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Die Unschuld der Juden Spanien Polen Die bürgerliche Gesellschaft Die Betriebsamkeit der Juden Die Zähigkeit des jüdischen Volksgeistes Das Leben unter dem Drucke Die Anzahl der Verbrecher Das Benehmen der Consequenz gegen ihre Voraussekung Der Eifer und die Ausschließlichkeit der christlichen Liebe Die Menschen-Rechte und der christliche Staat Der religiöse Gegensak des Judenthums und Christenthums
Die Judenfrage

I. Die richtige Stellung der Frage

Deutsch

Author: Bruno Bauer  Year: 1843 

16 Womit die Advocaten aufzuhören pflegen, daß sie nämlich die Richter und das Publicum zu rühren suchen, wäre es auch nur, daß sie zeigten, wie ihre Clienten durch die Noth etwas über die gerade Linie getrieben seien, damit fangen gewöhnlich die Vertheidiger der Juden an. Entweder klagen sie über den Druck, unter welchem die Juden in der christlichen Welt gelebt haben, oder wenn sie einige von den Vorwürfen, die sich auf Gesinnung, Gemüthsart und Zustand der Juden beziehen, zum Theil zugeben, so machen sie jenen Druck nur noch gehässiger, indem sie behaupten, er sey allein an jener Gemüthsart und an dem gesunkenen Zustand des Judenthums schuld.
[Notes for 16 here]

Die Unschuld der Juden

17 Wer in dieser Weise die Juden zu vertheidigen sucht und zu retten meint, thut ihnen im Gegentheil die größte Unehre an und gibt ihre Sache verloren.
[Notes for 17 here]
18 Von Märtyrern sagt man gewöhnlich, sie seyen unschuldig getödtet — es gibt keine größere Beleidigung, die man ihnen anthun könnte. Hatten sie denn Nichts gethan, wofür sie litten? War das, was sie gethan haben, den Lebensvorstellungen ihrer Gegner nicht entgegengesetzt? Je größer und bedeutender sie als Märtyrer sind, um so größer muß das gewesen seyn, was sie gethan haben, was gegen das Bestehende verstieß, d.h. größer ist ihre Schuld gegen das Bestehende gewesen.
[Notes for 18 here]
19 Von den Juden wird man doch wenigstens sagen, daß sie für ihr Gesetz, für ihre Lebensweise und für ihre Nationalität gelitten haben oder Märtyrer waren? Nun, dann sind sie auch Schuld an dem Druck, den sie erlitten haben, riefen ihn durch die Anhänglichkeit an ihr Gesetz, an ihre Nationalität, an ihr ganzes Wesen hervor. Ein Nichts kann man nicht drücken; was man drückt, muß durch sein ganzes Seyn und Art und Weise desselben den Druck verursacht haben.
[Notes for 19 here]
20 Nichts steht in der Geschichte außerhalb des Causalitätsgesetzes; die Juden konnten am wenigsten außerhalb desselben stehen, da sie durch die Zähigkeit, mit der sie an ihrer Nationalität festgehalten haben und die ihre Vertheidiger selbst an ihnen rühmen und bewundern, gegen die Bewegungen und Veränderungen der Geschichte reagirten. Die Geschichte will Entwicklung, neue Gestaltungen, Fortschritt und Umänderungen; die Juden wollten immer dieselben bleiben, sie stritten also gegen das erste Gesetz der Geschichte - riefen sie nun etwa nicht, nachdem sie zuerst gegen die mächtigste Springfeder, die es gibt, gedrückt hatten, den Gegendruck hervor?
[Notes for 20 here]
21 Die Juden sind gedrückt worden, weil sie zuerst gedrückt
und sich gegen das Rad der Geschichte gestemmt hatten.
[Notes for 21 here]
22 Ständen die Juden außerhalb dieses Spieles des Causalitätsgesetzes, wären sie rein passiv gewesen, hätten sie sich nicht auch von ihrer Seite aus in Spannung gegen die christliche Welt befunden, dann würde auch jedes Band fehlen, das sie mit der Geschichte verknüpfte, und sie würden nimmermehr in die neuere Entwicklung der Geschichte eintreten und eingreifen können. Ihre Sache wäre schlechthin verloren.
[Notes for 22 here]
23 Gebt also den Juden die Ehre, daß sie den Druck, den sie erlitten haben, durch ihr Wesen verschuldeten, daß sie also auch die Verhärtung ihres Wesens, die durch den Druck herbeigeführt wurde, selbst verursacht haben, und ihr macht sie zu einem wenn auch noch so untergeordneten Gliede einer zweitausendjährigen Geschichte, aber doch zu einem Gliede derselben, welches fähig ist und endlich die Verpflichtung hat, sich mit ihr fort zu entwickeln.
[Notes for 23 here]
24 Die Vertheidiger des Judenthums vergessen es selbst zuweilen, daß sie ihm die rein passive Rolle des Dulders zuschreiben, und rühmen an ihm auf einmal einen höchst wohlthätigen Einfluß auf das Gedeihen der Staaten.
[Notes for 24 here]
25 Ein Beispiel!
[Notes for 25 here]

Spanien

26 Seht! rufen sie, was ist aus Spanien geworden, nachdem die allerkatholischsten Majestäten die betriebsame, thätige und aufgeklärte jüdische Bevölkerung zu dem Exil verdammt hatten!
[Notes for 26 here]
27 Allein Spanien ist nicht deßhalb gesunken, weil ihm jüdische Bevölkerung fehlte, sondern weil die Intoleranz, Freiheit und Verfolgungssucht das Princip seiner Regierung war. Es ist durch seine eigne Schuld gesunken und mußte unter dem Druck jener Principien sinken, wenn auch die gesammte jüdische Bevölkerung im Reiche geblieben wäre. War der Stand Frankreichs deßhalb etwa ein verzweifelter geworden, weil die Widerrufung des Edicts von Nantes Schaaren Hugenotten in die Verbannung trieb? Nein! die Willkür der Regierung, die Befestigung der Standesprivilegien, Bevormundung des Volks, die Exemtionen, welche Adel und Geistlichkeit genossen, das und nur das hat Frankreich dahin gebracht, daß es sich nur durch die Revolution helfen konnte. Wer weiß, ob die starrköpfigen Hugenotten zur Befreiung des Vaterlandes besonders viel beigetragen hätten: genug, Frankreich ist auch ohne sie fertig geworden.
[Notes for 27 here]
28 Spanien hat sich auch ohne die Juden von dem Joche der allerkatholischsten Regierung befreit und es ist sehr die Frage, ob die Juden, wenn sie in Spanien geblieben wären, zur Befreiung bedeutend mitgewirkt hätten.
[Notes for 28 here]
29 Wenn die christlichen Staaten den Fall und das ihrer Macht nur sich selbst zu verdanken haben und selbst wenn die Juden in’s Spiel kommen, die Art und Weise, wie es geschieht, von dem Princip des christlichen Staates geschrieben ist, so können wir sie auch auf der andern Seite von dem Vorwurfe, sie hätten den Ruin eines Staates zu Wege herbeigeführt, reinigen.
[Notes for 29 here]

Polen

30 Die Verfassung, welche zwischen der herrschenden Aristokratie und der Masse der Leibeigenen jene ungeheure Lücke ließ und den Juden es möglich machte, in einer so großen Anzahl wie sonst nirgends sich einzudrängen, eine Verfassung also, welche die Stelle, die im westlichen Europa der dritte Stand sich zu erwerben wußte, leer gelassen hatte, und um sie auszufüllen, eines fremden Elements bedurfte, diese Verfassung hat Polen dem Untergange entgegengeführt.
[Notes for 30 here]
31 Polen ist selbst an seinem Unglück schuld und es ist auch daran schuld, daß sich eine fremde Bevölkerung in ihm einnistete, die nur dazu beitrug, daß die Wunde des Volkslebens noch gefährlicher und tödtlicher wurde.
[Notes for 31 here]
32 Ist nun Polen in dieser Weise an seinem Geschick selber schuld, so spricht es doch auf der andern Seite eben nicht zu Gunsten der Juden, daß sie nur in dem unvollkommensten Staatswesen Europa's in einer Anzahl, die der Gesammtzahl der andern europäischen Juden ungefähr gleich ist, sich eine Stellung zu verschaffen gewußt haben, die man fast eine für dieses Staatswesen nothwendige und ein wesentliches Complement desselben nennen kann; daß sie sich nur in einem Staate, der so viel wie möglich keiner ist, einhausen konnten, spricht gegen ihre Fähigkeit, sich zu den Gliedern eines wirklichen Staates zu machen; noch mehr spricht es gegen sie, daß sie die Unvollkommenheit der polnischen Verfassung nur zu ihrem Privat-Vortheil benutzten, die Lücke des polnischen Volkslebens also nur noch erweiterten und befestigten, statt das Material zu bilden, welches sie in einer organischen oder vielmehr politischen Weise ausfüllte.
[Notes for 32 here]
33 Ein Gegner der Judenemancipation bemerkt und klagt darüber, »daß alle Brantweinbrennereien Galiziens sich in dem alleinigen Besitze des Juden concentriren, mit diesem aber die moralische Kraft der Einwohner in seine Hand gegeben ist.« Als ob die Juden daran schuld wären, daß die moralische Kraft eines Volks in dem Brantwein im Glase enthalten ist oder in diesem Glase verloren gehen könne! Der Gegner der Juden muß es selbst eingestehen, daß das polnische Volk im Brantwein »sein einziges Labsal für alle Mühseligkeiten seines Lebens und für jede Bedrückung seines Gutsherrn sucht.« Nun, dann ist es der Druck der Verfassung, welcher den Bauer an den Juden verweist, dann ist es die Geistlosigkeit des allgemeinen Lebens, welche es dahin gebracht hat, daß der Bauer seinen Geist im Brantweinglase sucht und die geistige Kraft des Volks in der Hand des Juden befindlich ist, wenn dieser die sämmtlichen Brantweinbrennereien besitzt.
[Notes for 33 here]
34 Die Verfassung hat dem Juden seine große Bedeutung gegeben und ihn in den Besitz des Volks-Geistes gesetzt – ist es ein Ruhm des Juden, daß er sich innerhalb einer solchen Verfassung die Stellung gegeben hat, daß er dem Bauer den Geist giebt, den ihm die Verfassung übrig gelassen? Ist es sein Ruhm, daß er die letzte, geistige Consequenz der Verfassung auspreßt und destillirt? Spricht es für ihn, daß er sich dazu hergiebt und darin sogar sein einziges Geschäft sieht, die Opfer der Verfassung noch einmal zu drücken? Die Verfassung ist schuldig, wenn sie den geschundnen Bauer dem Juden zuführt, aber seine Schuld ist es, daß er sich dazu hergiebt, die schlechtesten Consequenzen der Verfassung zu ziehen.
[Notes for 34 here]
35 Im Allgemeinen wiederholt sich dies Verhältniß in der bürgerlichen Gesellschaft überhaupt.
[Notes for 35 here]

Die bürgerliche Gesellschaft

36 Das Bedürfniß ist die mächtige Triebfeder, welche die bürgerliche Gesellschaft in Bewegung setzt. Jeder benutzt den Andern, um seinem Bedürfniß Befriedigung zu schaffen, und wird von diesem wieder zu demselben Zwecke benutzt. Der Schneider benutzt mein Bedürfniß, um sich und seine Familie zu ernähren; ich benutze ihn, um mein Bedürfniß zu befriedigen.
[Notes for 36 here]
37 Das egoistische Treiben der bürgerlichen Gesellschaft hat der christliche Staat durch Formen eingeschränkt, die ihm Häßlichkeit nehmen und es endlich mit dem Interesse verknüpft haben. Die besondern Arten, das Bedürfniß zu befriedigen, sind in Ständen vereinigt und derjenige Stand, welchem das Bedürfniß des Augenblicks die größte Gewalt, also auch die Selbstsucht am Lebhaftesten unterhalten muß, der gewerbetreibende Stand hatte sich sogar in dem christlichen Staate in der Form von Corporationen gegliedert. Das Standes-Glied hat als solches die Verpflichtung, nicht nur sein persönliches, sondern das allgemeine Interesse seines Standes zugleich zu verfolgen, das Standes-Interesse setzt seinem Egoismus eine nothwendige Schranke und es weiß sich geehrt, als Glied eines Standes nicht mehr nur für sich, den Einzelnen, es in Nahrung setzt, sondern für das Bedürfniß der bürgerlichen Gesellschaft überhaupt sorgt.
[Notes for 37 here]
38 Wo aber einmal das Bedürfniß mit seinen zufälligen Preisen und Launen herrscht, und dazu das Bedürfniß, Befriedigung selbst wieder von zufälligen Naturereignissen abhängig ist, da kann der Einzelne seine Ehrenhaftigkeit aber nicht verhindern, daß er sich nicht einem plötzlichen, ungesehenen, über seine Berechnung hinausliegenden Preise preisgegeben sieht. Gerade ihre Grundlage, das Bedürfniß, welches der bürgerlichen Gesellschaft ihr Bestehen sichert, ihre Nothwendigkeit garantirt, setzt ihr Bestehen beständigen Gefahren aus, unterhält in ihr ein unsicheres Element und jene in beständigem Wechsel begriffne Mischung von Armuth, Reichthum, Noth und Gedeihen, überhaupt den Wechsel
[Notes for 38 here]
39 Dieses unsichre Element haben die Juden nicht
[Notes for 39 here]
40 es gehört zur bürgerlichen Gesellschaft - sie sind unschuldig.

daran, daß es vorhanden ist, aber eine andere Frage ist die, ob es ihnen etwa als Verdienst anzurechnen ist, daß sie es mittelst des Wuchers ausgebeutet und ausschließlich, nämlich ohne in den andern Kreisen der bürgerlichen Gesellschaft mitzuarbeiten, zu ihrer Domäne gemacht haben.
[Notes for 40 here]
41 Wie die Götter Epikurs in den Zwischenräumen der Welt wohnen, wo sie der bestimmten Arbeit überhoben sind, so haben sich die Juden außerhalb der bestimmten Standes- und Corporationsinteressen fixirt, in den Ritzen und Spalten der bürgerlichen Gesellschaft eingenistet und die Opfer, welche das unsichre Element der bürgerlichen Gesellschaft verlangt, sich angeeignet.
[Notes for 41 here]
42 Aber man hat ihnen, entgegnen uns die Vertheidiger der Emancipation, den Zutritt zu den Ständen und Corporationen verwehrt. Die Frage ist aber die, ob es ihnen, da sie sich als Volk betrachten, möglich war, eine wirkliche und aufrichtige Stellung in jenen Kreisen einzunehmen, ob sie sich also nicht selbst ausgeschlossen haben und, da sie als Volk außerhalb der Interessen der Völker überhaupt stehen, auch außerhalb der Standes- und Corporationsinteressen ihre Stellung nehmen mußten.
[Notes for 42 here]
43 Wie? entgegnet man weiter, die Betriebsamkeit der Juden, ihre Frugalität, die Emsigkeit, mit der sie ihrem Erwerbe nachgehn, ihre Erfindsamkeit, wenn es gilt, neue Erwerbsquellen aufzusuchen, diese unermüdliche Ausdauer wollt ihr nicht als Tugenden anerkennen?
[Notes for 43 here]

Die Betriebsamkeit der Juden

44 Wer hat achtzehnhundert Jahre hindurch an der Bildung Europa's gearbeitet? Wer hat die Schlachten geschlagen, durch welche eine Hierarchie, die über ihre Zeit hinaus ihre Herrschaft behaupten wollte, zur Niederlage gebracht wurde? Wer hat die christliche und die moderne Kunst geschaffen und die Städte Europa's mit ewigen Denkmalen angefüllt? Wer die Wissenschaften ausgebildet? Wer hat über die Theorie der Staatsverfassungen gesonnen?
[Notes for 44 here]
45 Kein einziger Jude ist zu nennen. Spinoza war kein mehr, als er sein System schuf, und Moses Mendelssohn vor Gram, als er hörte, daß Lessing, sein verstorbener Freund, ein Spinozist gewesen war.
[Notes for 45 here]
46 Nun die zweite Frage! Gut! Die europäischen Völker haben die Juden von ihren allgemeinen Angelegenheiten ausgeschlossen. War es ihnen aber möglich, wenn sich die Juden nicht selbst ausschlossen? Kann der Jude als Jude, ohne aufzuhören, Jude sein, für die Fortbildung der Kunst und Wissenschaft arbeiten, für Freiheit gegen die Hierarchie kämpfen, sich für den Staat wirklich interessiren und über die allgemeinen Geseke desselben nachdenken? - Andrerseits: sind Kunst und Wissenschaft Dinge, die durch ein willkührliches Verbot oder durch die zufällige Lage, in die sich Jemand durch seine Geburt eingezwängt findet, unzugänglich gemacht werden können? Sind sie nicht allgemeine Güter, die nicht verboten werden können? Wie viele, die in Kunst und Wissenschaft bedeutend eingegriffen haben, sind aus den untersten Ständen der Gesellschaft hervorgegangen und haben außerordentliche Hindernisse überwinden müssen, um sich den Zugang zu dem Gebiete der Kunst und Wissenschaft zu verschaffen? Warum haben die Juden sich nicht hinaufgearbeitet? Es wird wohl daran liegen, daß ihr besondrer Volksgeist den allgemeinen Interessen der Kunst und Wissenschaft widerspricht.
[Notes for 46 here]
47 Die Betriebsamkeit der Juden ist eine solche, die mit den Interessen der Geschichte Nichts zu thun hat.
[Notes for 47 here]
48 Aehnlich verhält es sich mit der Zähigkeit, die man dem jüdischen Volksgeiste zu rühmen pflegt.
[Notes for 48 here]

Die Zähigkeit des jüdischen Volksgeistes

49 Es wäre nicht grausam, sondern nur recht und billig, wenn wir unsern Gegnern die Volksstämme nennen wollten, die sich gleichfalls trotz allen Stürmen der Geschichte, und zwar auch in der Zerstreuung, unter den civilisirten Völkern erhalten haben. Wir werden aber auch ohne das die Sache in ihre richtige Stellung bringen können.
[Notes for 49 here]
50 Macht es den Volksstämmen, aus deren Verschmelzung das französische Volk entstanden ist, Schande, daß sie ihre Selbstständigkeit aufgegeben und verloren haben? Gewiß nicht! Hingabe und Auflösung in dem Ganzen beweist nur geschichtliche Bildungsfähigkeit, so wie ihre Fähigkeit, zur Bildung des bestimmten geschichtlichen Volksgeistes einen Beitrag zu
[Notes for 50 here]
51 Haben die Volksstämme, aus deren Zusammenströmen die Bevölkerung der großen modernen Republik in Nordamerika sich gebildet hat, ihre frühere besondere Eigenthümlichkeit beibehalten? Nein! Noch jetzt nehmen z. B. die deutschen Zuflüsse in kurzer Zeit den Charakter an, welcher das Ganze auszeichnet, und es gereicht ihnen wahrlich nicht zur Unehre; es beweist nur ihre Fähigkeit, sich in die allgemeine Richtung des dortigen Volkslebens zu finden und in ihr einzuleben.
[Notes for 51 here]
52 Erhalten sich überhaupt die europäischen Völker in der Zähigkeit, die man an den Juden rühmt? Im Gegentheil, sie verändern ihren Charakter, und die Geschichte will diese Veränderungen haben.
[Notes for 52 here]
53 Statt die Zähigkeit des jüdischen Volksgeistes zu rühmen und als einen Vorzug zu betrachten, sollte man vielmehr fragen, was sie im Grunde ist und woher sie kommt.
[Notes for 53 here]
54 Sie ist der Mangel an geschichtlicher Entwicklungsfähigkeit, sie begründet den völlig ungeschichtlichen Charakter dieses Volks und sie ist wiederum in dem orientalischen Wesen desselben gegründet. Im Orient ist dieses stationäre Volkswesen zu Hause, weil die Freiheit des Menschen also auch die Möglichkeit der Entwicklung dort noch beschränkt ist. Im Orient, in Indien finden wir noch Parsen, die das heilige Feuer des Ormuzd ehren, in der Zerstreuung lebend.
[Notes for 54 here]
55 Das Individuum und so auch das Volk, welches in seinem Denken und Thun allgemeinen Gesetzen folgt, wird auch geschichtlich sich entwickeln, denn allgemeine Gesetze haben ihren Grund in der Vernunft und Freiheit, entwickeln sich mit den Fortschritten der Vernunft, und diese Fortschritte sind um so gewisser zu erwarten und leichter auszuführen, da die Vernunft es in ihren Gesetzen mit ihren eignen Erzeugnissen zu thun und, wenn sie dieselben verändern will, nicht erst eine fremde, überirdische Gewalt um Erlaubniß zu bitten braucht.
[Notes for 55 here]
56 Im Orient aber hat der Mensch noch nicht gewußt, daß er frei und vernünftig ist, also auch die Freiheit und Vernunft noch nicht als sein Wesen gekannt, sondern seine wesentliche und höchste Aufgabe in die Vollziehung verstand- und grundloser Ceremonieen gesetzt. Der Orientale hat also auch noch keine Geschichte, wenn Geschichte nur das genannt zu werden verdient, was eine Entwicklung der allgemeinen menschlichen Freiheit ist. Unter dem Feigenbaum und Weinstock sitzen, ist dem Orientalen das Höchste, was dem Menschen beschieden ist, und seine religiösen Ceremonieen verrichtet er fort und fort, ihre unveränderte Verrichtung betrachtet er als seine höchste Pflicht und beruhigt sich dabei, daß sie gerade so und so sind, so und so seyn müssen, weil er sich von alle dem keinen andern Grund anzugeben weiß, als daß es einmal so ist und nach einem höhern, unerforschlichen Willen so seyn soll.
[Notes for 56 here]
57 Ein solcher Charakter, ein solches Gesetz muß einem allerdings eine besondere Zähigkeit geben, ihm aber die Möglichkeit einer geschichtlichen Entwicklung rauben.
[Notes for 57 here]
58 Mit Recht sprechen die Juden von dem Zaun des Gesetzes: das Gesetz hat sie gegen die Einflüsse der Geschichte abgezäunt und um so mehr abgezäunt, da gerade ihr Gesetz von vornherein die Abschließung vor den Völkern gebot.
[Notes for 58 here]
59 Sie haben sich erhalten: aber es fragt sich, ob von einem so tiefen Gehalt ist, daß sie zu preisen sind, sich mit ihm unverändert erhalten zu haben.
[Notes for 59 here]
60 Sind die Berge deßhalb etwas Größeres und mehr Anerkennung und Bewunderung werth, als das griechische Volk, weil sie heute noch unverändert stehen, während die Griechen des Homer, des Sophokles, Perikles und Aristoteles nicht mehr leben?
[Notes for 60 here]
61 Moses Mendelssohn setzte den Vorzug der jüdischen Religion darein, daß sie nicht allgemeine Wahrheiten lehre, sondern nur positive Gesetze vorschreibe, von denen sich kein allgemeiner Grund angeben lasse. Er erklärte demnach mit Recht, denn was über meinen Horizont geht und mir keine Rechenschaft geben kann, darüber habe ich keine Gewalt; das Gesetz behalte für den Juden seine Verbindlichkeit, bis es Jehova ebenso bestimmt und ausdrücklich aufhebe, wie er es auf dem Sinai offenbart habe.
[Notes for 61 here]
62 Ist diese Zähigkeit ein Ruhm? Macht sie das Volk, dessen Existenz sie erhält, zu einem geschichtlichen Volke? Es hält es nur gegen die Geschichte.
[Notes for 62 here]
63 Wenn ein Volk mit der Geschichte nicht fortschreitet, auch von der Begeisterung, welche zum Kampfe für geschichtliche Ideen nothwendig ist, sich nicht durchglühen, geschichtlichen Leidenschaften sich nicht ergreifen läßt, so geht ihm eines der bedeutendsten Mittel zur Hebung der Sittlichkeit verloren. Es kümmert sich zuletzt gar nicht um allgemeine menschliche Interessen, die Sorge für den Privatvortheil wird seine einzige Angelegenheit und das Gefühl für wahre Ehre geht verloren.
[Notes for 63 here]

Das Leben unter dem Drucke

64 Bei dem Drucke, unter dem die Juden lebten, antwortet man, war es aber auch nicht anders möglich, als daß edlern Empfindungen in ihnen unterdrückt wurden. Will man ihnen den Mangel an Sittlichkeit vorwerfen, wenn man sie von den Angelegenheiten und Interessen, die dem Geiste der europäischen Völker immer neue Schwungkraft geben, ausgeschlossen hat?
[Notes for 64 here]
65 Dagegen hat man bereits bemerkt, daß der Druck die Menschen sonst vielmehr zu bessern pflegt und ihr Gefühl für Ehre und Sittlichkeit schärft. Der Druck, unter welchem die Christen während der ersten drei Jahrhunderte ihrer Zeitrechnung lebten, trieb sie nur noch mehr an, die Tugenden auszubilden, mit deren Hilfe sie das römische Weltreich stürzten. Die Juden haben aber während des Druckes, unter dem sie bisher gelebt haben, kein Moralprincip gefunden und aufgestellt, welches der Welt oder zunächst ihnen selbst eine neue Gestalt geben könnte.
[Notes for 65 here]
66 Nun, wenn der Druck die Juden nicht gebessert hat, hebt ihn auf, gebt ihnen volle, unbeschränkte Freiheit und seht, ob sie nicht ohne den Druck besser werden!
[Notes for 66 here]
67 Noch ein anderer Grund müßte zu diesem Schritte und Versuche treiben. Es ist nicht wahr, daß der Druck wahrhaft bessert und den Weg zur wirklichen Sittlichkeit öffnet. Er macht nur starr, isolirt den Menschen, schneidet ihm vielmehr den Weg zur wahren Sittlichkeit ab, indem er ihm die Theilnahme an den öffentlichen Angelegenheiten des Staatslebens unmöglich macht, und gibt den Privattugenden entweder einen herben Charakter oder verwandelt sie zur egoistischen Sorge für die Privatangelegenheiten, die allein zwischen den vier Pfählen des eignen Hauses vorgehn. Das kann nicht wahrhaft sittlich genannt werden, wenn die ersten Christen, unbekümmert um die allgemeinen Angelegenheiten des römischen Reichs, oder vielmehr auf jeden Luftzug lauschend, ob er nicht der Vorbote eines Sturmes wäre, der ihm ein Ende machte, nur mit sich allein beschäftigt waren und nur für ihre Seelen wäre es auch für die Seligkeit derselben - sorgten.
[Notes for 67 here]
68 Um so dringender ist also die Nothwendigkeit, daß der Druck, unter dem die Juden bisher gelebt haben, aufgehoben werde!
[Notes for 68 here]
69 Halt! Man frage doch erst, ob die Juden als Juden sich nicht von den Völkern absondern müssen, ob sie es also nicht selbst so haben wollen, daß der Wagen der Geschichte über sie hinweggeht.
[Notes for 69 here]
70 Da sie noch als Volk selbstständig waren, athmeten sie etwa freier, war ihre Brust so weit, daß sie allgemein menschlicher Gefühle fähig waren, fühlten sie sich weniger gedrückt?
[Notes for 70 here]
71 Nein! Auch damals hielten sie sich für das Volk, welches vorzugsweise das gedrückte sei, und sie waren es in der That, weil ihre Prätension, die ihr wahres Wesen bildete, immer unbefriedigt sein mußte. Sie wollten und mußten nach ihrer Grundanschauung das Volk schlechthin, das einzige Volk, d. h. das Volk sein, neben dem die andern Völker nicht das Recht hätten, Volk zu sein. Jedes andere Volk war im Vergleich mit ihnen nicht wirklich Volk, sie waren als das auserwählte Volk das einzigwahre Volk, das Volk, welches Alles sein und die Welt einnehmen sollte.
[Notes for 71 here]
72 Dadurch also, daß überhaupt Völker existirten, waren sie gedrückt; das Bestehen, Gedeihen, Glück und Fortkommen andrer Völker war ihr Leiden, d. h. ihre Existenz war ausschließend, also immer eine leidende, da die Existenz andrer Völker das Wesen ihrer Existenz — die Ausschließlichkeit — selbst wieder ausschloß, verneinte und verspottete.
[Notes for 72 here]
73 Gebt ihnen also volle Selbstständigkeit und sie werden dieselbe immer wieder selbst aufheben, so lange sie Juden bleiben und sich als das auserwählte, einzig berechtigte Volk betrachten. Ihre gesetzliche Idee von sich selber wird von der Realität und wirklichen Geschichte nicht nur bedroht, sondern vollständig widerlegt, sie sind also nothwendig gedrückt und ihr Leiden ist unheilbar.
[Notes for 73 here]
74 Nach dem Bisherigen werden wir auch im Stande seyn,
die oft wiederholte Bemerkung, daß es unter den Juden verhältnißmäßig
weniger Verbrechen gebe, als unter den Christen,
in deren Mitte sie leben, richtig zu würdigen.
[Notes for 74 here]
75 Nicht auf die Anzahl, sondern auf die Art der Verbrechen kommt es an, nicht auf die juristische Abschätzung derselben, die sich in dem Grade der Bestrafung ausspricht; sondern auf ihre sittliche Beurtheilung, welche den Zusammenhang des Verbrechens mit den socialen Verhältnissen mit in Berechnung zieht.
[Notes for 75 here]

Die Anzahl der Verbrecher

76 Ein Verbrechen kann juristisch als sehr gering taxirt werden und doch von einem sehr tiefen Verfall der innern sittlichen Verfassung zeugen; auf ein andres kann der Richter eine sehr hohe Strafe sehen, während es von demjenigen, der zugleich auf den Grund sieht, als die gewaltsame Lösung eines tiefen sittlichen Kampfes, dessen der geringere Verbrecher nicht fähig war, erkannt wird.
[Notes for 76 here]
77 Es kommt ferner darauf an, in welchem Gebiete der rechtlichen und sittlichen Interessen die Verbrechen begangen sind.
[Notes for 77 here]
78 Dort, wo die mannigfaltigsten Interessen z.B. der unterschiednen Stände sich durchkreuzen, wo veraltete Geseke mit neuen Ansprüchen noch im Kampfe liegen, können mehr Verbrechen begangen werden als in einer Region, wo nicht so bedeutende Interessen sich reiben, also auch weniger Gelegenheit zu Collisionen gegeben ist, und dennoch wird die verhältnißmäßige Mehrzahl der Verbrechen, die dort begangen werden, nicht den Sah umstoßen, daß mitten in dem Hausen dieser Verbrechen eine neue höhere, sittliche Ordnung sich bildet. Dagegen kann es seyn, daß da, wo weniger und geringere Verbrechen begangen werden, nicht nur die Gelegenheit und Kraft zu größern, sondern auch die Kraft fehlt, die neue sociale Verhältnisse zu schaffen im Stande ist.
[Notes for 78 here]
79 Wir werden nun der Frage, so weit das Christenthum und der christliche Staat in’s Spiel kommen, ihre richtige Stellung geben.
[Notes for 79 here]
80 Die Feindseligkeit der christlichen Welt gegen die Juden hat man geradezu unerklärlich genannt. Das Judenthum doch die Mutter des Christenthums, die mosaische Religion Vorbereitung der christlichen; woher nun der christliche Haß gegen die Juden, diese bodenlose Undankbarkeit der Consequenz gegen ihren Grund, der Tochter gegen ihre Mutter?
[Notes for 80 here]
81 Warum zersprengt die Blüthe den Verschluß der Knospe? Warum stößt die Frucht die Blüthenblätter ab? Warum sprengt der reife Same die Fruchtkapsel? Weil das Folgende nicht seyn kann, wenn das Vorhergehende bestehen bleibt, weil es nie zur Erscheinung käme, wenn es auf das Vorhergehende ankäme.
[Notes for 81 here]

Das Benehmen der Consequenz gegen ihre Voraussekung

82 In geistigen, geschichtlichen Verhältnissen besteht die Voraussetzung wirklich noch und sie will durchaus bestehen, trotzdem, daß ihre Consequenz vorhanden ist. Sie läugnet also ihrer Consequenz gerade ihre Bedeutung ab, daß sie die Consequenz ist, welche ihr Wesen richtig gedeutet, entwickelt und vollendet hat; sie bestreitet ihrer Consequenz das Recht zu bestehen. Nicht die Tochter ist undankbar gegen ihre Mutter, sondern die Mutter will ihre Tochter nicht anerkennen. Die Tochter hat im Grunde das höhere Recht, weil sie das wahre Wesen des Frühern ist, und das Frühere, wenn seine Consequenz erschienen ist, sein wahres Wesen verloren hat. Will man beide Seiten egoistisch nennen, so ist das Spätere egoistisch, weil es sich und die Entwicklung will, das Frühere, weil es sich, aber nicht die Entwicklung will.
[Notes for 82 here]
83 Das Frühere hat den Keim der Entwicklung, aber es will im Kampfe mit seiner Consequenz die Entwicklung für Andre nicht zugeben und selbst nicht in die Entwicklung eingehen. Es „hat den Schlüssel der Erkenntniß, aber es kommt nicht hinein und wehret denen, so hinein wollen.“
[Notes for 83 here]
84 Die Feindseligkeit der christlichen Welt gegen das Judenthum ist also vollkommen erklärlich und in ihrem beiderseitigen wesentlichen Verhältnisse begründet. Keines von Beiden kann das Andre bestehen lassen und anerkennen; wenn das Eine besteht, besteht das Andre nicht; jedes von beiden glaubt die absolute Wahrheit zu seyn, wenn es also das Andere anerkennt und sich verläugnet, so läugnet es, daß es die Wahrheit sey.
[Notes for 84 here]
85 Widerspricht aber nicht, entgegnet man, diese Ausschließlichkeit des Christenthums der Liebe, die es als sein Princip zeichnet? Wir werden sehen.
[Notes for 85 here]
86 Der Eifer und die Ausschließlichkeit der christlichen Liebe.
Das Christenthum bekennt sich zum Gesek der Liebe, aber es hat auch das Gesek des Glaubens zu beobachten. Die christliche Liebe ist eifrig und umfassend, aber beides nur im Interesse des Glaubens. Sie bezieht sich auf die ganze Welt, aber nur deßhalb, um ihr den Schak des Glaubens zu schenken. Sie bezieht sich nicht auf den Menschen als solchen, sondern auf
[Notes for 86 here]

Der Eifer und die Ausschließlichkeit der christlichen Liebe

87 Der Eifer und die Ausschließlichkeit der christlichen Liebe.
den Menschen als Gläubigen und als solchen, der gläubig werden
kann oder vielmehr gläubig werden soll und es werden muß,
wenn er nicht verdammt werden will.
[Notes for 87 here]
88 Wenn geschrieben steht, daß Gott als der Gott der Liebe die Person nicht ansieht, daß ihm vielmehr in allerlei Volk, wer ihn fürchtet und Recht thut, angenehm ist, so heißt das nur, daß Gott unter den Völkern keinen Unterschied macht, sondern Alle in sein Reich aufnimmt, die den wahren Glauben annehmen wollen.
[Notes for 88 here]
89 Die christliche Liebe ist allgemein, weil sie keine Völker-
unterschiede anerkennt, vielmehr allen Völkern das Geschenk des
Glaubens anbietet. Also ist auch ihr Eifer allgemein, da sie Alles
ausschließt, was dem Glauben widerspricht und entgegensteht.
[Notes for 89 here]
90 Die christliche Religion ist die Aufhebung des Judenthums, also auch der jüdischen Ausschließlichkeit. Aber diese Aufhebung ist sie nur, indem sie die Vollendung des Judenthums und seiner Ausschließlichkeit ist.
[Notes for 90 here]
91 Das Judenthum läugnete das Recht der andern Völker, aber ließ diese noch bestehen. Sein Fanatismus und seine Ausschließlichkeit war noch nicht That, das Wort noch nicht Fleisch geworden, das Feuer der ausschließlichen Religion noch nicht in die Welt geworfen.
[Notes for 91 here]
92 »Ich bin gekommen, daß ich ein Feuer anzünde auf Erden, heißt es im Evangelium; was wollte ich lieber, denn es brennete schon.«
[Notes for 92 here]
93 Das Christenthum hat mit der Ausschließlichkeit des Juden- thums Ernst gemacht, sie zur That erhoben und gegen Volksunterschiede gerichtet.
[Notes for 93 here]
94 Der Glaubenseifer ist nichts als diese ausschließliche Haltung des christlichen Princips oder das Feuer der christlichen Liebe. Dieses Feuer durchzieht die ganze Geschichte der christlichen Kirche und bricht in besonders auserwählten Epochen hervor, um ihnen einen besondern Glanz zu verleihen. Augustinus z. B. schürte es gegen die Schismatiker in Nordafrika auf, in seinem Scheine schrieb er die Stellen seiner Schriften, in denen er die Verfolgung der Ketzer gebot, dieses Feuer wies als eine neue Feuersäule den Kreuzfahrern den Weg in den Orient, leuchtete den Spaniern auf ihrem Bekehrungskriege gegen die Völker Amerika's, es blitzte in der Bartholomäusnacht und bei den Dragonaden.
[Notes for 94 here]
95 Richtete sich nun der christliche Eifer auch gegen das Judenthum, so liegt darin nichts Unerklärliches, und das Judenthum hat keinen Grund, sich darüber zu beklagen. Von dem Judenthum hat die christliche Religion den Eifer, die Ausschließlichkeit und die polemische Richtung gegen Alles, was ihr widerspricht, überkommen. Der christliche Eifer ist nur die Vollendung, die Consequenz, die ernste und thatsächliche Durchführung des jüdischen; wenn er sich daher auch gegen das Judenthum richtet, so wird dieses nur von seiner Consequenz getroffen; es liegt aber in der Natur der Consequenz, sich gegen das zu richten, woraus sie hervorging. Wenn sich daher das Christenthum gegen das Judenthum richtet, so heißt das nur: der vollendete Eifer richtet sich gegen den noch beschränkten oder energielosen Eifer.
[Notes for 95 here]
96 Von christlicher und von jüdischer Seite aus hat man bemerkt, »daß es einige Juden und Christen giebt, die sich gegenseitig hassen, sey nicht Schuld ihrer Religion, sondern Mißverstand ihrer Religion.« Ein außerordentlich milder Ausdruck dieses »Einige«! Waren es also nur »einige« Juden und Christen, die sich achtzehn Jahrhunderte hindurch gehaßt, verfolgt und gedrückt haben? Haben sie Alle ihre Religion mißverstanden? Nein, sie haßten sich, weil sie noch wirklich Religion hatten, wußten, was Religion sey, und wirklich den Geboten ihrer Religion nachkamen.
[Notes for 96 here]
97 Wenn nach einem zweitausendjährigen Beweis des Gegentheils Einige die Behauptung aufstellen, nur aus dem Mißverstand der Religion könne der Haß der Religionsparteien hervorgehen, so liegt darin vielmehr der Beweis, daß sie selbst sich nicht mehr auf die Religion verstehen. Hat der gegenseitige Haß wirklich nachgelassen, so kann es nur daher rühren, weil der wahre Religionseifer nachgelassen, d. h., da die Religion eifrig seyn muß, die Religion selbst ihre Kraft verloren hat.
[Notes for 97 here]
98 Wenn man nun aber der gegenseitigen Ausschließung ein Ende machen zu können meint und dennoch es für möglich hält, daß die Religiosität beider Theile unverändert bestehen bleiben könne, so wäre der Friede, der auf einer solchen Grundlage geschlossen würde, nicht nur unsicher, sondern ein falscher Friede, so gut wie kein Friede, da ein zufälliger Luftzug auch den schwächsten Funken des Feuereifers, der in der Religiosität nothwendig immer noch enthalten ist, anfachen und zur Flamme entwickeln kann.
[Notes for 98 here]
99 Die Selbsttäuschung, in welcher die jüdischen und christlichen Vertheidiger der Juden-Emancipation bisher gestanden haben, zeigt sich uns auf ihrem Gipfel, wenn sie fragen, wie in aller Welt darin, daß die Juden "in Religion und Lebensart in ewiger Absondrung von den Christen leben, ein Grund liegen könne, sie der Rechte der Menschheit und des Bürgers zu berauben."
[Notes for 99 here]
100 Die Frage ist vielmehr, ob der Jude als solcher, d.h. der Jude, der selber eingesteht, daß er durch sein wahres Wesen gezwungen ist, in ewiger Absondrung von Andern zu leben, fähig sey, die allgemeinen Menschenrechte zu empfangen und, Andern zuzugestehen. Seine Religion und Lebensart verpflichten ihn zu ewiger Absondrung: warum? weil sie sein Wesen sind als dies Wesen aber demjenigen, was Andere für ihr Wesen halten, widersprechen, entgegengesetzt sind und es ausschließen. Sein Wesen macht ihn nicht zum Menschen, sondern zum Juden, so wie das Wesen, was Andre beseelt, sie auch nicht zu Menschen, sondern zu Christen, zu Muhamedanern macht.
[Notes for 100 here]

Die Menschen-Rechte und der christliche Staat

101 Als Menschen können sich Juden und Christen erst betrachten und gegenseitig behandeln, wenn sie das besondre Wesen, welches sie trennt und zu ewiger Absondrung verpflichtet, aufgeben, das allgemeine Wesen des Menschen anerkennen und als ihr wahres Wesen betrachten.
[Notes for 101 here]
102 Der Gedanke der Menschenrechte ist für die christliche Welt erst im vorigen Jahrhunderte entdeckt worden. Er ist dem Menschen nicht angeboren, er wird vielmehr nur erobert im Kampfe gegen die geschichtlichen Traditionen, in denen der Mensch bisher erzogen wurde. So sind die Menschenrechte nicht ein Geschenk der Natur, keine Mitgift der bisherigen Geschichte, sondern der Preis des Kampfes gegen den Zufall der Geburt und gegen die Privilegien, welche die Geschichte von Generation auf Generation bis jetzt vererbt hat. Sie sind das Resultat der Bildung, und derjenige kann sie nur besitzen, der sie sich erworben und verdient hat.
[Notes for 102 here]
103 Kann sie nun der Jude wirklich in Besitz nehmen, so lange er als Jude in ewiger Absondrung von Andern leben, also auch erklären muß, daß die Andern nicht wirklich seine Mitmenschen sind? So lange er Jude ist, muß über das menschliche Wesen, welches ihn als Menschen mit Menschen verbindet, das beschränkte Wesen, das ihn zum Juden macht, den Sieg davontragen und ihn von den Nicht-Juden absondern. Durch diese Absondrung wird bewirkt, daß das besondre Wesen, das den Juden macht, sein wahres, höchstes Wesen ist, und das Wesen des Menschen zurücktreten muß.
[Notes for 103 here]
104 In derselben Weise kann der Christ als Christ keine Rechte gewähren.
[Notes for 104 here]
105 Was keine von beiden Seiten besitzt, kann sie der andern auch nicht geben, von der andern nicht empfangen.
[Notes for 105 here]
106 Aber Staatsbürger können doch die Juden werden? die Rechte des Bürgers können ihnen doch nicht entzogen werden?
[Notes for 106 here]
107 Die Frage ist vielmehr, ob es im christlichen Staate als solchem allgemeine Rechte und nicht nur besondre Privilegien, d. h. eine größre oder geringre Summe von Vorrechten d. h. von besondren Rechten gebe, die nur für den Einen ein Recht und für den Andern ein Nicht-Recht sind, ohne deshalb ein Unrecht zu seyn, da der Andre wieder besondre Rechte hat, die jenem fehlen, man müßte denn sagen, daß die Summe der besondern Rechte eine gleiche Summe von Rechtsverletzungen oder der Mangel des allgemeinen Rechts das allgemeine Unrecht sey.
[Notes for 107 here]
108 »Bürger« wollen die Juden im christlichen Staat werden? Fragt doch erst, ob dieser Bürger und nicht nur Unterthanen kennt, ob das Judenviertel ein Widerspruch ist, wenn die Unterthanen nach den Privilegien der besondern Stände unterschieden sind, und ob es sogar auffallen kann, wenn den Juden eine besondre Tracht oder ein besondres Abzeichen geboten wird, so bald die Stände, wenn sie als solche auftreten, sich auch durch ihre besondre Tracht unterscheiden müssen.
[Notes for 108 here]
109 Man beruft sich auf die Concessionen, die der christliche Staat in Zeiten der Noth gegeben hat - Concessionen, die fast so umfassend waren, daß sie in einer völligen Gleichstellung der Juden mit den Christen bestanden. Man sollte aber vorher fragen, ob nicht eben der christliche Staat in solchen Zeiten sich in Noth und Lebensgefahr befand und nur deßhalb den Juden Concessionen machte, weil er, um nicht vollständig unterzugehen, selber einer höhern Staats-Idee Concessionen zugestehen mußte.

Klagt aber doch nur nicht allein darüber, daß man den Juden die in der Zeit der Noth zugestandenen Concessionen später beschränkte oder zum Theil zurücknahm! Leiden denn die Juden
[Notes for 109 here]
110 Der religiöse Gegensatz des Judenthums und Christenthums. allein? Ist ihre Erfahrung nicht eine allgemeine? Wenn sie wieder zu einer bloß privilegirten Existenz verurtheilt sind oder verurtheilt werden sollen, kommt es nicht allein daher, weil das Privilegium überhaupt zur Herrschaft gekommen ist oder gebracht werden soll? Fragt doch auch vielmehr, was sie indessen jetzt gethan haben, wodurch sie der bloß privilegirten Existenz entwachsen wären!
[Notes for 110 here]
111 Noch eine Frage haben wir in ihre richtige Stellung zu bringen.
[Notes for 111 here]
112 Am schwierigsten, ja rein unmöglich muß die Lösung seyn, wenn der Gegensatz rein religiös gefaßt wird, weil die Religion die Ausschließlichkeit selber ist und zwei Religionen, so lange sie als Religion, als das Höchste und Geoffenbarte anerkannt werden, niemals mit einander Frieden schließen können. Der religiöse Gegensatz des Judenthums und Christenthums.
[Notes for 112 here]
113 Die Juden, sagt man, halten Jesum nicht für den Messias, sie läugnen das Höchste, was der Christ kennt und was ihm als das einzig wahre Band aller Einheit gilt, sie können also nie mit ihm in eine aufrichtige Verbindung treten. Da sie das Höchste des Christen für Lug und Betrug halten, so ist die Gemeinschaft mit ihnen von Gott selbst untersagt. Mit dem Antichristen darf der Christ in keinerlei Verbindung treten.
[Notes for 113 here]

Der religiöse Gegensak des Judenthums und Christenthums

114 Allein: läugnet denn der Jude, wenn er dem Evangelium widersteht, wirklich ein Wesen, welches über der Menschheit erhaben ist, und für seine Ehre eifert? Hat er es in seinem Widerstande mit einem göttlichen Wesen zu thun, dem, ohne ewige Verdammniß erwarten zu müssen, der Mensch nicht widersprechen darf? Oder liegt sein Vergehen nicht vielmehr darin, daß er eine reinmenschliche Entwicklung der Geschichte, eine Entwicklung des menschlichen Bewußtseyns und zwar eine Entwicklung seines eignen gesetzlichen Bewußtseyns nicht anerkennt? Ist der Gegensatz nicht im Grunde nur der Gegensatz verschiedner Entwicklungsstufen des menschlichen Geistes und nur für das Bewußtseyn der beiden Parteien ein religiöser, d. h. ein solcher, der von einem jenseitigen höchsten und über der Geschichte stehenden Wesen geboten wird? Ist der Gegensatz nicht bedeutend gemildert und die Möglichkeit seiner Lösung gegeben, wenn er als ein nur menschlicher und geschichtlicher erkannt wird und aufhört, ein religiöser zu seyn?
[Notes for 114 here]
115 Wenn der Gegensatz nicht mehr religiös ist, wenn er ein wissenschaftlicher geworden ist und die Form der Kritik angenommen hat, der Jude also den Christen zeigt, daß seine Religions-Anschauung nur das geschichtliche Erzeugniß dieser und jener Factoren ist, so ist der Gegensatz gelöst, da er nun im Grunde nicht einmal mehr als ein wissenschaftlicher möglich ist.

Sobald nämlich der Jude die wirkliche, wissenschaftliche, nicht mehr bloß die rohe religiöse Kritik gegen das Christenthum richtet, so muß er sie zuvor auch gegen das Judenthum gerichtet haben oder zugleich gegen dasselbe richten, da er das Christenthum als ein nothwendiges Product von jenem begreifen muß.

Richten aber beide Parteien jede gegen die andere, also auch jede gegen sich selbst, die wissenschaftliche Kritik, so sind sie in der Wissenschaft Eins, die religiöse Befangenheit trennt sie nicht mehr und Differenzen in der Wissenschaft lösen sich durch die Wissenschaft selbst.
[Notes for 115 here]
116 Die Lösung des Gegensakes besteht darin, daß er voll-
ständig wegfällt und die Juden aufhören können Juden zu seyn,
ohne es nöthig zu haben, daß sie Christen werden, oder viel-
mehr aufhören müssen, Juden zu seyn, und Christen nicht
werden dürfen.
[Notes for 116 here]
117 Was haben sie aber gethan, um diese Lösung des Gegensakes möglich zu machen und herbeizuführen? Haben sie kritisirt? die Kritik gegen das Judenthum und Christenthum, gegen alle Religion gerichtet? Haben sie den religiösen Gegensatz zu einem Gegensak der geschichtlichen Entwicklung gemacht?
[Notes for 117 here]
118 Oder haben sie die Fabel, daß sie besondre geheime Nachrichten über Jesum und seine Zeit hätten, eine Fabel, mit der sich jetzt noch mancher Jude brüstet, durch eine wirkliche Kritik der heiligen Geschichte als eine Narrheit, als ein schmutziges Erzeugniß des religiösen Gegensatzes widerlegt?
[Notes for 118 here]
119 Wie weit ferner sind sie fähig, sich zu dem Freiheits-Standpuncte zu erheben, auf welchem der religiöse gelöst ist?
[Notes for 119 here]
120 Wenn der Jude, wie es in der Natur der Aufklärung, die eine Religion gegen die andre richtet, begründet ist, das Evangelium für Betrug erklärt, so giebt ihm diesen Vorwurf in religiöser Form der Christ zurück, indem er sagt, der unglückselige Zustand, in dem er sich seit dem Untergange seines Staats befinde, sey eine Folge des göttlichen Fluches, der auf den Widersachern des Messias liege. Allein worin besteht das Unglück der Juden? Etwa nur darin, daß sie von den Christen verfolgt und gedrückt sind? Als ob nicht auch Märtyrer verfolgt und gedrückt wären! Als ob Druck und Verfolgung nicht auch das Loos derjenigen wäre, die um einer höhern Idee willen ihrer Zeit widersprechen und von der Zukunft mit vollkommner Gewißheit ihre Rechtfertigung erwarten dürfen. Wie also sind die Juden unter der Herrschaft des Christenthums verfolgt und gedrückt worden? Nicht als Märtyrer für eine höhere Idee, nicht als Märtyrer der Zukunft, sondern als Märtyrer einer Vergangenheit, deren Entwicklung, die Entwicklung, in der sie selbst leben, sie nicht anerkennen. Was man den göttlichen Fluch nennt, ist Nichts als die natürliche Folge eines Gesetzes, welches an sich schon chimärisch und unfähig die Seele eines wirklichen Volkslebens zu bilden, der Entwicklung, die ihm allein noch einigen Halt geben konnte, widerspricht und sich von ihr losgetrennt erhalten will. Der vermeintliche göttliche Fluch besteht in nichts Anderm als den natürlichen Folgen des Widerspruchs, in welchen sich die Juden mit der ganzen Geschichte und mit ihrem Gesetz gebracht haben.
[Notes for 120 here]
121 Sogar darin wollte ein würtembergischer Deputirter (im Jahr 1828) ein Zeichen des Fluches sehen, der auf den Juden liege, daß selbst der Druck, unter dem sie bisher gelebt haben, ihnen nicht zum Heil ausgeschlagen sei: "es gehöre ausschließlich zu den Segnungen des Christenthums, daß dessen Anhänger durch den Druck gebessert und veredelt werden, ein Segen, dessen die Juden nicht theilhaftig sind."
[Notes for 121 here]
122 Allein gesetzt den Fall, daß der Druck wirklich veredle und beßre - was nicht einmal, so wie man es gewöhnlich sentimental gnug meint, der Fall ist bedarf es einer übernatürlichen Erklärung und der Zuflucht zu einer übernatürlichen Fügung, wenn der Druck das eine Mal nicht die Folgen hat, die ihm das andere Mal folgen? Müssen wir die Frage durch ihre religiöse Beantwortung zu einem unlösbaren Räthsel, den Gegensatz durch seine religiöse Beleuchtung zu einem ewigen machen? Es ist wahr, der Druck kann erheben, stärken, zur Fortentwicklung reizen; wenn er aber den Juden nicht in dieser Weise geholfen hat, so kommt es nur daher, weil sie nicht wie die Christen die Partei waren, die den Fortschritt repräsentirte und an welche die Möglichkeit des weltgeschichtlichen Fortschritts geknüpft war, denn nur dieser kann der Druck helfen, wenn er überhaupt durch Stärkung der Elasticität einer Partei helfen kann. Wir haben die Fragen in ihre richtige Stellung gebracht, in die Stellung, wo sich ihre Beantwortung mit unwidersprechlicher Nothwendigkeit ergibt.
[Notes for 122 here]
123 Wir geben nun die Antwort selbst.
[Notes for 123 here]
124 Man wird sehr leicht berechnen können, wie hoch ein Staat steht, wenn Männer, die immer und immer wieder zu behaupten wagen, die Juden, die sich über die Beobachtung ihres alterthümlichen Gesekes hinwegseken und Neuerungen in ihrer Religionsverfassung vornehmen, verlören bei den Christen an Achtung, in ihm als Staatsmänner gelten. Wenn man endlich einmal zur Sache kommen will, so könnte die Frage doch allein die sein, ob die Juden ihr alterthümliches Gesek befolgen können, ob ihr gegenwärtiges Verhältniß zum Gesez ihre Sittlichkeit heben, ob es überhaupt ein sittliches sein könne, ja es ist sogar die Frage, welches ihr Gesez ist.
[Notes for 124 here]
⬅ Eingang II. Critical Examination of Judaism ➡