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Die Judenfrage

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Deutsch

Author: Bruno Bauer  Year: 1843 

1 „Freiheit, Rechte der Menschheit, Emancipation und Vergütigung eines tausendjährigen Unrechts“ sind so große Rechte und Pflichten, daß schon die bloße Appellation an dieselben in jedem Ehrenmanne einen Widerklang zu finden gewiß seyn kann, ja die bloßen Worte schon oft hinreichen, die Sache, zu deren Vertheidigung sie gebraucht werden, populär zu machen.
[Notes for 1 here]
2 Allein nur zu oft glaubt man eine Sache schon gewonnen zu haben, wenn man für sie nur Worte gebraucht, die gleichsam als ein heiliges Zeichen dienen, dem Niemand widersprechen darf, wer nicht für einen Unmenschen, Spötter oder Freund der Tyrannei gelten will. Man kann in dieser Weise augenblickliche Erfolge erreichen, aber die Sache nicht gewinnen, die wirklichen Schwierigkeiten nicht bezwingen.
[Notes for 2 here]
3 In den jetzigen Verhandlungen über die Judenfrage sind die großen Worte »Freiheit, Menschen-Rechte, Emancipation« oft gehört und mit vielem Beifall aufgenommen worden; die Sache selbst aber haben sie nicht viel weiter gebracht und es wird vielleicht von Nutzen seyn, sie einmal weniger oft zu gebrauchen und dafür ernstlicher an den Gegenstand zu denken, um den es sich handelt.
[Notes for 3 here]
4 Wenn die Sache der Juden eine populäre geworden ist, so kann es nicht ein Verdienst ihrer Vertheidiger, sondern nur daraus zu erklären seyn, daß das Volk den Zusammenhang ahnet, in welchem die Emancipation der Juden mit der Entwicklung unsrer gesammten Zustände steht.
[Notes for 4 here]
5 Die Vertheidiger der Juden-Emancipation haben diesen Zusammenhang nicht ausgesucht und wirklich dargestellt. In einer Zeit, in welcher die Kritik sich an Alles, was die Welt bisher beherrschte, gewagt hat, haben sie die Juden und das Judenthum kurz und gut das seyn lassen, was sie sind, oder vielmehr sie fragen nicht einmal, was sie sind, und ohne zu untersuchen, ob ihr Wesen mit der Freiheit verträglich ist, will man die Freiheit erheben.
[Notes for 5 here]
6 Man schreit sogar wie über einen Verrath an der Menschlichkeit, wenn die Kritik sich dazu anschickt, das Wesen, welches dem Juden als Juden eigen ist, zu untersuchen. Dieselben vielleicht, die mit Vergnügen zusehen, wenn die Kritik sich des Christenthums bemächtigt, oder diese Kritik für nothwendig halten und selbst verlangen, sind im Stande denjenigen zu verdammen, der nun auch das Judenthum der Kritik unterwirft.
[Notes for 6 here]
7 Das Judenthum soll also ein Privilegium haben: jetzt, wo die Privilegien unter den Streichen der Kritik fallen, und auch später noch, wenn sie alle gefallen sind?
[Notes for 7 here]
8 Die Vertheidiger der Juden-Emancipation haben sich daher die sonderbare Stellung gegeben, daß sie gegen die Privilegien kämpfen und in demselben Augenblick dem Judenthum das Privilegium der Unveränderlichkeit, Unverleklichkeit und Unverantwortlichkeit geben. Sie kämpfen in der besten Meinung für die Juden, aber die wahre Begeistrung fehlt ihnen, da sie die Sache der Juden als eine ihnen fremde behandeln. Wenn sie für den Fortschritt, für die Fortbildung der Menschheit Partei genommen haben, so schließen sie die Juden von ihrer Partei aus. Von den Christen und von dem christlichen Staate verlangen sie, daß sie die Vorurtheile, die ihnen nicht nur ans Herz gewachsen sind, sondern ihr Herz und ihr Wesen bilden, aufgeben sollen, von den Juden aber nicht. Dem Judenthum soll man nicht ans Herz greifen.
[Notes for 8 here]
9 Die christliche Welt muß die Geburt der neuen Zeit, die sich jetzt bildet, noch große Schmerzen kosten: sollen die Juden keine Schmerzen leiden, sollen sie mit denen, die für die neue Zeit gekämpft und gelitten haben, gleiche Rechte haben?
[Notes for 9 here]
10 Diejenigen sind also die ärgsten Feinde der Juden, welche sie die Schmerzen der Kritik, die jetzt Alles ergriffen hat, nicht fühlen lassen wollen. Ohne durch das Feuer der Kritik gegangen zu seyn, wird Nichts in die neue Welt, die nahe herbei gekommen ist, eingehen können.
[Notes for 10 here]
11 Ihr habt die Sache der Juden auch noch nicht zu einer wirklich populären, zu einer allgemeinen Volkssache gemacht. Ihr habt über die Ungerechtigkeiten der christlichen Staaten gesprochen, aber noch nicht gefragt, ob diese Ungerechtigkeiten und Härten nicht im Wesen der bisherigen Staatsverfassungen gegründet sind.
[Notes for 11 here]
12 Ist das Benehmen des christlichen Staates gegen die Juden in seinem Wesen begründet, so ist die Emancipation der Juden nur unter der Voraussetzung einer totalen Umänderung seines Wesens möglich, falls nämlich und so weit die Juden ihr Wesen aufgeben, d. h. die Judenfrage ist nur ein Theil der großen und allgemeinen Frage, an deren Lösung unsere Zeit arbeitet.
[Notes for 12 here]
13 Die Gegner der Juden-Emancipation waren bisher den Vertheidigern derselben bei weitem überlegen, da sie den Gegensak, in welchem der Jude als solcher zu dem christlichen Staate steht, wirklich ins Auge gefaßt haben. Ihr Fehler war nur der, daß sie den christlichen Staat als den einzig wahren voraussekten und nicht derselben Kritik unterwarfen, mit der sie das Judenthum betrachteten. Ihre Auffassung des Judenthums schien nur deshalb hart und ungerecht, weil sie nicht zugleich den Staat, der ihnen die Freiheit versagte und versagen mußte, kritisch untersuchten.
[Notes for 13 here]
14 Wir werden die Kritik gegen beide Seiten des Gegensakes richten: nur so und nicht anders wird er seine Auflösung finden. Es kann seyn, daß unsre Auffassung des Judenthums noch härter scheinen wird als diejenige, die man bisher von den Gegnern der Juden-Emancipation gewohnt war. Es kann seyn, daß sie wirklich härter ist: allein meine einzige Sorge kann nur die seyn, ob sie wahr ist, die einzige Frage wird immer die bleiben, ob ein Uebel gründlich gehoben wird, wenn man ihm nicht an die Wurzel geht, und wer durchaus klagen will, klage allein die Freiheit an, daß sie nicht nur von andern Völkern, sondern auch von den Juden die Aufopfrung veralteter Traditionen verlangt, ehe sie sich ihnen hingiebt. Scheint die Kritik auch hart oder ist sie es wirklich, so wird sie doch und nur sie allein zur Freiheit führen.
[Notes for 14 here]
15 Wir fangen damit an, der Frage ihre richtige Stellung zu geben und die falschen Wendungen, die man ihr bisher gegeben hat, aufzulösen.

I. Die richtige Stellung der Frage.
[Notes for 15 here]
I. Die richtige Stellung der Frage ➡