758
Gut: wir wollen den Satz allgemein nehmen, wie ihn die Kritik allerdings als ihr erstes Gesetz betrachten muß: warum haben Sie denn nun nicht bewiesen, Herr Gruppe, daß die Aufstellung dieses Satzes eine Unthat, die Befolgung dieses Gesetzes ein Unrecht, daß der Krieg, den er ankündigt, ein ungerechter, ein unerlaubter Krieg sey?
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Warum Sie es nicht gethan haben? Aus dem einfachen Grunde, weil Sie, wie alle Gegner der neueren Kritik, sobald Sie an die Sache selbst gehen und zeigen wollten, daß sie Ihnen wirklich am Herzen liege, merken müßten, daß der Krieg bereits beendigt sey, weil Sie nicht Kräfte genug besitzen, den Krieg von neuem zu beginnen, weil Sie wie alle Gegner der Kritik nur über den bloßen Satz: „es ist doch gar zu schrecklich!“ gebieten können, wenn Sie ihr den Krieg durchaus ankündigen wollen.
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Ankündigen können Sie den Krieg, aber Sie werden und können ihn nicht führen.
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Die Gegner der Kritik fassen es nicht, verstehen es nicht, aber wir wenden uns auch nur an diejenigen, die an der Menschheit und ihren Rechten noch Antheil nehmen, wenn wir die Frage aufstellen: ob das wohl der wahre Friede ist, wenn wir uns von einem „unerkannten Positiven“, von einer ungeprüften Voraussetzung beherrschen lassen. Ist es dann nicht vielmehr diese Voraussetzung, die mit uns im Kriege liegt? Ist sie es Kritik. nicht, die um ihrer Geltung und Herrschaft willen uns das Denken verbietet, d. h. uns um unsere Humanität bringt?
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Und dieser Krieg des Positiven gegen uns, gegen das Denken, gegen das Recht der Forschung, kurz gegen die Freiheit und Menschheit ist ein ungerechter Krieg, da das Positive nur für einen Schein kämpft, für den Schein, daß es nicht der Menschheit entsprungen, für den Schein, daß es vom Himmel gefallen sey, während es doch Nichts als ein Werk der Menschheit und ihrer Geschichte ist. Die herrschsüchtige und freiheitsmörderische Vorausseßung kämpft für eine Illusion: wir kämpfen für die Freiheit, für unsere Freiheit, aber auch für die Ehre und Freiheit des Positiven, wenn wir erkennen und beweisen, daß es dem Edelsten, was es gibt, dem geschichtlichen Selbstbewußtseyn entsprungen ist.
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Nur der falsche Schein und die Illusion des Positiven muß verschwinden.
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„Was? Dann hört ja Alles auf!“ sagen die Tapfern, die am Scheine hängen, die wackern Männer, die in ihrer Indolenz und Gleichgültigkeit das Positive der alten Weltanschauung längst aufgelöst haben, die kernigen, gediegenen und herzlichen Ehrenmänner, die das Gegebene nur scheinbar, nur mit den Lippen anerkennen, wenn es gilt, die Tapferkeit zu schmähen, die Kraftmänner, die sich entsetzen, wenn man der Voraussetzung auf den Leib geht, und die erzittern, wenn sie sich selbst gestehen sollen, daß sie im Grunde wenn auch nur in ihrer Indolenz das Positive aufgelöst haben, ja, das sagen die umfassenden Geister, deren Geist und Selbstbewußtseyn nur zu eng ist, als daß sie das Positive in seiner wahren, ursprünglichen d. h. in seiner Geistes-Gestalt in sich aufnehmen könnten.
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„Die Philosophie, sagt Herr Gruppe p. 51, muß, um die Gegenstände sich anzueignen, sie sich assimiliren, d. h. sie in ihren Schwindel verwickeln, sie in ihr Nichts auflösen.“ Ist also die Vernunft der Schwindel? Ein reines, leeres Nichts? Freilich, wenn die Vernunft überhaupt die Vernunft des Herrn Gruppe wäre, d. h. eine Vernunft, in welcher der Gegenstand keine Wohnstätte, keine Heimath findet, sondern nur einzelne Stichworte, nur misverstandene Stichworte bunt durcheinanderfahren.
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Nichts in der Menschheit kann anders entstehen als aus dem Innern. Ist das nun eine Verwicklung in den Schwindel der Vernunft, wenn die zerstreuten und verwirrten Erzeugnisse der Geschichte in ihre Einheit und wahre Ordnung versammelt werden? Ist es eine Auflösung in das Nichts, wenn das geschichtlich Entstandene in seine Heimath, in das Innere, ins Selbstbewußtseyn, in seinen Ursprung zurückgeführt wird?
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Marheineke nennt diese Zurückkehr in das allgemeine Selbstbewußtseyn „süßen Egoismus“ (p. 40): er hat aber nicht bewiesen, daß es außer dem Einen, dem Selbstbewußtseyn noch eine andere Realität gibt, er hat übersehen, daß das allgemeine Selbstbewußtseyn die Ueberwindung des Egoismus ist, welcher sich im Gegensatze gegen die Welt, die Geschichte, die Entwicklung der Geschichte und ihre Resultate erhalten will, und die Kritik hat bewiesen, daß gerade dieser Egoismus den Gegenständen nur Unrecht zufügen, sie nur mishandeln kann.
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Ja, so ist es wirklich: die Kritik verherrlicht das Christenthum und wird es noch immer mehr verherrlichen, aber nur so, wie sie alle andern Religionen verherrlicht, indem sie dieselben dem Selbstbewußtseyn zurückgibt. Die Kritik stellt das Christenthum wieder her, indem sie es gegen alle bisherigen falschen Erklärungen vertheidigt, aber die erste falsche Erklärung ist diejenige, die es selbst aufstellt, wenn es sich als ein himmlisches Geschenk der Menschheit und ihrer Geschichte entfremdet.
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Wenn das Christenthum erkannt und gegen seine eigene falsche Erklärung sicher gestellt wird, so fällt es zwar für die Geschichte und für Alle, die an dem Fortschritt derselben Theil nehmen, als Religion, nämlich als herrschende oder pretentiöse und unterdrückungssüchtige Religion, denn jene falsche Erklärung, jene Voraussetzung und Illusion macht es erst zur Religion. Allein, wer kann gegen den Stachel lecken? Wenn die Religion durch ihre falsche Anmaaßung selbst die Erkenntniß angespornt hat, wer kann und wird der Erkenntniß und der Wahrheit Gränzen sezen? Wieder die Anmaaßung und die Illusion? Unmöglich! Die Wahrheit ist unüberwindlich.
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Aber sie ist nicht unterdrückungssüchtig, nicht pretentiös — sie ist tolerant. Wie die Natur ihre verschiedenen Bildungen und Reiche neben einander bestehen läßt, und gerade dadurch erst jedem Reiche seine wahre Bedeutung und Stellung gibt, so ist auch die Wahrheit tolerant und die Erkenntniß wird am wenigsten daran denken, irgend ein Werk des Geistes so zu stürzen, daß es ein anderes Erzeugniß desselben zur Alleinherrschaft erheben wollte.
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Wenn daher das Christenthum auch begriffen, d. h. für den Begriff, für die Freiheit, für die wahre, nämlich für die fortschreitende Geschichte als religiöse Macht völlig gestürzt ist, so ist es deshalb noch nicht der „Tyranney des Begriffs“ preisgegeben oder verfallen.
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„Ueberall, sagt Herr Gruppe p. 54, soll der Philosophie Raum gegeben werden.“ Insofern es sich darum handelt, die Schranken, die man bisher der Erkenntniß gesezt hat, zu prüfen und wenn sie wissenschaftlich nicht zu halten sind, zu überschreiten: allerdings! Aber damit ist noch nicht gesagt, daß das Christenthum auch äußerlich von der Philosophie als Religion schlechtweg, für Alle und für Jeden ausgerottet werden soll. Eben dieselbe Philosophie, die überall Raum haben will, wird sich z. B. vor dem Individuum Gruppe eine Gränze ziehen und decretiren, daß er einen Gott haben müsse und zwar einen recht unbestimmten Gott, der ihm seine innere Unbestimmtheit als sein wahres Wesen darstelle, da er nicht im Stande ist, sie zu erkennen und somit aufzuheben.
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Auch Marheineke sagt gegen die Kritik: „so soll nur die Philosophie Alles in Allem seyn.“ (p. 86). Wir werden dagegen zeigen, was vielmehr von nun an Alles in Allem seyn soll und wie tolerant die Philosophie gegen die Religion ist.
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Herr Gruppe und alle, die ihm gleichen, haben aus der bisherigen Literatur der Kritik noch nicht ersehen können, was denn eigentlich jest in der Welt vorgehe: ein Paar Worte werden es ihnen vielleicht besser sagen. Hören Sie also!
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„Es ist eine Thorheit, sagt Herr Gruppe p. 98, an die Stelle einer Religion eine Philosophie setzen zu wollen; aber es ist auch eine Ohnmacht. Wer eine Religion stürzen will, müßte wieder eine Religion bringen.“