696
Wenn es immer mit rechten Dingen zugegangen wäre, müßte ich nach der Ansicht Marheineke's alle theologischen Ehrenstellen längst einnehmen. Da er niemals ein Wort davon sagt, daß meine „Verirrungen“ unchristlich, die von mir „aus der Luft gegriffenen Hypothesen“ untheologisch seyen, im Gegentheil, um jene als christlich zu legitimiren, sie mit den Verirrungen der anerkanntesten Theologen, um diese als theologisch zu beweisen, sie mit den nicht weniger werthlosen Hypothesen anderer Kritiker in Eine Linie stellt; da er sogar meine Schrift eine Verherrlichung des Christenthums nennt, so müßte ich, während meine Verdienstlosigkeit d. h. mein Hypothesen-Gewebe und die Summe meiner Verirrungen mir längst den Sitz in der theologischen Facultät hätten verschaffen sollen, wegen meiner Verdienste um die christliche Wahrheit eine Stelle im theologischen Prytaneum verlangen dürfen. Dennoch soll ich auf alle diese Ehren Verzicht leisten. Marheineke selbst will es so haben und mich aus dem Verbande mit der theologischen Facultät entfernt wissen. Aber warum denn? Weil ich, wie er sagt, freiwillig meinem theologischen Charakter entsagt habe. Womit habe ich aber diese Entsagungsacte ausgestellt? Damit, antwortet Marheineke, daß ich (p. 69) „hie und da gegen berühmte Theologen einen höhnischen und spöttischen Ton“ angenommen habe.
697
Herr Gruppe ist vollkommen derselben Ansicht, nur daß er mein Benehmen gegen die Theologen nicht für mein einziges Vergehen, nicht für das Einzige ausgibt, was mich jeden Anspruches auf eine theologische Würde verlustig macht. Von zwei Standpunkten vielmehr, von dem „logischen und ethischen Standpunkte“ aus (p. 3) hat er meine Sache betrachtet und mich schuldig gefunden. Da wir nun bisher hinreichend gesehen haben, wie sehr Herr Gruppe auf dem „logischen“ Standpunkte zu Hause ist, so wird es uns nicht befremdlich seyn, daß er sich auf dem „ethischen“ besonders feststellen wird, um den Makel eines unsittlichen Benehmens mir so gewiß beizubringen, daß Jedermann es begreiflich finden wird, wenn die heiligen und würdigen Männer der theologischen Facultät mit dem Bocke, der sich von der linken Seite her an sie angedrängt hatte, um sie zu beschimpfen, Nichts mehr zu thun haben wollen.
698
Hier, auf dem ethischen Standpunkte wird sich Herr Gruppe allein wohl fühlen, da er es selbst wohl wissen wird, welche Mühe es ihm machte, die Klippen, die ihm auf dem „logischen“ drohten, glücklich zu umschiffen. Hier fährt er mit schwellenden Segeln auf mich los, um mich in den Grund zu bohren, hier hat er leichte Arbeit, da er bloß zu sagen braucht, ich hätte die Geseße der Sitte und Mäßigung verletzt, wenn ich die Theologen als Heuchler anklagte, aber leider muß ich ihm zeigen, daß er es sich auch hier zu leicht gemacht hat.
699
Herr Gruppe hat sich nicht einmal die Mühe genommen, er hat es auch nicht verstanden, von meiner Polemik gegen das theologische Bewußtseyn seinen Lesern ein zusammenhängendes Bild zu geben, ihre allgemeinen Wendungen und die bestimmteren Richtungen zu schildern. Er hat nur einzelne Stellen aus meiner Schrift über die synoptischen Evangelien zusammengetragen, nebeneinandergestellt und wenn er es versucht, ein allgemeines Urtheil aufzustellen, muß er wieder beweisen, daß er alle jene Stellen so wenig verstanden hat, wie die bereits besprochenen, wo ich mich in meiner „barocken Weise“ für einen Propheten erkläre und zur Verwunderung des Herrn Gruppe sage, daß ich keines Stricks bedürfte, um die Theologen sammt und sonders aus dem Tempel hinauszujagen.
700
Herr Gruppe sagt, ich behandele alle bisherige Theologen, als ob es in ihrem Begriffe liege, mit der Wahrheit im Widerspruche und mit der Unwahrheit im Bunde zu seyn, „ich hätte sie angeklagt, gegen ihre Ueberzeugung und ihr Gewissen gehandelt zu haben“ (p. 13), ich hätte sie als „arge Betrüger“, als „absichtliche Lügner“ dargestellt.
701
Wo denn aber? Ich weiß es nicht; das aber weiß ich: ich würde meine Bücher nicht geschrieben haben, wenn ich der Ansicht gewesen wäre und wenn ich mich davon überzeugt hätte, daß die Theologen absichtliche Lügner und bewußte Heuchler seyen. Solche Leute trifft die öffentliche Verachtung, aber die Wissenschaft hat mit ihnen Nichts zu thun. Ich habe nur gezeigt, daß die Theologie der Jesuitismus sey, der objectiv in der gesammten christlichen Bildung begründet ist, nämlich in der Noth eines Weltzustandes, in welchem eine Voraussetzung, die der Widerspruch selber ist, als solche gelten soll und der Verstand, die Freiheit, deren Rechte niemals ganz unterdrückt werden können, indem sie diese Voraussetzung mit Wissen und Willen geltend machen wollen, dieselbe doch wieder verspotten, aber auch in demselben Augenblicke, da sie doch wieder die Voraussetzung, das religiöse Statut, die Schrift, den Buchstaben durchsehen wollen, sich selbst verspotten.
702
Ein Widerspruch ist es schon, daß die Offenbarung selbst, die allein von oben zu kommen behauptet und die Prätension hat, uns einreden zu wollen, daß sie dieser Welt schlechthin fremd und entgegengesetzt sey, die also auch von vornherein auf allen weltlichen und vernünftigen Zusammenhang verzichtet, dennoch in menschlicher Sprache, in menschlichen Sätzen und in Formen, sogar in den Schlußformen der menschlichen Vernunft sich darstellt. Das ist die objective Heuchelei, daß die Offenbarung allerdings Nichts als Werk und Erzeugniß des menschlichen Geistes ist, also auch aus den Formen und Weisen des Geistes nicht heraustreten kann und dennoch so thut und allerdings so thun muß — denn sonst wäre sie nicht Offenbarung — als ob Hohn und Spott sie mit der Vernunft und ihren Gesetzen Nichts zu thun habe. Diese Illusion, die sich die Offenbarung selber vormacht, ist Nichts als ihr Begriff, daß sie die verkehrte, die zur Unvernunft umgekehrte Vernunft ist.
703
Haben nun die Theologen, wie Herr Gruppe p. 22 gegen mich behauptet, aber leider nicht durch Gegenbeweise gegen mein Buch sicherstellt, in der That „Ehrfurcht vor dem Heiligen gehabt, den Glauben der Gläubigen geachtet, fromme Scheu und Pietät gehegt“?
704
Nein! Ich habe in meiner Schrift bewiesen, daß sie dem Heiligen sehr rücksichtslos mit dem weltlichen Verstande zugesetzt, daß sie es nicht respectirt, daß sie es vielmehr gräulich profanirt haben.
705
Ist es ihnen nun aber wirklich auch gelungen, das Heilige ganz und gar weltlich zu machen, gründlich zu profaniren, es in den Zusammenhang mit der Welt, mit dem menschlichen Geiste, mit der Weltgeschichte herabzuziehen? Haben sie in der Unvernunft die verkehrte Vernunft, in der Zusammenhangslosigkeit den verkehrten Zusammenhang entdeckt? d. h. wenn sie es mit der vermeintlichen Heiligkeit nicht ernst meinten, haben sie es nun mit der Vernunft, der Freiheit, dem Zusammenhang ernst gemeint? Auch das nicht! Den Verstand, den sie gegen die heilige Welt in Bewegung setzten, wollten sie vielmehr nicht wirklich als Verstand zur Anerkennung bringen, sondern mit der heiligen Welt in Einheit sehen, ste haben ihn also wieder um sich selbst gebracht, indem ste ihn heilig machten. Eben so: indem sie Zusammenhang wollen, wollen ste ihn vielmehr nicht, da sie ihn in der verkehrten Welt suchen und wirklich finden: ste verkehren ihn in Zusammenhangslosigkeit und dieser Mangel an allem Zusammenhang geht so weit, daß sie endlich weder mit sich selbst noch mit der heiligen Welt in Zusammenhang und Uebereinstimmung stehen. Aber die Zusammenhangslosigkeit siegt doch und die verkehrte Welt, wenn auch die theologische verkehrte Welt, die Wahrheit und verbesserte Auflage der religiösen verkehrten Welt, steht zuletzt als das Meisterwerk des theologischen Bewußtseyns da.
706
Auch das nicht! Den Verstand, den sie gegen die heilige Welt in Bewegung setzten, wollten sie vielmehr nicht wirklich als Verstand zur Anerkennung bringen, sondern mit der heiligen Welt in Einheit sehen, ste haben ihn also wieder um sich selbst gebracht, indem ste ihn heilig machten. Eben so: indem sie Zusammenhang wollen, wollen ste ihn vielmehr nicht, da sie ihn in der verkehrten Welt suchen und wirklich finden: ste verkehren ihn in Zusammenhangslosigkeit und dieser Mangel an allem Zusammenhang geht so weit, daß sie endlich weder mit sich selbst noch mit der heiligen Welt in Zusammenhang und Uebereinstimmung stehen. Aber die Zusammenhangslosigkeit siegt doch und die verkehrte Welt, wenn auch die theologische verkehrte Welt, die Wahrheit und verbesserte Auflage der religiösen verkehrten Welt, steht zuletzt als das Meisterwerk des theologischen Bewußtseyns da.
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Sehen Sie, Herr Gruppe: das ist die theologische Heuchelei. Ehe Sie gegen mich auftraten und mich des Verbrechens der beleidigten theologischen Heiligkeit anklagten, hätten Sie genauer untersuchen sollen, was ich denn eigentlich an den Theologen auszusehen habe, und dann wäre es Ihre Pflicht gewesen, zu prüfen, ob ich Recht oder Unrecht habe. Sie haben Keines von Beiden gethan. Sie schildern nicht meine Arbeit, Sie haben nur auf sie geschimpft.
708
In meinem Benehmen gegen die Theologen sehen Sie (p. 13) „Maaßlosigkeit“, „Tobsucht“, „absoluten Mangel an aller Haltung.“ Den „Ton“ meiner Schilderungen der Theologen nennen Sie (p. 14) „zügellos;“ Sie vermissen in meinem Benehmen die „Besonnenheit“ und Sie, Herr Gruppe, haben nicht einmal verstanden, was ich von den Theologen gesagt habe. Sie haben nicht bewiesen, daß ich das Ziel verfehlt habe, Sie haben meine Schilderung des theologischen Bewußtseyns und das Original nicht zusammengehalten, Sie haben Nichts gethan, als nur geschimpft.
709
Sie sagen, Herr Gruppe, (p. 22) „diese fromme Stimmung des innersten Gemüthes - (nämlich die vorher gepriesene „Ehrfurcht der Theologen vor dem Heiligen“) - schaamlos und immerfort schaamlos zu nennen, ist wahrlich zu grell und schneidend.“
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Wie, Herr Gruppe, was habe ich schaamlos genannt? Das theologische Bewußtseyn? Das theologische Benehmen gegen die Schrift und die Gesetze der Sprache und der Vernunft? Nein! Das habe ich jesuitisch genannt und als Jesuitismus nachgewiesen. Wann sage ich also, daß das theologische Bewußtseyn schaamlos wird? Dann, wenn es der Wissenschaft mit Gewalt einreden will, es erkläre die Schrift, während es dieselbe mißhandelt.
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Sehen Sie, das ist etwas ganz Anderes! Sehen Sie, so haben Sie meine Bücher gelesen! So benehmen Sie sich gegen die Wissenschaft.
712
„Sich nicht vorstellen können, daß es noch andere Ueberzeugungen und Stimmungen gibt, als in der man sich gerade selbst befindet, sagen Sie p. 21, ist immer eine Beschränktheit.“
713
Das soll mir gelten, Herr Gruppe? Mir? Ich sollte mir von der Möglichkeit des theologischen Bewußtseyns keine Vorstellung machen können? Ich habe es ja erklärt! Ich habe diese espèce des Bewußtseyns anatomirt! Meiner Darstellung fehlt also das Maaß und die Besonnenheit? Sonderbarer Vorwurf, wenn ihn Jemand ausspricht, von dessen Sprache und Darstellung ich jeden Augenblick zeigen muß, wie unbestimmt, haltlos gegenstandlos sie ist! Sonderbarer Vorwurf gegen einen Kritiker, der die theologische Sprache als den Ausdruck des maaflosesten Widerspruchs charakterisirt hat! Maaß und Besonnenheit wäre nicht bei dem Kritiker zu finden, der sich durch alle Widersprüche der Evangelien und durch alle jene theologischen Machtsprüche, die wiederum mit dem biblischen Texte in Widerspruch stehen, hindurcharbeitet d. h. alle jene Widersprüche in diejenige Stellung bringt, in der sie sich selbst auflösen und sich am Schluß endlich in die richtige Erklärung der Sache auflösen? Das wäre nicht besonnen, wenn der Kritiker nicht eher zum Schluß kommen will, als bis er alle Hindernisse, die sich ihm entgegenstellen, wirklich überwunden hat? Das kein Maaß, wenn wir die Maaßlosigkeit der Widersprüche in den Evangelien dadurch, daß wir sie erklären, aufheben und die Maaßlosigkeit der theologischen Unbestimmtheit dadurch, daß wir sie analysiren und begreifen, um alle Bedeutung bringen?
714
Meiner Darstellung fehlt also das Maaß und die Besonnenheit? Sonderbarer Vorwurf, wenn ihn Jemand ausspricht, von dessen Sprache und Darstellung ich jeden Augenblick zeigen muß, wie unbestimmt, haltlos gegenstandlos sie ist! Sonderbarer Vorwurf gegen einen Kritiker, der die theologische Sprache als den Ausdruck des maaflosesten Widerspruchs charakterisirt hat! Maaß und Besonnenheit wäre nicht bei dem Kritiker zu finden, der sich durch alle Widersprüche der Evangelien und durch alle jene theologischen Machtsprüche, die wiederum mit dem biblischen Texte in Widerspruch stehen, hindurcharbeitet d. h. alle jene Widersprüche in diejenige Stellung bringt, in der sie sich selbst auflösen und sich am Schluß endlich in die richtige Erklärung der Sache auflösen? Das wäre nicht besonnen, wenn der Kritiker nicht eher zum Schluß kommen will, als bis er alle Hindernisse, die sich ihm entgegenstellen, wirklich überwunden hat? Das kein Maaß, wenn wir die Maaßlosigkeit der Widersprüche in den Evangelien dadurch, daß wir sie erklären, aufheben und die Maaßlosigkeit der theologischen Unbestimmtheit dadurch, daß wir sie analysiren und begreifen, um alle Bedeutung bringen?
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Bei uns Kritikern ist allein Maaß und Besonnenheit zu finden. Wir entlarven die Heuchelei der theologischen Sprache; wenn sich der Theologe in Worten übernimmt, so lassen wir seine unbesonnene Anmaaßung sich an der Kraft der einfachen Wahrheit brechen; die Kritik hat das Geheimniß von der Aufgedunsenheit und Hohlheit die Unbestimmtheit und Maaßlosigkeit der Religion und der theologischen Sache, die eine fortgehende Verspottung des wahren Maaßes aller Dinge, des Menschen ist, erklären wir als das, was sie ist, als diese Verspottung des wahren Maaßes und uns sollte das Maaß und die Besonnenheit fehlen?
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Wenn den Griechen daß Maaß und die Besonnenheit eigen war, weil sie den Menschen als das Maaß aller Dinge anerkannten, so ist die Kritik die Wiedergeburt des Griechenthums, indem sie das Selbstbewußtseyn einem fürchterlicheren Feinde als derjenige war, mit dem die Griechen zu kämpfen hatten, wieder abgewinnt. Die Griechen hatten den Menschen aus der Gewalt der Natur zu befreien, ihre Götter selbst stritten für den Menschen — sie waren aber selbst die siegreiche Menschheit gegen die Ungethüme und Ungeheuer der Natur. Wir haben dagegen den Menschen dem Himmel, d. h. dem geistigen Ungethüme, dem verkehrten Geiste, dem Gespenst, der Unbestimmtheit, der geistigen Illusion, der Lüge wieder abzugewinnen. „Wir haben nicht mit Fleisch und Blut zu kämpfen, sondern mit Fürsten und Gewaltigen, nämlich mit den Herren der Welt, die in der Finsterniß dieser Welt herrschen, mit den bösen Geistern unter dem Himmel“ (Ephes. 6, 12). Wir haben mit dem letzten Feind des Menschen zu kämpfen, mit dem Unmenschen, mit der geistigen Ironie auf die Menschheit, mit der Unmenschlichkeit, die der Mensch gegen sich selbst begangen hat, mit der Sünde, deren Bekenntniß dem Menschen am Schwersten fällt, da sie unendlich seiner Selbstsucht schmeichelt, indem sie ihn seinem wahren Maaße entrückt und mit der Glorie, d. h. mit dem gränzenlosen Dunst der himmlischen Unbestimmtheit umgibt. Die Kritik bringt den Menschen wieder zu sich selbst, nachdem er auf eine grauenvolle Weise außer sich gewesen war und wie ein Solcher, der von sich selbst gekommen ist, geredet hatte. Wenn jemals Etwas das Maaß und die Besonnenheit bewahrt hat, so ist sie es.
717
Herr Gruppe meint aber besonders meine leidenschaftlichen Aeußerungen über die Theologen und die Theologie, wenn er mir vorwirft, ich hätte nicht „die sittliche Haltung“ beobachtet, die mir zugekommen wäre. Die Leidenschaft wird also aus dem Staate, wie ihn sich Herr Gruppe denkt, nothwendig zu verbannen seyn, die Leidenschaft ist unsittlich, sie verletzt den öffentlichen Anstand gewiß, Herr Gruppe hat ohne Leidenschaft gegen mich gehandelt. Sein Mangel an Leidenschaft geht so weit, daß er die Sache, die er vertheidigen will, aus ihrem „Helldunkel“ nicht herauszuziehen und zu umarmen wagt, so weit, daß er mir nicht einmal auf den Leib rückt, seine Augen nicht einmal so weit öffnet, um zu sehen, was ich denn nun wirklich behaupte. Herr Gruppe und alle die Wohlmeinenden, in deren Namen er spricht und die ihn mit ihrem Beifall belohnt haben, wollen Schlachten ohne Pulverdampf, ohne Kanonendonner und Blutvergießen; Musik ohne Paukenschlag, ohne die ergreifende Vibration der Luftschichten; Reinigung und Wiederherstellung des Gleichgewichts der Atmosphäre ohne Gewitter, d. h. sie wollen keine Schlachten, keine Musik, keine gesunde Atmosphäre.
718
Die Frage, ob ich in dem, was ich gegen die Theologen sage, überhaupt Recht habe, hat Herr Gruppe, wie alle diejenigen, die an meiner Sprache Anstoß nehmen, entweder gar nicht aufgeworfen oder, wenn er ihre Vereinigung voraussetzt, dieselbe so vorausgesetzt, daß er beweist, er wisse nicht einmal, was ich gegen die Theologen gesagt habe.
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Auch andere, die sonst meiner Kritik ihre Zustimmung nicht versagen, können gegen meine Aeußerungen über die Theologen ungehalten seyn oder behaupten, sie seyen für das Ganze störend und dem Eindruck, den die Kritik rein als solche machen müßte, hinderlich.
720
Allein sie beweisen dann eben, daß sie doch nicht der Kritik ihre wirkliche Zustimmung geben oder nicht wissen, welche Stellung und Bedeutung sie in der Gegenwart hat.
721
Ist es denn nur an einzelnen Stellen, daß ich die Narrheit der Theologen schildere, ihre Lüge und Heuchelei anklage? Nein! gegen die Theologie und gegen die Religion. Das ganze Werk ist Ein Beweis, Eine Anklage der Schmach, welche die Theologie der Welt und der Menschheit angethan hat.
722
Sollte ich nun den Theologen sanft und leise zulispeln, daß sie Unrecht haben, daß ihr ganzes Gewerbe Ein Unrecht ist? Sollte ich es, wie jene klugen Leute machen, die sich erstaunlich viel darauf einbilden, wenn sie dem Andern in den vermeintlich höflichsten Wendungen die sogenannte Wahrheit, die gewöhnlich so dürftig ist, daß sie nicht einmal dieser trivialen Umschweife werth war, gesagt haben? O, es gibt Nichts Niederträchtigeres, Nichts Platteres und Gröberes in der Welt als diese Höflichkeit der theologischen Recensenten-Sprache.
723
Sollte ich, wenn ich die theologischen Künsteleien aufgelöst und unnütz gemacht habe, nun den Theologen mein Compliment machen und mich wie jene theologischen Recensenten thun, ihrem ferneren Wohlwollen empfehlen? Oder sollte ich stillschweigend meines Weges weiter gehen?
724
Nein! Das war nicht möglich – es wäre selbst ein Unrecht gewesen, ich hätte damit zu erkennen gegeben, daß ich nicht wußte, was jetzt mit der gesammten Theologie zu thun sey.
725
Kommt es jetzt wohl nur darauf an, diese oder jene Stelle der Schrift richtig zu erklären? Oder selbst die ganze Schrift und ihren Ursprung richtig zu erklären? Als ob nicht diese Erklärung der Bruch mit der ganzen bisherigen christlichen, religiösen und theologischen Welt, als ob nicht dieser Bruch als solcher auch auszusprechen und auszuführen sey.
726
Die aufgelöste Theologie muß auch zurückgestoßen, aus der Berührung mit der wirklichen Welt entfernt werden. Es ist wichtig, daß der Theologie endlich einmal ohne Rückhalt gesagt wird, was sie vor dem Richterstuhl der wahren Menschheit werth sey, es ist wichtig, daß es ihr innerhalb einer Arbeit über denselben Gegenstand, den sie nun so lange gemishandelt hat, gesagt werde, und sittliche Pflicht war es also – nicht ein Mangel an sittlicher Haltung – den sittlichen Unwillen, die sittliche Indignation, sobald sie einmal möglich oder über sich selbst klar geworden waren, sich mit der ersten Kraft der Selbsterkenntniß über die Falschheit des theologischen Spieles aussprechen zu lassen.
727
Es war aber unmöglich, der sittlichen Indignation „das Maul zu stopfen.“ Wenn die Leidenschaft – und ohne Leidenschaft ist eine gediegene Arbeit unmöglich – sich in den feindlichen Gegenstand eingebohrt hat, sich durch ihn hindurcharbeitet und nach der Zertheilung während der Arbeit, nachdem sie den Gegenstand vollständig aufgelöst hat, wieder als ganze, aber siegreiche Leidenschaft zu sich selbst kommt, so wird sie sich auch als diese ganze Leidenschaft aussprechen dürfen und müssen. Die Begeisterung für die Freiheit, die sich selbst ins Gefängniß begeben, die Fesseln zerbrochen, die Gefangenen befreit und endlich das Gefängniß zerstört hat, soll sie nicht auf den Trümmern des Gefängnisses jubeln und die zerbrochenen Fesseln mit Verachtung zu Boden werfen? Das Feuer, welches das Innere des Gebäudes von unten bis oben ergriffen hat, wird endlich als ganze lichterlohe Flamme über dem zusammenstürzenden Gebäude zusammenschlagen.
728
Meine einzige Sorge hiebei war nur die, das Feuer nicht zu frühzeitig hervorbrechen, die Leidenschaft nicht voreilig zu ihrem stärksten Ausdruck kommen zu lassen, nicht zur Unzeit Victoria zu rufen und der heuchlerischen Theologie immer nur dann erst, wenn ihr Unrecht im Einzelnen bewiesen ist, den Scheidebrief zu geben – ich glaube, die Leidenschaft richtig vertheilt und ihren Gesammtausdruck immer an den richtigen Ort gestellt zu haben. Nie habe ich meinen Unwillen gegen die Heuchelei ausgesprochen, wenn ich sie nicht als solche entlarvt und den Leser dahin gebracht hatte, daß er den Unwillen gegen sie selbst fühlen mußte, und in der Art und Weise, wie ich von dem ersten Bande meiner Schrift bis zum Schluß derselben das theologische Bewußtseyn allmählig bloßstelle, bis es zuletzt als der Gegenstand der entschiedensten Verachtung dasteht oder vielmehr zu Boden fällt, glaube ich auch richtig und von der Schrift über das vierte Evangelium an allmählig genug vorgeschritten zu seyn. An diese ästhetische Frage haben aber meine Gegner nicht einmal denken können, die Frage nach der Form lag ihnen viel zu fern, da sie schon den Stoff, die Leidenschaft, das Feuer, den Unwillen falsch beurtheilten oder geradezu verdammten. Ich habe aber nicht nur die Theologie und die Theologen, sondern die Religion selbst verspottet sowohl in meinen Schriften, die ausdrücklich zu diesem Zweck von mir abgefaßt sind, der „Posaune“ und „Hegels Lehre von der Kunst und Religion“, als auch in meiner Arbeit über die Evangelien durch die Rücksichtslosigkeit der Kritik, durch die strenge Nachweisung der Widersprüche, durch die Unbarmherzigkeit, daß ich die Berichte der Evangelisten ernstlich nahm und ihre Gedankenlosigkeit und Inhaltslosigkeit nicht mit dem Mantel der Liebe, nicht mit dem Schleier des religiösen Bewußtseyns zudeckte, d. h. nicht mit dem Auge der religiösen Beschränktheit betrachtete.
729
Als Marheineke sein Separat-Votum schrieb, war die „Posaune“ noch nicht erschienen - aber auch die Frivolität, mit der ich in meiner Schrift über die Evangelien die Religion betrachte, war für ihn so gut wie nicht da: ihre Offenheit und consequente Durchführung konnte er nicht bemerken, da ihm die Kritik nur als Willkühr oder als Verirrung erschien, mit denen man es von vornherein nicht ernst nehmen dürfe. Marheineke glaubt nicht an den Ernst der Kritik; er konnte sich also auch nicht einmal vorstellen, wie weit ihr Gegensaß gegen die Religion gehen könne.
730
Als ich nun in die „Posaune“ gestoßen hatte, was sagt er über ihren „Ton“? Nichts weiter als daß es „bei der gegenwärtigen Erweiterung der Preßfreiheit zu verwundern und gewiß als ein verzweifelter Zustand zu beklagen sey, daß man so oft noch zur Ironie, Satyre und Persiflage seine Zuflucht nimmt und zu diesem Zweck die Larve der Frömmigkeit vornimmt, um desto sicherer zu täuschen, besonders aber die biblische Sprache mißbraucht zu solchen Zwecken der Verhöhnung und Verspottung.“ (p. 46).
731
Als ich nun in die „Posaune“ gestoßen hatte, was sagt er über ihren „Ton“? Nichts weiter als daß es „bei der gegenwärtigen Erweiterung der Preßfreiheit zu verwundern und gewiß als ein verzweifelter Zustand zu beklagen sey, daß man so oft noch zur Ironie, Satyre und Persiflage seine Zuflucht nimmt und zu diesem Zweck die Larve der Frömmigkeit vornimmt, um desto sicherer zu täuschen, besonders aber die biblische Sprache mißbraucht zu solchen Zwecken der Verhöhnung und Verspottung.“ (p. 46).
732
Von der „gegenwärtigen Erweiterung der Preßfreiheit“ wollen wir schweigen, obwohl der empörende Gedanke, daß in dem Falle, wenn „die Freiheit erweitert“ wird, bereits Freiheit vorhanden sey oder überhaupt von Freiheit die Rede seyn könne, ohne Unterlaß, täglich, stündlich als der ärgste Verrath an der Freiheit denuncirt und angeklagt werden müßte. Wenn der Gefangenwärter dafür zu sorgen hat, daß der Gefangene seinen Kerker nicht verlassen könne, so weiß er woran er ist, und er sowohl wie der Gefangene sind tausend unnützer Quälereien überhoben. Wenn aber der Wärter den Auftrag erhält, dem Gefangenen zuweilen freie Bewegung zu geben, aber immer noch Wärter bleibt und den Gefangenen immer noch wieder zur festgesetzten Stunde in den Kerker zurückzuführen hat, so muß seine Angst und Besorgniß, daß er dem Gefangenen vielleicht zu viel Freiheit, ja ihm die Möglichkeit zu entfliehen geben möchte, fürchterlich, wenn es Vorsichtsmaaßregeln gilt, erfinderisch und dem Gefangenen zur Höllenqual werden. Bei jedem Schritt, den der Gefangene thun will, wird der Wärter schwanken, ob er ihn hier oder dorthin gehen lassen soll, beide werden sich gegenseitig jeden Augenblick zur Qual werden und die Zeit zurück wünschen, wo ihr Verhältniß mit weniger Umständen verknüpft war, oder der Gefangene wird nur noch mehr an eine Zukunft denken, wo er dem Wärter gar keine Wer zu dem Volke von Freiheit spricht, wenn der Druck der Fesseln gelinder d. h. nur noch fühlbarer wird, verräth die wahre Sache des Volks, indem er dazu beiträgt, daß der Gedanke der wahren, der aufrichtigen Freiheit abgestumpft oder endlich völlig zurückgedrängt wird.
733
Marheineke sagt, ich hätte „die Larve der Frömmigkeit vorgenommen, um desto sicherer zu täuschen“. Ich erkläre dagegen und meine beiden Schriften werden es dem Kenner beweisen, daß ich Niemanden habe täuschen wollen. Nicht einmal die Censur habe ich täuschen wollen, höchstens konnte ich nur hoffen, ihre Verantwortlichkeit geringer zu machen, wenn sie sich auf die Form der religiösen Anklage berufen konnte, in der sie Grundsätze durchließ, deren Proclamation sie „bei der gegenwärtigen Erweiterung der Preßfreiheit“ in jedem Falle hätte unterdrücken müssen.
734
Wenn ich hätte täuschen wollen, so hätte ich entweder gar nicht oder so wie meine Gegner, d. h. mit derselben Muthlosigkeit, Unklarheit, Unbestimmtheit schreiben, d. h. mit dem Schein derselben totalen Unkenntniß über die Sache sprechen d. h. also wiederum meine Schriften ungeschrieben seyn lassen müssen, da ich es nicht über mich erlangt haben würde, ein Nichtssagendes und überflüssiges Buch zu schreiben.
735
Indem meine Gegner selbst über die Profanation dessen reden, was ihnen als das Höchste gilt, wenigstens als solches gelten und von ihnen mit dem höchsten Aufwand von Kraft vertheidigt werden müßte, beweisen sie, daß sie nicht einmal ihre Sache vertheidigen und scharf auffassen können. Marheineke verwundert sich nur, daß man „bei der gegenwärtigen Erweiterung der Preßfreiheit“ noch zur Ironie, zum Spott seine Zuflucht nimmt, er „beklagt“ es nur als „einen verzweifelten Zustand“, sagt aber nicht warum dieser Zustand ein „verzweifelter“ sey, und fragt nicht, ob er etwa nicht eintreten mußte.
736
Herr Gruppe meint, ich hätte mich „maskiren und gegen mich auftreten müssen“ – als ob die „Posaune“ gegen mich gerichtet wäre! weil sich zu meinem Aerger keine Denuncianten fanden, von denen wir Hegelianer immer zu sprechen pflegten und von denen ich auch ein Jahr vorher gesprochen hatte (p. 77). Wie schwach, wie klein und noch dazu wie falsch ist diese Denunciation! Also im Jahre 1840 und 1841 lebte die Wissenschaft in Ruhe und Frieden? Der Janustempel war geschlossen? Das Lamm weidete mit dem Wolfe? Die Lämmerheerden schrien nicht, wenn ein Wolf in sie einbrach? Herr Gruppe muß die Geschichte dieser beiden Wunderjahre uns nothwendig schreiben, die Geschichte von Jahren, in denen der Glaube seine erste Pflicht, die er gegen die Wissenschaft zu erfüllen hat, die Pflicht der Denunciation vergaß. Der Glaube muß denunciren und er hat auch in jenen beiden Jahren denuncirt, er hat auch mich – und ich bin wahrlich am weitesten davon entfernt, ihm deshalb einen Vorwurf zu machen, daß er mich denuncirt, und ist denn etwa die Denunciation nicht jest endlich so laut geworden, daß ich nur früher that, was der Glaube jest thut? Aber ich that es nicht nur früher, sondern auch reiner, stärker, richtiger als der Glaube es jekt thut und als er es in den nächsten Jahren vorher gethan hatte. Der Glaube ist so schwach und unbestimmt geworden, daß er seinen Gegner nicht einmal tüchtig und richtig anklagen kann. Die Wissenschaft mußte ihm einmal zeigen, was eine grande dénonciation sey. Sie that es früher, ehe er selbst dahinter kam, daß der Gegensatz verzweifelt geworden sey, um zu zeigen, daß sie die Collision beherrsche, über dieselbe schon hinaus sey und sie mit freiem Bewußtseyn und absichtlich herbeigeführt habe.
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Herr Gruppe sagt, ich hätte dem Gegner „beschränkte und kurzsichtige Dinge“ — man höre die Sprache „kurzsichtige Dinge“! — „in den Mund gelegt.“ Herr Gruppe mag also — er muß, er muß alle die Aufgaben lösen, die ich ihm zu stellen gezwungen bin — den Beweis liefern, daß er in seiner Schrift den Glauben gescheidter sprechen lasse, daß er ihn überhaupt so gescheidt sprechen lasse, als ich ihn habe sprechen lassen. Meint Herr Gruppe, ich hätte den Glauben gar zu beschränkt gemacht, so hätte er fragen sollen, ob der Glaube nicht die Beschränktheit selber sey. Seine Schrift ist vielmehr ein neuer Beweis, daß der Glaube auch nicht Ein treffendes Wort gegen seinen Gegner vorbringen könne, und der Glaube ist sogar — wie die Einwendungen und Denunciationen meiner Gegner beweisen, — so schwach geworden, daß er keine einzige Wendung mehr vorbringen kann, die sich mit denjenigen, die ich in meinen beiden Schriften angebracht habe, im entferntesten messen könnte. Meine Gegner haben nicht einmal meine Kritik schildern können — wie stolz hätte Herr Gruppe seyn können, wenn er die Schilderung meiner Methode geschrieben hätte, die ich in der Einleitung zu der Schrift über Hegels Lehre von der Kunst und Religion mitgetheilt habe! Der Glaube ist so altersschwach und unfähig geworden, daß er den Gegensatz, in dem er steht, nicht einmal fassen kann. Natürlich! Nur die Macht, der der Sieg zukommt und die an sich über den Gegensatz, in den sie die Geschichte gestelt hat, hinaus ist, kann ihn auch begreifen und schildern.
738
„Eine Parthei, die zu solchen Waffen greift, kann sich unmöglich stark fühlen“, sagt Herr Gruppe p. 77 d. h. eine Parthei, die vor allen Mächten des Bestehenden, vor der Regierung, vor der Masse aller ihrer Gegner die Consequenzen ihres Princips ausspricht, sich ihren Gegnern freiwillig stellt, ihren Gegnern ein Bewußtseyn über den Gegensatz gibt, dessen sie selber unfähig sind, eine Parthei, die vor aller Welt ihr Panier entfaltet und der Schaar ihrer Widersacher Waffen gibt, die ihnen mangelten, noch mehr, die ihren Gegnern auch Kraft gibt, diese Waffen zu tragen und zu gebrauchen, eine Parthei, die den Arm ihrer Gegner auf sich selbst richtet - ja, eine solche Parthei ist schwach.
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Eine solche Parthei hat nach der Ansicht des Herrn Gruppe p. 98 „überhaupt kein Bewußtseyn von dem, was sie thut:“ d. h. es hilft ihr Nichts, daß sie den Gegensatz, den sie selbst geschaffen hat, in seiner Schärfe darstellt: ihre Gegner können ihn doch nicht verstehen.
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Eine solche Parthei hat nach der Ansicht des Herrn Gruppe p. 98 „überhaupt kein Bewußtseyn von dem, was sie thut:“ d. h. es hilft ihr Nichts, daß sie den Gegensatz, den sie selbst geschaffen hat, in seiner Schärfe darstellt: ihre Gegner können ihn doch nicht verstehen.
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Nach der Ansicht Marheineke's habe ich einen doppelten Mißbrauch getrieben: ich habe einzelne „Einfälle Hegels und die biblische Sprache“ gemißbraucht.
742
Hegel mag sich dafür bedanken, daß die Reihe der Gedanken, die sich an die Spitze seines Systems hervordrängen und alle Mächte der alten Welt niederwerfen „witzige Einfälle“ genannt werden, die er gewiß (p. 34) unterdrückt haben würde, wenn er gewußt hätte, daß sie verlegen oder gemißbraucht werden können. Ich hätte, sagt Marheineke, einzelne Sätze und Sprüche Hegels aus dem Zusammenhange gerissen: ich habe sie vielmehr in den Zusammenhang gestellt, in dem sie erst ihre wahre Bedeutung erhalten.
743
Ich hätte nicht, bemerkt Marheineke weiter, den Beweis geliefert, daß diese Sätze und Sprüche „in dem Hegelschen System eine so wesentliche, nothwendige Stelle haben, daß ohne sie er nicht seyn und bestehen kann.“ In der „Posaune“ und in der Komödie, die von ihr eingeleitet ist, hatte ich nur dafür zu sorgen, daß jene Sätze durch sich selbst und durch ihren gemeinsamen Gegensatz gegen die Religion in ihren innern Zusammenhang gestellt würden: die Frage, welche Stelle sie in dem gesammten Hegelschen System haben, wie sie sich zu den beschränkteren Momenten dieses Systems verhalten, wie diese Momente sich selbst schon in der Phänomenologie ankündigen und wie sie die Logik zum Theil mysteriös machen, diese Frage gehörte noch nicht in jene Komödie, in welcher nur die Spitze des Systems sichtbar werden durfte, und die gemeinsamen Arbeiten der Gegenwart werden ihre Beantwortung zeitig genug liefern.
744
Was (p. 46) „die biblische Sprache“ betrifft, so habe ich sie zu den Zwecken der Verspottung und Verhöhnung nicht „gemißbraucht“, sondern sie so gebraucht, wie sie gebraucht seyn will. Ich habe sie dem wichtigen Gebrauche zurückgegeben oder vielmehr nur offen gezeigt, wie sie allein gebraucht werden kann und wie sie bisher gebraucht worden ist. Ihren Bettelstolz habe ich in sein wahres Licht gesetzt.
745
Die Theologen, die bisher die Sprüche der Bibel als Zeugen für ihre speculativen Sätze oder sonstigen aufgeklärten Ansichten gemißbraucht haben, und nur sie allein, können sich darüber beklagen, wie ich die Bibel habe zeugen lassen: die Bibel selbst aber kann und wird sich nicht beklagen. Sie muß sich freuen, daß ich sie das habe seyn lassen, was sie ist: den Spott über alle menschlichen freien Interessen, den Spott und die Ironie auf die Menschheit selbst.
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dadurch verspottet, daß ich sie als das, was sie ist, einführte?
747
Ich habe sie nur in ihren richtigen Gegensatz gestellt; ich habe ihren Gegensatz, die Kunst und die Wissenschaft, den Gegensatz, den sie haben und verspotten will, ihr wirklich gegenübergestellt.
748
Aber durch diesen Gegensatz und durch die Art und Weise, wie sie ihn beurtheilt, habe ich sie verspottet? Was kann ich dafür, wenn sie sich täuscht, indem sie mit Kunst und Wissenschaft eine Komödie aufführt, wenn diese vielmehr mit ihr Komödie spielen?
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Ich habe ihr nur das wiedergegeben, was sie der Menschheit und ausdrücklich ihren früheren Gegnern angethan hat. Wie spottet die Schrift über das Heidenthum und über die steinernen Götzen, die Augen haben und nicht sehen? Wie spotten die Propheten über das Gesetz, wie nennt z. B. Maleachi die gesetzlichen Feste Dreck, den Jehova den Juden „ins Angesicht werfen wird, daß er kleben bleibt.“ Und Paulus nennt Alles außer Christo Dreck und Dreck ist der Religion Alles außer ihr!
750
O, die Religion kann herrlich spotten!
751
Der Spott ist in einem bestimmten Stadium des Kampfes eine nothwendige Waffe. Er ist der Beweis, daß die Theorie so weit mit dem Gegenstande fertig geworden ist, daß seine Herrschaft vollkommen aufgehört hat und der Geist auch praktisch zur Freiheit gelangt ist. Der Spott tritt in jenem Augenblicke ein — aber nur in diesem Augenblicke, — wenn die Theorie sich vollendet und die bisherige praktische Geltung des Gegenstandes auch praktisch leugnen muß. Der Spott ist noch die theoretische Befreiung von einer Macht, die noch praktisch herrscht - er ist die Weissagung des Weltzustandes, in welchem die theoretisch gestürzte Macht auch praktisch überwunden ist.
752
Der religiöse Spott ist aber plump, roh, gewaltsam, weil er nicht das Wesen der Sache verspottet und sich nur an die Erscheinung und Aeußerlichkeiten hält oder die Sache unbesehen wegwirft. Der Spott der Wissenschaft greift das Wesen an, weil er das Verständniß und die Erfüllung desselben voraussetzt - er ist unvermeidlich, weil er in der richtigen Aufstellung des Gegensatzes besteht.
753
Die Anmaaßung der Kritik.
754
Habe ich nach der Ansicht meiner Gegner gefehlt, so hätte ich nur dann nicht fehlen können, wenn ich die Religion, Kunst und Wissenschaft nicht in ihren Gegensatz gestellt hätte. Die Religion will aber diesen Gegensatz, sie will ihren Gegensatz verspotten, d. h. von diesem verspottet werden. Der Theologe muß diesen Willen der Religion ausführen und ich habe mir demnach ein Verdienst um sie erworben, wenn ich diesen ihren letzten Willen ausführte.
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Selbst der äußerste Spott, den die Kritik gegen die Religion ausübt, hat die Gegner der Kritik nicht aus ihrer Indolenz reißen und ihnen über den Ernst des Gegensatzes die Augen öffnen können. „Den Teufel merkt das Völkchen nie und wenn er sie beim Kragen hätte.“ Nur ein Zufall ist es — Herr Gruppe wird es uns sogleich beweisen, daß ihnen zuweilen eine Ahnung kommt, wie weit die „Anmaaßung“ der Kritik geht. Wir werden sehen, ob sie diese günstigen Augenblicke benutzen, um endlich hinter den Ernst des Gegensatzes zu kommen.