und Weise, wie man sie ausführt, ja schon die Art, wie man den Vorsaß faßt - ob er ernstlich ist oder nicht.
276 Die Theologie hat nicht den ernstlichen Vorsaß, da sie die Voraussetzung des Christenthums von seiner Wahrheit, vom göttlichen Ursprung seines Stifters oder wenigstens von seiner Gründung durch Jesum Christum ungeprüft stehen läßt - indem sie diese Voraussetzung mit dem Christenthum theilt, ist sie christlich. Aber sie will auch Erkenntniß seyn, sie untersucht daher die Aussagen der heiligen Schrift und setzt jene Voraussetzung für einen Augenblick bei Seite, aber nur scheinbar: so bald die Erkenntniß und Forschung die Voraussetzung bedroht, erhebt sich diese wieder und bedroht und beschränkt die Forschung: - kurz die Theologie ist dieser Kampf, in welchem die Forschung und die christliche Voraussetzung sich wechselseitig zu einem bloßen Schein, zur Illusion machen.
277 B. B. die Sache d. Wiss.
278 Der christliche Schein der Kritik. Wiederum aber: das ist recht christlich, sehr christlich, daß die christliche Voraussetzung es selbst mit der modernen Forschung aufzunehmen wagt und dann sogar als bloßer Schein sich noch als gewaltig und kräftig beweist. Der Schein, - und jene Voraussetzung ist an ihr selber nur Schein - ist dadurch als solcher hervorgetreten.
279 Die Kritik dagegen als wissenschaftliche Erkenntniß hat an ihr selber nicht das geringste Interesse, welches ihr die Bemühung christlich zu seyn von Bedeutung machen könnte, sie hat nicht einmal ein Interesse, sich die Frage vorzulegen, ob sie christlich oder unchristlich ist - ihre einzige Sorge ist, wahr zu seyn, ihre einzige Frage die, ob sie wahr ist.
280 Nur dann, wenn die christliche Voraussetzung sich praktisch gegen sie geltend machen und die Nothwendigkeit mit ihr übereinzustimmen ihr aufbürden will, wenn sie also ihr Resultat in der Form aussprechen muß, daß diese Voraussetzung eine Illusion sey, dann kann sie den an sich selbst höchst gleichgültigen Satz aussprechen, daß sie nicht christlich sey. Für die Erkenntniß wenigstens, der es nur um die Wahrheit zu thun ist, kann der Ausspruch, daß sie nicht christlich sey, nur ein gleichgültiger Satz seyn und keinen andern Werth haben als der Satz, daß sie nicht jüdisch, nicht muhamedanisch, nicht chinesisch sey.
281 Wenn aber das christliche Bewußtseyn und die christliche Voraussetzung – wie sie es allerdings thun müssen – auf ihrem Rechte bestehen und die Menschheit sich unterjochen wollen, wenn es sich also um das Glück der Menschheit, um den Sieg der Freiheit über die Knechtschaft, der Wahrheit über die Täuschung handelt, dann ist es die Pflicht der Kritik, es auszusprechen, daß sie antichristlich sey und daß sie ihren weltgeschichtlichen Ruhm sowie ihre Aufgabe darein sehe, antichristlich zu seyn.
282 „Sind nach ihm, sagt Marheineke p. 72, 73, die drei ersten Evangelien aus den religiösen Anschauungen der Gemeinde hervorgegangen, deren Werkzeuge die Verfasser sind, welche sie in künstlerischer Freiheit aus dem Selbstbewußtseyn der Gemeinde producirten, so ist hiemit bis jetzt weder über die Zeit, wann sie entstanden sind, noch über die eigentlichen Verfasser etwas bestimmt und die Hypothese enthält somit keinen Widerspruch gegen die bisherigen traditionellen Annahmen.“
283 Man sieht, wie gefährlich es ist, als Christ oder als christlich gelobt zu werden, da schon das Lob, man stehe mit den „bisherigen traditionellen Annahmen“ d. h. mit den christlichen Vorausseßungen in keinem Widerspruch, für die Arbeiten, denen es ertheilt wird, falls es begründet wäre, lebensgefährlich seyn müßte.
284 Kein größerer Tadel, als denjenigen, eine kritische Arbeit stehe mit den religiösen Voraussetzungen nicht in Widerspruch, – kein größeres Lob, als die Anerkennung, sie stoße diese Vorausseßungen über den Haufen!
285 Ein Evangelium – das vierte – gibt sich selbst für ein solches aus, das von einem Augenzeugen abgefaßt sey, ein anderes – das erste – ist wenigstens nach der Tradition der Kirche von einem Augenzeugen abgefaßt, das zweite ist nach derselben Ueberlieferung von einem Manne geschrieben, der der Gefährte eines Augenzeugen war und dessen Vorträge über das Leben Jesu gehört hatte, das dritte ist nach der Angabe seines Verfassers genau nach den Aussagen der Augenzeugen abgefaßt – und mit allen diesen Aussagen der Evangelien selber und mit der kirchlichen und religiösen Vorausseßung stände eine Kritik, welche den schriftstellerischen Ursprung der Evangelien beweist, nicht in Widerspruch? Und die Zeit? Die Zeit, wann die Evangelien geschrieben sind, soll von einer Kritik, die sie als Erzeugnisse der Gemeinde begreift und zwar als Erzeugnisse der Gemeinde, die schon diesen reichen Schatz von Erfahrungen in ihnen niederlegte, nicht als eine sehr späte bezeichnete seyn? Es ist schon genug, wenn die Kritik nachweist, daß die Evangelien in einer Zeit geschrieben sind, wo man von Nichts weniger wußte als vom Leben Jesu.
286 „Wie man auch über den Werth einer solchen Hypothese denken mag, sagt Marheineke über die neuere Kritik, so ist doch klar, daß das Recht, eine solche vorzutragen, mit keinem Lehrartikel der protestantischen Kirche streitet und der Glaube der protestantischen Kirche dadurch nicht angefochten ist.“ Er wird vielmehr gestürzt, wenn es bewiesen ist, daß dieser Glaube nicht von Gott gewirkt und daß der Inhalt dieses Glaubens die Erlösung durch Christus, kein himmlisches Geschenk, keine göttliche Botschaft sondern ein Erzeugniß der Gemeinde selber war.
287 Wenn es nun aber die Voraussetzung des vierten Evangeliums ist, daß es von einem Augenzeugen abgefaßt sey, wenn die drei Andern sich den Anschein geben, daß sie Geschichte erzählen, und wenn sie in der Art und Weise, wie die kirchliche Tradition annimmt, auf Augenzeugen zurückgeführt werden sollen, ist der Kritiker, der jenen Anschein, diese Annahmen und Voraussetzungen sämmtlich auflöst, nicht schuldig?
288 Ja er ist schuldig, daß er die Wahrheit ausgesucht und gestanden hat; er ist schuldig, daß er den Schein aufgelöst hat, um der Wahrheit die Ehre zu geben.
289 Und wenn ich auf die Evangelien und die symbolischen Bücher, was doch nicht einmal der Fall ist, geschworen hätte, so wäre ich immer noch nicht wegen der Resultate, zu denen mich die Kritik geführt hat, in Anklagestand zu setzen. Ja, ich wollte, ich hätte auf die Evangelien geschworen! Als Kritiker hätte ich doch keine Schuld mir zugezogen und den Schwur nicht verletzt.
290 Wäre ich meineidig, wenn ich die Evangelien zu erklären habe und, nachdem die Kritik dahintergekommen ist, es ausspreche, was es mit jenem Anschein und mit jenen Vorausseßungen für eine Bewandtniß habe? Bin ich meineidig, wenn ich die Evangelien dieß selbst erklären lasse? Meineidig, wenn die Evangelien die absolute Wahrheit zu geben versprechen und wenn die Kritik zeigt, wie weit dieses Versprechen reicht und erfüllt wird? Der Kritiker, der die Evangelien wirklich zu Worte kommen und ihr ganzes Geheimniß aussprechen läßt, der ihnen nicht, wie die Theologen thun, den Mund stopft, wäre meineidig?
291 Marheineke will meinen Schriften den Schein der Christlichkeit geben und überzeugt sich endlich selbst davon, daß sie eine Verherrlichung des Christenthums seyen. Herr Gruppe trifft mit ihm darin zusammen, daß er in meiner Schrift den Schein der Christlichkeit findet, weicht aber darin von ihm ab, daß er diesen Schein als bloßen Schein bloßstellt.
292 Marheineke fehlte, wenn er meiner Arbeit das Prädicat der Christlichkeit mit Gewalt aufdrängen wollte, Herr Gruppe hat also auch darin Unrecht, daß er an ihr den Schein der Christlichkeit findet. Marheineke widerlegt sich selbst, wenn er die Hypothesen, denen er das Prädicat des Christlichen nicht versagt wissen will, als solche bezeichnet, die rein aus der Luft gegriffen sind und der Willkühr entsprungen sind – er müßte denn voraussehen, daß dem Christlichen der Charakter des Willkührlichen und das luftige Wesen eigen sey – er widerlegt sich aber bestimmter, wenn sein Schluß auf den christlichen Charakter meiner Arbeit sich in der Art vermittelt, daß ich das Unchristliche Wesen, das ich an der bisherigen Theologie nachgewiesen, vollends zu seiner Consequenz fortgeführt habe. Herr Gruppe widerlegt sich eben so trefflich, indem er es geradezu ausspricht, daß er von meiner Arbeit Nichts versteht, also auch bekennt, daß Alles, was er von ihr sagt, auf Alles Andere nur nicht auf sie paßt.
293 Herr Gruppe meint, p. 38, „worin das Neue bestehe, das Bauer bringt, das ist nicht so leicht zu sagen“ – Grund genug für ihn, es nicht zu sagen und sich die Mühe der Untersuchung zu ersparen, oder (p. 61) „sich eines näheren Eingehens auf das kritische Detail zu überheben.“
294 „Worin die consequentere Durchführung des Hegelschen Systems bestehe, das ist bis jetzt aus dem Buche schwer zu ermitteln“ sagt Herr Gruppe p. 50 – wiederum Grund genug für ihn, die Methode, die Art der Entwicklung und das allgemeine Resultat, auf welches sie führt, nicht zu prüfen, nicht einmal aufzusuchen – Grund genug für ihn, sich an einzelne „Aeußerungen“ zu halten und sie völlig miszuverstehen, aber auch Grund genug für ihn, auf der folgenden Seite p. 51 das Gegentheil zu sagen, nämlich zu sagen, daß man bei mir noch eine Uebertreibung der Hegelschen Lehre von der Erkennbarkeit finde. „Daß ich die Theologie ganz vernichten, Alles in den Schwindel der Philosophie, in ihr Nichts auflösen will“ – Grund genug sogleich darauf zu sagen: „eben dieser Vieldeutigkeit wegen (die Vieldeutigkeit liegt darin, daß die Philosophie Alles in ihren Schwindel und in ihr Nichts auflösen will!) sey es gleich schwer, Hegel oder Bauer im Einzelnen auf einer Lehre zu betreffen, die direct unchristlich wäre.“
295 „Worin die consequentere Durchführung des Hegelschen Systems bestehe, das ist bis jetzt aus dem Buche schwer zu ermitteln“ sagt Herr Gruppe p. 50 – wiederum Grund genug für ihn, die Methode, die Art der Entwicklung und das allgemeine Resultat, auf welches sie führt, nicht zu prüfen, nicht einmal aufzusuchen – Grund genug für ihn, sich an einzelne „Aeußerungen“ zu halten und sie völlig miszuverstehen, aber auch Grund genug für ihn, auf der folgenden Seite p. 51 das Gegentheil zu sagen, nämlich zu sagen, daß man bei mir noch eine Uebertreibung der Hegelschen Lehre von der Erkennbarkeit finde. „Daß ich die Theologie ganz vernichten, Alles in den Schwindel der Philosophie, in ihr Nichts auflösen will“ – Grund genug sogleich darauf zu sagen: „eben dieser Vieldeutigkeit wegen (die Vieldeutigkeit liegt darin, daß die Philosophie Alles in ihren Schwindel und in ihr Nichts auflösen will!) sey es gleich schwer, Hegel oder Bauer im Einzelnen auf einer Lehre zu betreffen, die direct unchristlich wäre.“
296 So denkt, so schreibt ein Mann, der das Christenthum retten und die Regierung vertheidigen will. Ein Mensch, der so eben sagte, die Philosophie will Alles in ihr Nichts auflösen, ist im Stande zu behaupten, es fänden sich in meiner Schrift Stellen, in denen sich ein Bestreben zeigt, die Philosophie mit dem Christenthum in gutem Vernehmen zu erhalten.
297 Herr Gruppe hätte sich diesen Widerspruch ersparen können, wenn er entweder – was am rathsamsten gewesen wäre – geschwiegen, oder falls er durchaus die öffentliche Meinung aufklären wollte, den Respect, den man vor dem Publicum haben muß, bewiesen, nämlich die Sache, über die er sprechen wollte, studirt hätte.
298 Er hätte sich auch die Mühe, den christlichen Schein einzelner Aeußerungen – nein! der einzigen, der einzigen Stelle über die er spricht, aufzulösen, ersparen können, wenn er die „Aeußerungen,“ ja, die einzige Stelle, über die er spricht, genauer angesehen hätte!
299 In der Abhandlung über das Neutestamentliche Wunder sage ich (Synopt. II, 157), als religiös habe sich das Selbstbewußtseyn des Geistes zu seiner Allgemeinheit und Unendlichkeit beim Aufgange des Christenthums nur so erfassen können, daß es sich als wirkliches Selbstbewußtseyn vernichtete und seinen inneren Gehalt als eine einzelne Person draußen sich gegenüberstellte. Ueber diese „Aeußerung“ sagt Herr Gruppe, „die Philosophie übt an dieser Stelle eine große Toleranz aus, sie scheint die Persönlichkeit und geschichtliche Existenz Christi anerkennen zu wollen.“ p. 52. Es ist schade, daß uns Herr Gruppe nicht noch an mehreren Beispielen gezeigt hat, was er unter Toleranz und Anerkennung versteht. Man erklärt die Vorstellung von Christo, sagt, wie sie entstanden ist, erklärt sie für eine That des religiösen Geistes und das scheint Herrn Gruppe eine Anerkennung der Persönlichkeit und geschichtlichen Existenz Christi!
300 Herr Gruppe wollte den Lesern eine recht hohe Vorstellung von der Tapferkeit und Geschwindigkeit geben, mit der er den gefährlichsten Schein zu vernichten verstehe.
301 Aber konnte er nur auf Leser rechnen, die nicht merken würden, daß gar kein Schein vorhanden ist, der auf einen Herrn Gruppe warten mußte, um seine Auflösung zu finden?
302 „Was nun auch Bauer im Einzelnen etwa! — „etwa“! „im Einzelnen“, auf welches Herr Gruppe nicht eingeht! — noch sagen möge, solche Grundsätze — (die nämlich dem Grundsatze ähnlich sind, auf den es mit jener „Aeußerung“, wenn sie entlarvt wird, herauskommt —) — sind mit dem Christenthum in einem Widerspruche, der nicht größer seyn kann, und wer kahle Beschönigungen von leitenden Principien zu unterscheiden weiß, wird sich nach solchen Dingen durch keine Worte in der Welt mehr — wie pomphaft! durch keine Worte in der Welt mehr! — täuschen lassen“ (p. 53, 54).
303 Als ob ich Wunder wie viel Worte machte, um die Welt zu täuschen und ihr vorzureden, daß die Kritik die christliche Taufe enthalten habe und vor dem Kreuze knie! Ich sollte die Welt täuschen wollen, wenn ich auf jeder Seite meines Werkes die heilige Schrift auflöse? Ich gebrauchte „kahle Beschönigungen“, statt mich der offenen Consequenz zu rühmen und auf die Kraft der leitenden Principien stolz zu seyn? Ich wollte in theologischer Weise vertuschen, während ich mich bemühe, das Alte und Neue, die Unfreiheit und die Freiheit in ihren richtigen Gegensatz zu bringen und beide ihren Kampf entscheiden zu lassen?
304 Nein! Nein! Herr Gruppe spricht in dem Geleise einer Voraussetzung, die ihm feststand, ehe er von meinen Schriften gehört hatte, und die er festhält, als er sich gegen mich aufmachte, so sehr festhält, daß er gar nicht darauf achtet, wo der Gegner steht, den er sich zu seinem Unglück gewählt hat. Er hat es sich nicht vorstellen können, wie weit der Muth der Kritik und Freiheit, wie weit ihr Recht gehen könne; er meint, es könne es Niemand mit einer Sache so aufrichtig meinen, daß er Alles ihr aufopfert und sie, nur sie durchzusehen sucht. Er meint, man könne nicht aufrichtig einer Sache dienen. Er selbst meint es mit seiner Behauptung, ich suchte durch Worte zu täuschen und kahle Beschönigungen vorzubringen, nicht einmal so weit aufrichtig, daß er sie durch mehrere Beispiele zu beweisen suchte; er läßt die arme Behauptung ganz einsam stehen, und so wenig versteht es der große Mann, der das Recht der Regierung vertheidigen will, in meiner Schrift die leitenden, offen zu Tage liegenden Principien zu erkennen, daß er sich gezwungen sieht, sich an meinen Aufsatz theologische Schaamlosigkeiten zu halten, um dahinter zu kommen, wie ich es mit dem Christenthum meine“ p. 54.
305 Ein Wunder also, nicht der regelmäßige Verlauf der Dinge, ein Zufall, nicht das, was ihm als erste Nothwendigkeit hätte gelten sollen, dieser Aufsatz, nicht die gründliche Untersuchung meiner Schrift bringt ihn zu der „Annahme“, „daß auch in meinem Buche die Polemik der Wahrheit nach nicht gegen die Theologie, sondern gegen das Christenthum selbst gerichtet sey, womit denn das schrankenlose Verfahren und die gleichmäßige Auflockerung des Evangeliums in allen Theilen im besten Einklange ist.“
306 Nun, wenn ich schrankenlos verfahre d. h. mir keine Schranken setze, ehe ich sie nicht vermittelst der Forschung gefunden habe, von Niemanden in der Welt, am allerwenigsten von Herrn Gruppe, sondern nur durch die Sache meiner Forschung ihre Schranken sehen lasse, wenn ich also das Evangelium in allen Theilen auflockere, muß dann Herr Gruppe erst nach jenem Aufsatze greifen, um „annehmen“ zu dürfen, daß in meinem Buche die Polemik gegen das Christenthum gerichtet sey? Bedarf es dann überhaupt noch einer Annahme? Habe ich nicht in meinem Buche für den, der lesen kann, „aller Täuschung vorgebeugt“?
307 Daß sich der Widerwille gegen die Wahrheit in Widersprüche verläuft, ist natürlich; dieser Verlauf kann zuweilen ein unterhaltendes, ja ein komisches Schauspiel seyn; wenn aber die Widersprüche gar zu haltlos, wenn sie mit der Sache gar keine Berührung haben und nur die Strafe für die innere Schwäche und die Trägheit sind, die es vergeblich versucht, sich gegen den Muth und die Tapferkeit zu erklären, dann sind sie langweilig und widerlich: selbst die Sprache, in der sie vorgetragen werden, ist matt, träge, unsicher und ohne allen Reiz: ein „demnach müssen wir annehmen“, ein „es gewinnt hiernach den Anschein, als ob“ ist die einzige Wendung, die solchen Kriegern zu Gebote steht. Herr Gruppe muß aber so sprechen, er muß sich mit bloßen „Annahmen“, mit einem Anschein begnügen, den er nicht einmal prüfen darf, ob er in der Sache begründet ist, da er in der That Nichts weniger kennt als das Buch, über welches er sein Urtheil abgeben will. „Hiernach — nach einer“ Stelle in dem genannten Aufsatze - hiernach, sagt Herr Gruppe p. 54, gewinnt es den Anschein, als ob Bauer sich selbst in dem Falle befände, den er seinen sogenannten Apologeten zur Last legt und ihnen so schwer anrechnet, daß er nämlich noch ganz andere Gedanken im Hintergrunde hat, als er den Worten nach in seinem Buche ausspricht. Herr Gruppe wundert sich, wie ich mir „die Miene geben kann, das Christenthum in seinem wahren Wesen herzustellen und es eigentlich nur gegen die Apologeten zu vertheidigen und zu beschützen.“
308 Wo sind aber die Worte, die den andern Gedanken, die ich im Hintergrunde habe, widersprechen? Wo gebe ich mir „die Miene, das Christenthum gegen die Apologeten herzustellen“? Die Frage: warum hat Herr Gruppe den Hintergrund, in dem ich meine wahren Gedanken verberge, nicht gründlich aufgehellt und wo möglich in Brand gestellt? - diese Frage dürfen wir nämlich nicht einmal aufwerfen. Wo sind also die Worte?
309 Herr Gruppe citirt nur Eine Stelle: Synopt. II, 297: „und was sage ich hier? Was ich so oft gesagt und noch mehr, was ich gethan habe, daß der Kritiker die Schrift und den Buchstaben gegen die Theologen rettet und von ihren Mishandlungen befreit. Die heilige Schrift und ihren Text!“
310 „Die heilige Schrift“ stellt die Kritik erst wieder her. Auch das Christenthum stellt sie wieder her, aber nur so, daß sie die Schrift, dieses Christenthum, nämlich ihr Wesen und ihren Ursprung erkennt. Ist aber die theoretische Erkenntniß die praktische Wiederherstellung in dem Sinne, daß sie das Erkannte in seine Herrschaft über die Welt wieder einsetzt? Wo habe ich das gesagt? Das Christenthum, die Religion, die Theologie sind Mächte, die wenn sie erkannt sind, aufhören, eine Macht zu seyn.
311 (Beiläufig aus dem angeführten Abschnitt (Synopt. II, 296) bekommt es Herr Gruppe p. 20 heraus, daß ich mich selbst in meiner „Barocken Weise als einen Propheten darstelle.“)
312 Die Weise, in der Herr Gruppe zu dieser Entdeckung gekommen ist, werde ich nicht näher bezeichnen, da ich mich in das Mysterium, wie sich die Böswilligkeit und die Blindheit dazu verabredet haben, Herrn Gruppe auf dieser Entdeckungsreise zu leiten, nicht tiefer einlassen mag. Die Reiseroute anzugeben, ist Herr Gruppe uns schuldig geblieben. Seine Sache ist es, das Mysterium aufzuhellen. Er muß es thun. Er muß es öffentlich vor dem Publicum thun. Ich spreche in diesem Abschnitte über den Spruch vom Jonaszeichen, ich handle p. 293-299 von diesem Spruch, um die richtige Erklärung gegen die theologischen Erfahrungen sicher zu stellen: ich erkläre, was nach dem Evangelium Jesus sagt und Herr Gruppe ist trotz der saubersten und schärfsten Auseinandersetzung im Stande zu behaupten, ich hätte mich selbst für einen Propheten erklärt, ich hätte das von mir gesagt, was ich nur als den richtigen Sinn des Spruches Jesu gegen die Theologen sicher stelle.
313 An derselben Stelle meiner Schrift hat Herr Gruppe noch einen andern sehr argen Anstoß gefunden, der auch wahrscheinlich nur aus meiner „Barocken Weise“ zu erklären ist, er hat nämlich nicht begriffen, wie der Kritiker dazu kommen kann, zu sagen, er treibe die Theologen, die den Tempel verunreinigt haben, nicht mit dem Strick, nicht mit Leidenschaft, nein, in aller Seelenruhe“ aus demselben heraus. Herr Gruppe wußte also nicht, daß der Strick, über den er sich höchlichst verwundert – er drückt seine Verwunderung mittelst eines Ausrufungszeichens sehr energisch aus – der Strick ist, von dem es Joh. 2, 15 heißt: „und er machte eine Geißel aus Stricken und trieb sie alle zum Tempel heraus.“)
314 So hat Herr Gruppe meine Schriften gelesen. So müssen sie Alle lesen, die sie vernichten wollen. Am besten würden sie diejenigen lesen, die sie ins Feuer werfen.
315 So wenig weiß Herr Gruppe meine Schriften zu lesen und aus ihnen selbst das Urtheil über sie zu schöpfen, daß er – unerhört! nein! ganz natürlich auf diesem Standpunkte! – erst Marheineke's Dogmatik aufschlagen muß, um mir! – man höre! – mir! p. 60 „Gewaltsamkeit der Worterklärung“ vorzuwerfen. Er spricht von mir, als ob ich eben so wie die älteren Hegelianer meinte, daß Bibelsprüche mit philosophischen Bestimmungen in Einklang gesezt werden könnten, als ob ich mich bemühte, die Wahrheit von philosophischen Bestimmungen durch Bibelsprüche zu bestätigen!
316 Herr Gruppe ist gar zu unschuldig und unfähig, die Bosheit der Kritik zu fassen. Selbst kindlich gesinnt, hat er die Kritik auch für ein Kind gehalten und nicht gesehen, daß sie erst die heilige Schrift richtig erklärt, weil sie es darauf ankommen läßt, ob selbst Sinnlosigkeiten, Gedankenlosigkeiten und die haltlosesten Widersprüche herauskommen, wenn sie richtig erklärt wird. Er hat nicht gesehen, daß diese Freiheit der Kritik, diese Freiheit, welche der Schrift gelassen wird, so daß sie seyn und aussagen kann, was sie will, nur möglich ist, wenn der Bruch mit der religiösen Vorausseßung, also auch mit den Voraussetzungen der Schrift, vollendet ist.
317 Die Kritik weiß, daß die Schrift, sobald sie richtig erklärt wird, nicht mehr als Quell und Norm der Wahrheit gelten kann – und Herr Gruppe spricht von mir so, als wollte ich sie mit den Lehren der Philosophie in Uebereinstimmung sehen!
318 So spricht Herr Gruppe über einen Kritiker, der sich nicht davor gescheut hat, die Schrift gegen die Philosophie ins Feld zu schicken, weil er weiß, wie wenig sie gegen ihre Gegnerin ausrichten kann, wenn sie auch dieselbe gründlich vernichten möchte. Weil er weiß – und hat es Herr Gruppe nicht wieder bewiesen? – daß der Glaube nicht mehr den dazu erforderlichen Athem hat, stößt der Kritiker selbst in die Posaune des jüngsten Gerichts, um zu zeigen, wie der Glaube und die heilige Schrift die Wissenschaft beurtheilen „Kunst und Religion“ läßt er die Komödie aufführen, in welcher die Religion sich als der himmlische Spott über die Kunst beweist — und dennoch soll er noch die Absicht haben, die Schrift und die Philosophie in Einklang zu sezen?
319 Es war schön von Herrn Gruppe, daß er sich zum Kampfe gegen die Wissenschaft erhoben hat, und es wird ihm hoch angerechnet werden, wenn die Posaune des jüngsten Gerichts geblasen wird; es muß ihm nach der Verheißung der Schrift auch in dieser wie in jener Welt angerechnet werden; aber in der wirklichen Geschichte, in welcher das Geschick der Wissenschaft entschieden wird, heute schon — denn morgen wird seiner nicht mehr gedacht werden — hat er Nichts mehr zu erwarten: er hat seinen Lohn dahin.
320 Noch besser wäre es gewesen — könnte man vielleicht denken — wenn die Gegner der Kritik wirklich die Methode derselben dargestellt, geprüft und ihre Resultate beurtheilt hätten, damit die Stärke der Gegner den Sieg der Kritik ehrenvoller mache: die Frage ist aber einzig und allein die, ob ihre Kräfte so weit reichten, daß sie auch nur den Versuch einer solchen Kritik wagen dürften — eine Frage, die wir bereits beantwortet haben, wenn wir zeigten, daß sie nicht einmal die ersten Aufgaben und die Stellung der Kritik überhaupt verstehen könnten.
321 War es z. B. von Marheineke zu verlangen, daß er ein Unternehmen, das ihm nur als eine „Verirrung“ gilt und gelten mußte, genauer hätte prüfen, daß er Principien und wissenschaftliche Erfolge, die ihm als luftige Hypothesen gelten und als solche gelten mußten, einer ernsten Prüfung hätte würdigen sollen?
322 Herr Gruppe hat es eingestanden, daß es nicht so leicht zu sagen sey, „worin das Eigenthümliche meiner Arbeiten bestehe“: wäre es nun nicht nach dem, was wir von ihm erfahren haben, eine allzu grausame Zumuthung gewesen, von ihm zu verlangen, daß er das Eigenthümliche der neuern Kritik auffassen und — widerlegen sollte? Herr Gruppe war es sich selbst schuldig, seine Kräfte zu schonen: die Pflicht der Selbsterhaltung mußte ihn bestimmen so wie der Gedanke, daß seine Person in einer Zeit, wo „die Weissagung theuer ist“ (I. Sam. 3, 1.), allerdings noch höchst nothwendig seyn müsse.
323 Was für ein schrecklicher Kampf also, wenn die Kritik nicht einmal einen Gegner hat, mit dem sie sich messen könnte? Wenn Herr Gruppe es nicht so leicht findet, anzugeben, worin das Eigenthümliche der neuern Kritik besteht, soll ich es ihm erst noch sagen? d. h. soll ich mein Buch noch einmal abschreiben? Oder Alles noch einmal abschreiben, was ich darüber in meiner Schrift über „Hegel's Lehre von der Kunst und Religion“ ausgeführt habe? Soll ich gegen Marheineke beweisen, daß meine Arbeit keine Verirrung ist, daß ihre Principien nicht aus der Luft gegriffene Hypothesen sind, d. h. soll ich wiederum mein Buch abschreiben?
324 Was für ein Kampf also, — der Kampf gegen das Nichts
325 die Ungeduld gegen die wir aber nach der bisherigen Ausdauer wohl noch Stand halten würden über uns die Oberhand bekommt, erscheint der Recensent, der in den Berliner Jahrbüchern meine Schrift über die Synoptiker angezeigt hat. Ich werde seine Arbeit benußen, um an ihr Wort für Wort, Satz für Satz nachzuweisen, wie der Theologe sich bemühen muß, wenn er es endlich wirklich versucht, auf die Kritik einzugehen. Wenn die Zeitungsnachricht, daß der Recensent zugleich der Verfasser des theologischen Votum“ ist, ihre Richtigkeit hat, so wird mein Beweis, daß der Theologe als solcher die Kritik nicht verstehen kann und nicht verstehen darf, die Unbestimmtheit jenes Votum in einem neuen Lichte erscheinen lassen und die Mißliebigkeit, mit der der Berliner Recensent sich gegen die Kritik benimmt, die Muthlosigkeit des Votanten vollends erklären.
326 Aber auch die Andern, auch Marheineke, auch Herr Gruppe haben uns mit alle dem, was sie bisher über und gegen die Kritik vorgebracht haben, bewiesen, daß sie dieselbe nicht einmal richtig aufzufassen vermögen.
327 Zum Ueberfluß haben sie diesen Beweis noch in einer besondern Frage geführt – in einer Frage, die für sie entschieden seyn mußte und in deren Beantwortung sie sich nicht so, wie sie es gethan haben, bloßgestellt haben würden, wenn sie das beachtet hätten, was ich in meiner Schrift ausgeführt habe.
328 Troß dem, daß ich an entscheidenden Punkten – ich hätte es aber in jedem Paragraphen thun können, wenn es nicht widerlich und unnüz wäre, einen so untergeordneten und ein für allemal besiegten Standpunkt zu bekämpfen – nachgewiesen habe, wie tief Schleiermacher's Ansicht vom Ursprunge der Evangelien unter der Höhe der jezigen kritischen Principien liegt – so tief, daß sie fast außer allem Verhältniß zu diesen steht wie Schleiermacher in seiner Schrift über das Evangelium des Lukas dem Aberglauben an den Buchstaben in einer empörenden Weise verfallen ist: troß dem rechnet es Marheineke (p. 76) zu den „Umständen, die meine Verirrung mildern“, daß Schleiermacher sowohl durch seine kritischen Schriften, als auch durch seine dialektischen Auflösungen des Dogma dem Bauer bedeutend vorgearbeitet und daß dieser nur was jener nur halb fertig gemacht, fortgesezt und vollendet habe.“
329 Herr Gruppe war eben so stark gegen meine Beweise gepanzert, d. h. er hat aus meinen Ausführungen so wenig gemerkt, wie die neuere Kritik mit Schleiermacher umspringen muß, daß er es wagt, ... doch diese Angelegenheit verdient unter Umständen wie die jezigen, wo man in Schleiermacher den Herren der wahren und den Besieger der falschen Kritik wiederzuerwecken sucht, als No. 1 in einem besondern Abschnitt, nämlich in dem Abschnitte verhandelt zu werden, in dem ich zeige, wie unfähig die Gegner der neuern Kritik sind, sie selbst und ihr Verhältniß zu früheren kritischen Unternehmungen richtig aufzufassen.
⬅ V. Die Gleichgültigkeit gegen die Kritik VII. Die Unfähigkeit der Gegner der Kritik ➡