716
Wenn den Griechen daß Maaß und die Besonnenheit eigen war, weil sie den Menschen als das Maaß aller Dinge anerkannten, so ist die Kritik die Wiedergeburt des Griechenthums, indem sie das Selbstbewußtseyn einem fürchterlicheren Feinde als derjenige war, mit dem die Griechen zu kämpfen hatten, wieder abgewinnt. Die Griechen hatten den Menschen aus der Gewalt der Natur zu befreien, ihre Götter selbst stritten für den Menschen — sie waren aber selbst die siegreiche Menschheit gegen die Ungethüme und Ungeheuer der Natur. Wir haben dagegen den Menschen dem Himmel, d. h. dem geistigen Ungethüme, dem verkehrten Geiste, dem Gespenst, der Unbestimmtheit, der geistigen Illusion, der Lüge wieder abzugewinnen. „Wir haben nicht mit Fleisch und Blut zu kämpfen, sondern mit Fürsten und Gewaltigen, nämlich mit den Herren der Welt, die in der Finsterniß dieser Welt herrschen, mit den bösen Geistern unter dem Himmel“ (Ephes. 6, 12). Wir haben mit dem letzten Feind des Menschen zu kämpfen, mit dem Unmenschen, mit der geistigen Ironie auf die Menschheit, mit der Unmenschlichkeit, die der Mensch gegen sich selbst begangen hat, mit der Sünde, deren Bekenntniß dem Menschen am Schwersten fällt, da sie unendlich seiner Selbstsucht schmeichelt, indem sie ihn seinem wahren Maaße entrückt und mit der Glorie, d. h. mit dem gränzenlosen Dunst der himmlischen Unbestimmtheit umgibt. Die Kritik bringt den Menschen wieder zu sich selbst, nachdem er auf eine grauenvolle Weise außer sich gewesen war und wie ein Solcher, der von sich selbst gekommen ist, geredet hatte. Wenn jemals Etwas das Maaß und die Besonnenheit bewahrt hat, so ist sie es.
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