Back Show Notes
Die gute Sache der Freiheit und meine eigene Angelegenheit

X. Die Liberalität der Philosophie

Deutsch

Author: Bruno Bauer  Year: 1842 

774 Herr Gruppe und alle, die ihm gleichen, haben aus der bisherigen Literatur der Kritik noch nicht ersehen können, was denn eigentlich jest in der Welt vorgehe: ein Paar Worte werden es ihnen vielleicht besser sagen. Hören Sie also!
775 „Es ist eine Thorheit, sagt Herr Gruppe p. 98, an die Stelle einer Religion eine Philosophie setzen zu wollen; aber es ist auch eine Ohnmacht. Wer eine Religion stürzen will, müßte wieder eine Religion bringen.“
776 Hören Sie also!
777 Sie meinen, wer eine Schranke auflöst, muß wieder eine Schranke sezen? Wer ein Verbrechen sühnt, muß sogleich darauf wieder eines begehen? Wenn ich die Lüge der Theologie aufhebe, muß ich sogleich aufs neue für Lügen sorgen? Wenn ich die Heuchelei der Theologen entlarve, muß ich eine neue Larve erfinden?
778 Das wäre schon falsch, wenn es sich um eine Schranke überhaupt, um eine Illusion überhaupt handelt, obwohl es sich allerdings von selbst gewöhnlich so macht, daß, wer nur gegen eine bestimmte Schranke kämpft, falls er gesiegt hat, bei einer weiteren sich niederlassen und ausruhen wird.
779 Nicht um eine bestimmte Schranke, nicht um eine bestimmte Illusion handelt es sich, sondern um die Schranke, um die Illusion schlechthin.
780 Nicht Eine Religion, nicht eine bestimmte Religion wird jest erkannt und durch die Erkenntniß aufgelöst, sondern die Religion.
781 Die Religion hören Sie? die Religion schlechthin wird von der Kritik gestürzt.
782 Und an ihre Stelle: was setzen wir? Herr Gruppe meint, wir wüßten es nicht oder es sey etwas nur Zukünftiges – eine Seite vorher sagte er, wir wollten eine Philosophie an die Stelle der Religion sezen –.
783 Und an ihre Stelle: was setzen wir? Herr Gruppe meint, wir wüßten es nicht oder es sey etwas nur Zukünftiges – eine Seite vorher sagte er, wir wollten eine Philosophie an die Stelle der Religion sezen –.
784 Nein, Herr Gruppe! weder eine Philosophie, noch die Philosophie.
785 Also wir wissen es nicht! „Es ist thöricht, muß uns Herr Gruppe p. 99 zurufen, erst Raum zu machen für das, was kommen soll, es ist doppelt thöricht, hinterdrein nicht wissen, was dieses sey.“ Wir Armen! „Habt ihr etwas, so gebt es!“ ruft uns Herr Gruppe sehr herausfordernd zu. Nein! Herr Gruppe, Ihnen und Ihres Gleichen geben wir Nichts, nehmen wir Nichts, Sie haben Nichts und wollen Nichts haben. Sie würden sich sehr dafür bedanken, wenn wir Ihnen das anbieten wollten, was wir zu geben haben.
786 Auch Marheineke vergißt, daß wir die Philosophen zu Allem in Allem machen wollen, auch er sagt: „Fragt man sie aber (p. 39), was sie denn und ob sie überhaupt etwas an die Stelle des Christenthums zu setzen denken, so hat man – (wir laffen das folgende Wortspiel aus) – allen Grund zu erwarten, daß sie Nichts als ein leeres Blatt zur Geschichte der Religion herbeizubringen haben.“
787 Auch Marheineke vergißt, daß wir die Philosophen zu Allem in Allem machen wollen, auch er sagt: „Fragt man sie aber (p. 39), was sie denn und ob sie überhaupt etwas an die Stelle des Christenthums zu setzen denken, so hat man – (wir laffen das folgende Wortspiel aus) – allen Grund zu erwarten, daß sie Nichts als ein leeres Blatt zur Geschichte der Religion herbeizubringen haben.“
788 Nein! auf diesem Blatt, auf welchem wir die Religion löschen, auf diesem doppelt beschriebenen Blatte, auf diesem Palimpsest tritt, wenn die Religion gelöst ist, die Urschrift wieder hervor, die von classischem Werthe ist. Mönche haben die Urschrift durch ihr Gekritzel verdorben, wir stellen sie wieder her und der Mensch steht auf dem Blatte, welches wir zur Weltgeschichte herbeibringen.
789 Ist das Nichts, den Menschen zum Menschen machen? Den Menschen sich selbst wieder geben? Ist das Nichts, den Menschen von den Fesseln befreien, die ihn bisher gehindert haben, ganz Mensch zu seyn? Das wäre Nichts, an die Stelle der Knechtschaft die Freiheit, der Unvollkommenheit die Vollkommenheit, des Mangels die Fülle, an die Stelle der Krankheit die Gesundheit setzen?
790 Ist der Mensch euch Nichts? Kein Etwas? Allerdings ist er euch Nichts, weil ihr ihn nur mit dem gereizten, blutrünstigen oder nur gen Himmel gerichteten Auge der Religion, also im Grunde noch gar nicht betrachtet habt. Er ist euch Nichts - aber er soll eben Etwas, er soll Alles werden.
791 Sämmtliche Güter der Menschheit, Staat, Kunst und Wissenschaft, die ein Ganzes, ein System bilden, und unter denen keines als ein absolutes und ausschließliches gilt, keines ausschließlich herrschen darf, wenn es nicht wiederum ein Uebel werden soll, alle diese Güter sollen endlich einmal, nachdem sie bisher von der Religion auf Tod und Leben bekämpft waren, d. h. von dem Ausdruck ihrer Unvollkommenheit immer beherrscht werden sollten, frei werden und sich frei entwickeln.
792 Sämmtliche Güter der Menschheit, Staat, Kunst und Wissenschaft, die ein Ganzes, ein System bilden, und unter denen keines als ein absolutes und ausschließliches gilt, keines ausschließlich herrschen darf, wenn es nicht wiederum ein Uebel werden soll, alle diese Güter sollen endlich einmal, nachdem sie bisher von der Religion auf Tod und Leben bekämpft waren, d. h. von dem Ausdruck ihrer Unvollkommenheit immer beherrscht werden sollten, frei werden und sich frei entwickeln.
793 Die Menschheit will Nichts Ausschließliches mehr, darum kann sie die Religion, die sie bisher hinderte, Alles zu seyn, was ihre Bestimmung ist, nicht mehr als eine allgemeine, herrschende Angelegenheit wollen. Sie schließt die Religion deshalb nicht so aus, wie die Religion die Kunst und Wissenschaft ausschließen muß, daß sie dieselbe mit Stumpf und Stiel ausrotten wollte, sondern sie erkennt sie an und läßt sie als das bestehen, was sie ist, als Bedürfniß der Schwäche, als Strafe der Unbestimmtheit, als Folge der Muthlosigkeit, - als eine Privatsache.
794 Kunst, Staat und Wissenschaft werden deshalb immer noch mit den Unvollkommenheiten ihrer Entwicklung zu kämpfen haben, aber ihre Unvollkommenheit soll nicht zu einem jenseitigen Wesen erhoben werden und als die himmlische, religiöse Macht ihren Fortschritt hemmen. Ihre Unvollkommenheiten sollen als ihre eigenen anerkannt und werden als solche im Fortgange der Geschichte leicht genug überwunden werden.
795 In der Religion wird der Mensch um sich selbst gebracht und sein Wesen, das ihm geraubt und in den Himmel versezt ist, zum Unwesen, zum Unmenschlichen, zur Inhumanität selbst gemacht. 204 Die Liberalität der Philosophie. Die Kritik ist die Krisis, welche das Delirium der Menschheit bricht und den Menschen wieder sich selbst erkennen läßt.
796 Marheineke stellt daher die Frage sehr falsch, wenn er sagt, das Feldgeschrei der Kritiker sey: „Philosophie oder Christenthum“; er hört sehr falsch, wenn er in ihrem „entweder oder“ die „Sprache des alten Dogmatismus“ hört. Die Kritik kennt keinen Dogmatismus mehr; ihre Parole ist: Die Menschheit oder die Unmenschlichkeit, Tod oder Leben, Nichts oder Alles.
797 Kännten unsere Gegner unsere Parole, so würden sie auch nicht die sonderbare Forderung aufstellen, wir sollten ruhig, leise sprechen, lispeln oder vielmehr gar nicht sprechen, nichts thun wie sie.
798 „Ist es etwas, (was wir zu geben haben) sagt Herr Gruppe, so wird es von selbst bestehen, auch ohne Declamationen.“ (Am Ende, ohne daß wir arbeiten und kämpfen.) — „Es bedarf dann auch keiner solchen (!) Polemik, keiner gehässigen Angriffe auf das, was Andern ehrwürdig und heilig ist“ (p. 99). Den Augenblick vorher hatte Herr Gruppe gesagt: „nur die neue Knospe ist es, welche im Herbst das welke Blatt abstößt.“
799 Pfui über die Knospe, die auf das welke Blatt ihre gehässigen Angriffe richtet! Pfui über die Declamation, mit welcher die reife Frucht die Hülse zersprengt, daß es knallt. Die Nordamerikaner waren Schwätzer und Declamatoren, als sie unter Kanonendonner die Freiheit des Volks gegen die Aristokratie der alten Welt vertheidigten. Die Franzosen hätten auch ohne Declamationen d. h. ohne Schlachtenlärm die Coalition besiegt. Der Sclave darf nicht mit den Fesseln klirren, wenn er sie zerbricht d. h. er muß in ihnen stecken bleiben. Nur nicht declamirt, nicht polemisirt, laßt den Himmel sorgen, d. h. bleibt, was ihr seyd, Sclaven!
800 Und wie wundern sich unsere Gegner nun erst über die Schnelligkeit der Entwicklung, welche die neuere Kritik herbeigeführt hat und in die sie natürlich selbst hineingezogen ist — sie thun, als ob die Welt seit achtzehn Jahrhunderten geschlafen hätte, als ob es kein achtzehntes Jahrhundert gäbe, als ob die deutsche Philosophie nicht während fünfzig Jahren an der Pforte der Zukunft gerüttelt und gegen sie gedonnert hätte.
801 „Wenn eine Gedankenbewegung, sagt Marheineke p. 44, sich so rasch auf ihre Spitze treibt und aller Besonnenheit und Mäßigung ermangelt, so treibt sie ihre eigene Widerlegung zugleich aus sich hervor.“ Nun, das ist eben ihr Ruhm, daß sie nicht auf die Theologen zu warten braucht, um zu erfahren, wo es mit ihr noch schwach steht. Sie corrigirt sich durch sich selbst und braucht nicht einen Neander, einen Tholuck, einen Lange zu belästigen, wenn sie der Schuh drückt und wenn sie bei reiferem Alter für ihre kräftigeren Füße neuer Schuhe bedarf.
802 „Wenn eine Gedankenbewegung, sagt Marheineke p. 44, sich so rasch auf ihre Spitze treibt und aller Besonnenheit und Mäßigung ermangelt, so treibt sie ihre eigene Widerlegung zugleich aus sich hervor.“ Nun, das ist eben ihr Ruhm, daß sie nicht auf die Theologen zu warten braucht, um zu erfahren, wo es mit ihr noch schwach steht. Sie corrigirt sich durch sich selbst und braucht nicht einen Neander, einen Tholuck, einen Lange zu belästigen, wenn sie der Schuh drückt und wenn sie bei reiferem Alter für ihre kräftigeren Füße neuer Schuhe bedarf.
803 Ja es geht aber doch gar zu schnell? Wir haben, sagt Marheineke, Marheineke ebend., ein kurzathmiges Leben! „Als ob wir das Leben für das höchste der Güter hielten und uns nicht gern der Sache aufopferten!“
804 „Selbst Strauß ist vorbei“ ruft Herr Gruppe aus (p. 72), „schon haben sie Strauß für antiquirt erklärt“ ruft Marheineke: unsere Sorge ist dagegen einzig und allein diejenige, wer Recht hat, wer uns der Wahrheit zuführt; die Person sehen wir aber nicht an.
805 Heute regiert der und der, ruft p. 72 Herr Gruppe, „und morgen wer?“
806 Antwort: wer weiter schreitet!
807 „Und wann kommt die Sündfluth?“
808 Herr Gruppe sollte die Schrift besser kennen! Die Fluth kommt, wenn sie essen und trinken, freien und sich freien lassen und des Herrn Tag nicht merken wollen.
809 „Dieses beständige Fortschreiten macht ja aber,“ ruft uns keuchend ein bekannter Hauderer nach, „die Perfectibilität illusorisch!“
810 Also deshalb - seht, wie der Hauderer eben einkehrt, um sich eine Herzensstärkung geben zu lassen, nachher wird er sich an den Weg legen, um sich von seiner gewaltigen Arbeit auszuruhen! Wir wünschen ihm wohl zu ruhen! - Also deshalb ist die Perfectibilität illusorisch, weil sie wirklich gesezt wird, weil es wirklich weiter geht, weil sie eine Wahrheit geworden ist?
811 Was das für tapfere und wackere Männer sind! Alles soll haudern und zaudern, weil sie nicht gern von der Stelle kommen. Weil sie immer schlafen wollen, soll es beständig Nacht seyn. Ja, nach ein Paar Jahrhunderten, in einem Jahrtausend, ruft uns einer von ihnen zu, könnt ihr mit euern Grundsäßen durchdringen. Er hört unsere Antwort nicht, da er sich schon auf die andere Seite gelegt hat und höchstens im Traume gegen uns redet. He da, Freund! Wach auf! Höre: wenn unsere Grundsäße wahr sind, so können wir nicht genug eilen, sie ins Leben zu führen und geltend zu machen. Die Wahrheit, wenn sie da ist, ist immer zur rechten Zeit da: die Sonne ist noch niemals, so lange die Welt steht, während der Nacht, ehe sie kommen sollte, aufgegangen. Wacht auf, die Sonne steht da, sie wird schon sehr heiß, es kann ein Gewitter geben. Wacht auf!
812 Die Wahrheit, wenn sie da ist, ist immer zur rechten Zeit da: die Sonne ist noch niemals, so lange die Welt steht, während der Nacht, ehe sie kommen sollte, aufgegangen. Wacht auf, die Sonne steht da, sie wird schon sehr heiß, es kann ein Gewitter geben. Wacht auf!
813 Marheineke macht es uns zum Vorwurf (p. 43), daß wir „nach der Praxis streben.“ Das wäre ein schöner Arzt, der etwas Ordentliches gelernt hat, von einer Schaar von Kranken umgeben ist und nicht nach der Praxis streben wollte!
814 Die Theorie, die Kritik hat die Wirklichkeit als krank erkannt und sie sollte nicht zugreifen, nicht nach der Praxis streben?
815 Wir werden noch Gelegenheit haben zu zeigen, worin diese Praxis besteht, indem wir endlich die Frage von dem Austritt aus der Kirche besprechen.
⬅ IX. Die Anmaaßung der Kritik XI. Der Austritt aus der Kirche ➡