816
Der Bruch mit der Kirche und der Religion ist vollständig geworden. Die neuere Bildung und das befreite Selbstbewußtseyn sind nicht nur von den Kirchensatzungen frei geworden, sondern sie haben sich vollständig von aller Religion befreit.
817
Wie ruft man uns entgegen, wie? Ihr wollt die Religion auflösen, stürzen, ausrotten? Welcher roher Uebergang von der Theorie zur Praris! Wir haben sie vielmehr aufgelöst und gestürzt aber rein und allein durch die Theorie. Die Theorie, aber die wahre, die rücksichtslose Theorie d. h. die Theorie, die ihren Gegenstand – (die Religion) – nicht so, wie er es eigensinnig genug verlangt – (denn er kann sich ja über sich selbst täuschen) – nicht so, wie er es grollend und donnernd verlangt – (um so schlimmer! Seine Heftigkeit spricht gegen ihn: warum würde er sonst praktisch, durch Drohungen erreichen wollen, was er viel sicherer auf dem Wege der freigelassenen Forschung erreichen müßte) – kurz, die den Gegenstand nicht nach seinen Vorausseßungen betrachtet – (denn diese können ja sehr falsch, ein Vorurtheil, eine verkehrte Auffassung seiner selbst, ein falscher Schein seyn) – sondern diese Voraussetzungen selbst in Untersuchung zieht, diese Theorie hat die Sache der Religion entschieden.
818
Nicht wir sind roh praktisch, sondern die Religion ist es, wenn sie schlechtweg anerkannt seyn will, wenn sie die wirkliche Erkenntniß verpönt und nur eine Forschung dulden will, die von der Furcht vor ihren Drohungen geleitet und bestimmt wird. Die Religion ist praktisch, wenn sie ihre Voraussetzungen nicht geprüft wissen will oder, falls sie den liberalen Forderungen der Welt nicht mehr widerstehen kann, nur eine Forschung duldet, die zuletzt ihre Voraussetzungen anerkennt. So praktisch ist die Religion, daß es ihr zuletzt völlig gleichgültig ist, wie und in welcher Weise ihre Voraussetzungen anerkannt werden, wenn es nur geschieht; ja zuletzt ist sie zufrieden gestellt, wenn es auch nur zum Scheine, wenn es heuchlerisch geschieht.
819
Wir allein verhalten uns rein theoretisch zu der Religion, wenn wir ihre Voraussetzung, die Voraussetzung, daß sie zwei Welten angehöre, der himmlischen und der irdischen, ihre Voraussetzung, daß sie das einzige Band zwischen der himmlischen, wesentlichen und der irdischen, unwesentlichen Welt sey, untersuchen. Ihr Andern seyd es, die ihr auch nach dieser theoretischen Arbeit der Kritik, wenn sie bewiesen hat, daß jene beiden Welten nur innere Gegensäße des Selbstbewußtseyns und von der Religion nur falsch aufgefaßt sind, euch noch praktisch verhaltet. Ihr untersucht nicht die Theorie und beweist ihr nicht, daß sie falsch sey, sondern ihr klagt sie nur an, macht ihr Vorwürfe, sagt, sie sey tyrannisch u. s. w. Jede eurer Wendungen, die ihr gegen die Kritik gebraucht, ist praktisch – die vollendetste Praris, die ihr befolgt, ist aber die, daß ihr die Arbeiten der Kritik endlich ganz und gar ignorirt und widerwillig euch gegen sie abschließt.
820
Unsere Praxis ist die Erkenntniß, die uns alle Täuschungen, welche die Religion sich über sich selbst vormacht, auflöst. Die Theorie hat uns von diesen Illusionen – von der Religion selbst befreit.
821
Nun, so erklärt doch, ruft man uns zu, daß ihr aus dem religiösen und kirchlichen Verbande ausgetreten seyd, oder auszutreten entschlossen seyd.
822
Seht, wie wenig es euch um die Sache, um die Wahrheit, um Menschlichkeit zu thun ist!
823
Meint ihr, damit wäre Etwas gethan, wenn wir ohne Weiteres über die religiösen und kirchlichen Schranken hinwegsprängen? Jeder Bube, jeder Abentheurer kann es thun und der Pfahlbürger, der in der Sorge für seine egoistischen Interessen versumpft ist, hat es in seiner Weise längst gethan, wenn er seine Blicke über den Sumpf seines täglichen Lebens nicht hinausrichtet und jene Schranken dadurch für seine Person aufhebt, daß er sie ignorirt.
824
Meint ihr, es käme uns nur auf unsere Person an und wir wären befriedigt, wenn wir nur frei sind?
825
Auch unter dem Pabstthum, als es die höchste Stufe seiner Macht erreicht hatte, gab es Atheisten und zwar Atheisten sehr verschiedener Art. Les't einmal eine Seite in Calvin's Schriften, und ihr werdet erfahren, wie viel und wie vielerlei Atheisten es in einer Zeit gab, die sonst als ganz besonders glaubenskräftig gepriesen wird.
826
Wir wollen nicht nur für unsere Person mit Kirche und Religion brechen, sondern auf eine allgemeine Weise, so daß der Bruch eine Angelegenheit der Welt, die allgemeine Sache der Geschichte wird.
827
Nichts aber ist allgemeiner als die Theorie, die es nur mit der Natur des Gegenstandes zu thun hat und auf die allgemeine wahrhafte Natur des Menschen rechnen darf, wenn es sich darum handelt, die Wahrheit einer Sache zur Anerkennung zu bringen. Was ich für meine Person thue, nur zwischen meinen vier Wänden thue, kann Andern höchst gleichgültig seyn. Wenn ich es öffentlich thue, kann mein Beispiel ansteckend seyn und Andere zur Nachfolge bewegen; aber selbst in diesem glücklichsten Falle, wird die Sache nur zu einer Angelegenheit der Mode, die morgen schon lächerlich seyn kann. Was hat es selbst Ludwig XIV. geholfen, die Frömmigkeit zur Mode zu machen? Nichts, als daß er die folgende Mode um so pikanter machte und die Leute reizte, sie um so lieber mit der seinigen zu vertauschen.
828
Nein! zur Sache, zur Sache wollen wir endlich kommen! In der Theorie wollen wir fertig werden, um der Geschichte ein für allemal ihren neuen Weg zu bereiten.
829
Das Innere, das Wesen der Sache soll enthüllt, die Tiefe des Geistes soll aufgerissen werden, damit die Menschheit weiß, woran sie ist, damit unser wahres Wesen, welches die Religion uns geraubt und vorenthalten und arg entstellt hat, wieder als unser selbst, als unser wahres, reines Wesen zu uns selbst komme, sich in uns entwickle und endlich frei werde. Darum muß die Theorie rücksichtslos den Gegenstand, die Religion seciren und die Vorurtheile, die Fesseln, die Bande, das falsche Fleisch von unserm Herzen abreißen.
830
Wozu verlangt ihr also eine Erklärung von unserer Seite, daß wir aus dem religiösen und kirchlichen Verband herausgetreten seyen? Sind denn unsere Arbeiten für euch nicht da? Seyd ihr für die Theorie so ganz und gar unzugänglich, daß ihr nicht einmal von ihr die richtige Notiz nehmen könnt?
831
Die Kritik arbeitet sich durch alle religiösen und kirchlichen Vorausseßungen hindurch; soll sie nun, wenn sie am Schluß alle Schranken aufgelöst hat und wirkliche Freiheit geworden ist, noch besonders vor euch hintreten und sagen: „ich bin frei!“ Wie läppisch! Wollt ihr uns jene Maler preisen, die den Gestalten noch nicht ihren wahren Ausdruck geben konnten und ihnen Zettel in den Mund legen mußten, auf denen ihr Inneres mit klaren Worten zu lesen war? Oder malt sich die Kritik so schlecht ab, daß sie in der Unterschrift noch besonders sagen muß, was sie ist, oder was sie nicht ist?
832
Der Kritiker kann und darf nicht einmal auf den Gedanken kommen, zu erklären, daß er aus dem kirchlichen Verbande heraustrete. Erstens würde er seiner Arbeit ein Dementi und falls sie gediegen ist, ein ungerechtes und sinnloses Dementi geben, wenn er als einzelne Person erst noch glaubte sagen zu müssen, was er richtig nur sagen konnte, als er sich als allgemeine Macht mit der Sache beschäftigte. Sodann würde er sein Werk noch in einer andern Weise Lügen strafen, wenn er mit einer Erklärung auftreten wollte, welche die Kirche, deren Grundlage und Vorausseßungen er vernichtet hat, noch als eine Macht anerkennen würde. Die Kirche, aus deren Verband ich trete, erkenne ich durch den Austritt selbst als eine Macht an, der ich mich nur durch die Flucht entziehen kann und der ich mich im Gegentheil unbedingt unterwerfen müßte, wenn ich nicht ausdrücklich aus ihrem Verbande heraustrete. Für den Kritiker hat aber die Kirche keine Macht mehr, der er sich durch die Flucht entziehen müßte.
833
Er flieht nicht aus dem Gefängnisse, sondern er will, daß es überhaupt nicht mehr stehen bleibe. Er bestürmt es nicht von außen, sondern zerbröckelt es von innen. Er bleibt mit Willen im Gefängnisse, um zu zeigen, daß es für die Freiheit kein Gefängniß ist, daß nämlich die wahre, ernstliche Freiheit seine Mauern zersprengt.
834
Wäre ich freiwillig aus der theologischen Facultät getreten, so wäre die Sache nur für meine Person und zwar sehr falsch abgemacht, da ich mit meinem Austritt erklärt hätte, daß die Kritik und freie Forschung gegen die Geseze und Voraussetzungen der Facultät schlechthin Unrecht hätten.
835
Die Consequenz einer geschichtlichen Existenz ist überhaupt noch niemals freiwillig aus ihr herausgetreten, sondern immer von ihr ausgestoßen. Wir treten nicht aus der Facultät, sondern diese stößt uns aus; wir treten nicht aus der Kirche, sondern diese hat uns auszustoßen, wenn sie noch so viel Kraft und Willen hat, als zu diesem Acte gehört.
836
Die Consequenz einer geschichtlichen Existenz ist überhaupt noch niemals freiwillig aus ihr herausgetreten, sondern immer von ihr ausgestoßen. Wir treten nicht aus der Facultät, sondern diese stößt uns aus; wir treten nicht aus der Kirche, sondern diese hat uns auszustoßen, wenn sie noch so viel Kraft und Willen hat, als zu diesem Acte gehört.
837
Aus der theologischen Facultät uns zu stoßen oder uns den Zutritt zu ihr zu erschweren oder völlig abzuschneiden ist leicht, da sie die Form einer weltlichen, beschränkten Corporation hat und die Regierungsgewalt ihr unmittelbar zur Hilfe kommen kann. Es ist auch deshalb leicht, weil wir durch unser Recht, durch unsere Ansprüche oder durch unser Verlangen, in ihren Verband zu treten, mit ihr in unmittelbare Berührung kommen und unsere Person ihr darbieten.
838
Schwerer ist es aber der Kirche, so viel Courage zu fassen, uns von ihr auszustoßen. Sie hat keine hierarchische Repräsentation mehr, weil sie in der That keinen kräftigen, besondern Willen mehr hat (der Staat hat ihn sich angeeignet) – und wir fallen ihr durch das Verlangen, an ihrem Segen und an ihren Gnadenmitteln Theil zu nehmen, eben nicht zur Last.
839
Sollte sie sich nun dennoch – obwohl nicht abzusehen ist, wie sie als Kirche dazu die Mittel und Wege finden könnte – soweit aufraffen, daß sie uns ausdrücklich excommunicirte: wäre es dann für uns Zeit zu erklären, daß wir aus ihr heraustreten oder bereits längst ausgetreten seyen?
840
Ei! Sprechen wir doch nicht über Hirngespinste! Die Kirche hat keinen besondern Willen mehr, den sie gegen uns richten könnte.
841
Zunächst ist sie sublimirt in das bloße allgemeine Gerede über die Nothwendigkeit des kirchlichen Lebens. Sollen wir nun erklären, daß wir an diesem Gerede keinen Antheil mehr nehmen? Wozu? Sollen wir uns am Ende auch auf die Straße stellen und sagen und öffentlich bekannt machen, daß wir keine Kinder mehr sind?
842
Aber eine ungeheure Macht ist die allgemeine Machtlosigkeit, die über alle öffentlichen und Privat-Verhältnisse, über Kunst und Wissenschaft herrscht und jeden, der sie enthüllt und durch die That widerlegt, als einen Verräther und Unmenschen bezeichnet. Sagt es einmal, daß ihr in der Natur die Natur und Nichts als die Natur, in der Menschheit die Menschheit und Nichts als die Menschheit sehet, daß ihr die Naturerscheinungen als Naturerscheinungen betrachtet, alle menschlichen Verhältnisse als menschliche nehmt, pflegt und durchlebt, daß ihr die Kunst als Kunst, die Wissenschaft als Wissenschaft liebt und pflegt, daß ihr alle eure Bedürfnisse aus der Natur, aus euch selbst, aus dem Schatz der Geschichte und aus dem unversieglichen Quell, der aus der Berührung mit der Menschheit fließt, befriedigt, sagt es und jene Machtlosigkeit wird gegen euch in Wuth und Raserei gerathen. Wie? wird sie sagen, über die Natur hinaus richtet ihr euren Blick nicht nach oben, ihr glaubt, daß die Menschheit sich selbst genüge, ihr wollt Kunst und Wissenschaft nicht als Dienerinnen des Höchsten allein betrachten? Wie? erhitzt sich jene Muthlosigkeit weiter, die Natur ohne ihren Schöpfer ist euch nicht ein bloßer Erdklumpen, die Menschheit ohne ihren Herrn ist euch nicht ein bloßes Nichts, Kunst und Wissenschaft, wenn sie sich von der Religion emancipiren wollen, sind euch nicht die Erfindungen des Teufels? Die Natur, schließt endlich diese ohnmächtige Wuth, ist Nichts als der Moder der Verwesung, der Mensch ohne seinen Herrn ein Thier, das nach einer Reihe unseliger Täuschungen die letzte Täuschung erfährt, daß es unbefriedigt zusammenfällt, Kunst und Wissenschaft, wenn sie Nichts als Kunst und Wissenschaft seyn wollen, sind Nichts als Schein und Lüge. Nachdem diese Wuth der Zerstörung sich gegen Alles, was es im Himmel und auf Erden gibt, vergangen und Alles, das Edelste und Beste mit Füßen getreten hat, spricht sie in dem Opium-Rausch ihrer Zerstörungs-Sucht von einem künftigen Zustande, wo Alles neu geworden, oder vielmehr, wo ein ganz Neues, jetzt ganz Undenkbares, eine Natur, die nicht Natur, eine Menschheit, die nicht Menschheit ist, geschaffen wird, d. h. wo das Nichts herrscht, in welches sie Alles Wirkliche gestürzt hat.
843
Seht, diese Muthlosigkeit ist die ungeheure Macht, mit deren trägem Widerstand - einem Widerstande, der sich aber jetzt, wo Allem auf den Leib gegangen wird, mit der Leidenschaft und dem Fanatismus verbinden wird, ihr zu kämpfen habt. Sie will nicht zugeben, daß die Menschheit endlich Zutrauen zu sich selbst fasse, sich als den einzigen Quell für die Befriedigung ihrer Bedürfnisse kennen lerne und sich auf sich selbst verlasse. Sie will eigentlich nicht die Arbeit, fürchtet die Tapferkeit und erschrickt vor der Freiheit.
844
- Diesem letzten Feinde der Menschheit, des Denkens und der Freiheit ist es nicht um die Aufrechterhaltung der kirchlichen Satzungen und Dogmen zu thun - sie sind ihm so gut wie unbekannt, er interessirt sich nicht für die Schrift gegen die Kritik, die Frage nach der Aechtheit oder Unächtheit der biblischen Schriften ist ihm höchst gleichgültig: sein Gott und sein Himmelreich sind vielmehr die reine Unbestimmtheit, die Unklarheit, die Inhaltslosigkeit selbst, d. h. sie sind Nichts als ein anderes Wort und der kurze Ausdruck für die Unbestimmtheit, in der ihm alle menschlichen Verhältnisse erscheinen, für die Unklarheit, mit der er die Welt betrachtet, für die Trägheit, sich wirklich auf diese Welt einzulassen, für das Nichts, als welches ihm alle menschlichen Bestrebungen erscheinen.
845
Wer in dem Kreise, in dem er lebt, in der Familie, in der bürgerlichen Gesellschaft, im Staat nicht die Seele herauszufinden weiß und mit ihr Eins zu werden vermag, für den also alle diese Kreise etwas Fremdes und Geistloses sind, der kann allerdings in ihnen Nichts befriedigendes finden: er glaubt nur an die Fremdheit und Geistlosigkeit dieser Kreise, ihr Wesen ist ihm fremd und geistlos, er glaubt nur an dieß fremde Wesen und dieses Wesen ist ihm Gott und die jenseitige, zukünftige Welt. Der Geschäftsmann, der in seinem Büreau arbeitet, ohne zu denken und zu wissen, daß seine Arbeit einem größern Ganzen dient, der also im Mechanismus seiner beschränkten Arbeit versteinert und mit dem Staatsganzen in keinem ausdrücklichen und lebendigen Zusammenhange steht, drückt diese Zusammenhangslosigkeit mit dem Wesen des Staats und die Entfremdung des Staatsganzen gegen ihn in dem Glauben an ein Wesen und an eine jenseitige Welt aus, die ihm und der Welt, in der er lebt, fremd sind und außer allem Zusammenhang mit ihr stehen. Eben so der Theoretiker, dem das Wesen der Sache, die er behandelt, fremd bleibt und der es nicht wagt, dieses Wesen zu ergreifen und als die menschliche Freiheit zu denken, der Theoretiker also, der ein Sclave seines Gegenstandes bleibt, und zwar der Sclave eines unerkannten Gegenstandes, muß die knechtische Abhängigkeit von einem fremden Wesen zu seiner wahren und höchsten Bestimmung machen: — er thut es in der Religion. Seine Unfähigkeit den innern Zusammenhang der Begebenheiten zu erkennen und in der Geschichte das Werk der menschlichen Freiheit zu sehen, verehrt der Geschichtsforscher als die göttliche Vorsehung und die Langeweile, welche die Trägheit in der Weltgeschichte empfindet, verwandelt sich ihr, weil sie diese Langeweile für das Richtige und für den nothwendigen Eindruck der Geschichte hält, in die Langeweile eines inhaltslosen ewigen Lebens.
846
Obwohl nun diese Unbestimmtheit und Unklarheit gegen die kirchlichen Satzungen höchst gleichgültig ist, ja sogar sich nicht wenig darauf einbildet, daß sie sich von den „Menschensatzungen“ befreit hat, und wacker gegen die „Finsterlinge und Fanatiker“ zu sprechen weiß, obwohl sie sogar gegen den öffentlichen Religions-Cultus gleichgültig seyn kann und gewöhnlich es wirklich ist — wie Viele, die den Atheismus der Kritik verabscheuen und auf einmal die leidenschaftlichsten Vertheidiger des Glaubens an Gott und an ein jenseitiges Leben geworden sind, haben wohl seit Jahren das Innere einer Kirche gesehen? — troß dieser Gleichgültigkeit gegen die Kirche ist jene Unbestimmtheit dennoch die Vollendung des kirchlichen Wesens. Sie ist gerade die furchtbarste Entfremdung der Menschen gegen sein wahres Wesen. Wie die Kirche verhält sie sich gegen alle menschlichen Verhältnisse gleichgültig oder feindlich, wie die Kirche ereifert sie sich gegen diejenigen, die es mit jenen Verhältnissen ernst meinen, sie als etwas Wesentliches betrachten und sich in ihr wahres Wesen vertiefen, wie die Kirche behauptet sie zwar, daß sie erst den menschlichen Bestrebungen und Verhältnissen ihre wahre Weihe gebe, aber wie die Kirche gibt sie ihnen auch nur eine äußerliche und falsche Weihe und läßt sie nachher diese Verhältnisse gehen und sich entwickeln wie sie wollen, d. h. sie läßt sie schlecht genug gehen, da sie ihnen nicht in ihrem wahren Wesen ihren Halt gegeben hat, sie muß sie sogar verderben, da sie ihnen, wie dem Staat, der Familie, der Kunst, der Wissenschaft schlechthin verwehrt, in ihnen selbst ihren Halt zu suchen.
847
Die völlige Muthlosigkeit und Verzweiflung des Menschen an sich selber ist die Vollendung des kirchlichen Wesens, welches den Menschen von seiner Welt abzieht und wenn es ihn dennoch sich nicht ganz entfremden kann, ihm gebietet, wenigstens nur heuchlerisch in dieser Welt zu leben.
848
Die Kirche verspricht dem Menschen eine neue Natur, d. h. eine Natur, die keine ist, aber so lange er in dieser Welt ist, muß sie ihm diese Natur lassen und ihm erlauben, daß er durch seine Arbeit ihr seine Subsistenz abgewinne. Aber eigentlich soll er in der Natur nicht die Natur sehen, er soll seiner Arbeit Nichts verdanken, er soll Nichts seyn. Sie gebietet ihm daher in der Natur nicht ihre Geseze, in ihrer Thätigkeit nicht die Aeußerung ihrer Geseze, in seinem Genuß nicht den Erfolg seiner Arbeit zu sehen: seine Arbeit soll er vielmehr unter der Form des Gebets, das sich nicht an das Gesez sondern nur an einen veränderlichen Willen richten kann, verbergen und nachher desavouiren, indem er im Danke den Erfolg derselben einem fremden Willen zuschreibt.
849
D. h. der Mensch soll sich mit der Natur zu thun machen und doch auch wieder nicht, er soll arbeiten und thun, als ob er nicht arbeite, und wenn er gearbeitet hat, soll er sich stellen, als habe er es nicht gethan.
850
Das wahre und himmlische Leben ist jenes, in dem man nicht freit und nicht gefreit wird — wenn nun „der Schwäche des Fleisches wegen“ die Ehe nicht zu umgehen ist, so will der Apostel, daß diejenigen die Frauen haben, wenigstens seyen, als hätten sie keine. Die Ehe soll um des Himmels willen nur ein Schein seyn.
851
Die Kirche muß es zulassen, daß der Gläubige der menschlichen Obrigkeit gehorche und außer dem Einen, dem himmlischen Herrn auch weltlichen Herren unterthan sey. Aber sie gebietet ihm zugleich, die weltliche Obrigkeit nur als einen Schein, nämlich nicht als weltliche, sondern als göttliche zu betrachten. Er soll sie nicht als seine Obrigkeit ansehen, nicht als Ausdruck seines Willens, als Depositär des allgemeinen Willens ansehen, sondern als ein ihm fremdes Wesen, als eine Macht, die seinem Willen fremd ist: sie ist von Gott eingesezt.
852
Die Gebote der Kirche sind nie gehorsamer befolgt worden, als in unsern Tagen, wenn die Industrie die Natur sich unterjocht und der Mensch sich dennoch nicht zu gestehen wagt, daß er der Herr der Erde ist; die Ehe kann nicht crasser für einen bloßen Schein erklärt werden, als wenn ihre Haltung von einer kirchlichen Weihe abhängig gemacht wird, die in keinem innern Verhältnisse zu ihr steht und auf ihre sittliche Führung nicht den geringsten Einfluß hat; und kein Kirchenvater konnte gegen den Staat und die Obrigkeit gleichgültiger, indolenter und apathischer seyn als es der Unterthan in dem jezigen Christlichen Staate ist.
853
Man thut sehr Unrecht, wenn man vom Verfall des kirchlichen Lebens spricht. Es ist noch nie so mächtig gewesen wie jest. Sein Einfluß erstreckt sich sogar auf diejenigen, die seit ihrer Confirmation vielleicht nie wieder die Kirche betreten haben.
854
Wie ist es nun? Sollen wir aus der Kirche treten? Wo sollten wir denn aber hin? Können wir der Berührung mit der Muthlosigkeit, der Trägheit und Heuchelei entgehen? Haben wir uns nicht selbst noch von allen Schwächen, die uns von unserm Ursprunge her aus einem innerlich falschen, verrotteten Zustande ankleben, zu befreien? Haben wir denn die Wahrheit, die Sittlichkeit, die Tapferkeit schon von ihrem Gegentheil befreit und vor ihm sicher gestellt?
855
Nein! Wir leben mitten in der Muthlosigkeit und der Heuchelei und unsere einzige Aufgabe ist die, zu kämpfen, die Muthlosigkeit zu vertreiben, die Schwachen tapfer zu machen, die Heuchelei zu entlarven und den Blöden zur Aufrichtigkeit Muth zu geben.
856
Haben wir das gethan, wenn wir uns zurückziehen?
857
Als ob wir uns zurückziehen könnten! Ueberall, wo wir uns hinwenden, finden wir unsere Gegner, denen kein größerer Gefallen geschehen könnte, als wenn wir außer aller Berührung mit ihnen gesetzt werden könnten.
858
Die Kirche verfolgt uns überall hin, denn ihre Herrschaft ist allgemein geworden und durchdringt Alles. Warum? Weil sie endlich ihr ganzes Geheimniß verrathen, ihr wahres Wesen entwickelt hat.
859
Sie ist Nichts als der Ausdruck, die isolirte Erscheinung und die Sanction der Unvollkommenheit und Krankheit der bestehenden Verhältnisse. Sie ist das allgemeine Wesen aller menschlichen Verhältnisse und Bestrebungen, aber als das verkehrte Wesen, als das von ihnen losgerissene also auch entstellte Wesen der Ausdruck ihrer Wesenlosigkeit und Verkehrtheit.
860
Sind wir frei, wenn wir aus der theologischen Facultät treten? Nein! Denn die theologische Wissenschaft ist nur die consequente Darstellung der Unvollkommenheit aller Wissenschaften, sie ist ex professo die Beschränkung der Wissenschaft, eine Beschränkung, die sich in den andern Wissenschaften durch den Einfluß des christlichen Geistes d. h. durch die Muthlosigkeit und Abhängigkeit von Voraussetzungen von selber macht.
861
Wenn wir aus der Kirche treten, entgehen wir dann der Macht des christlichen Staats, d. h. der Bevormundung, dem Mißtrauen, der Beschränkung der Sittlichkeit und Freiheit? Die Kirche ist ja nur die isolirte Erscheinung der Unfreiheit, die im christlichen Staat alle Verhältnisse durchdringt.
862
Gestehen wir es also nur: wir können gar nicht aus der Kirche treten, weil sie die Beschränkung der Freiheit und Wissenschaft ist, die wir nicht durch ein Wort, durch eine einfache Erklärung, sondern nur durch die That, d. h. durch unausgesetzten Kampf aufheben könnten.
863
Von dem Kritiker ist es bekannt, daß er sich von allen Voraussetzungen der Kirche losgesagt hat, aber so wenig ihn die Kirche deshalb von sich ausstößt, so wenig tritt er aus ihr heraus. Die Kirche und er kämpfen, aber sie haben sich nicht von einander äußerlich getrennt. Zum Ausstoßen und Austreten ist die Der Austritt aus der Kirche. Sache nicht nur zu ernst, weil es sich auf beiden Seiten um Seyn und Nicht-Seyn handelt – sondern der Kampfplatz ist auch viel zu groß, als daß der Sieg durch ein Herauswerfen oder freiwilliges Abtreten entschieden werden könnte: der Kampfplatz ist die ganze Welt, es handelt sich um alle menschlichen Güter, um die Frage, ob sie von der Unfreiheit uns vorenthalten, beschränkt und entstellt werden sollen, es handelt sich mit Einem Worte um das Princip der ganzen kommenden Geschichte. Ist diese Frage entschieden, wenn ein Einzelner oder wenn mehrere erklären, daß sie nicht mehr zur Kirche gehören?
864
Und wenn Millionen erklären, daß die Resultate der Kritik sie von der Unwahrheit des Christenthums überzeugt haben und sie sich nach dieser Ueberzeugung für verpflichtet halten zu erklären, daß sie sich gezwungen sähen, aus dem kirchlichen Verbande herauszutreten, so ist für die Sache, um die es sich handelt, noch Nichts geschehen und wiederum: sie können nicht einmal aus der Kirche heraus, da der christliche Staat sie nicht nur in dem kirchlichen Verbande festhält, sondern in der Erscheinung dasjenige nur ausführlich darstellt, was die Kirche, sein Wesen, ist.
865
Nicht die Kirche wird uns lästig – auch wir fallen ihr nicht zur Last – sondern der Staat ist es, der uns durch seine christlichen Anforderungen zur Last fällt. Wir können nicht geboren werden, nicht die Schulbank verlassen, nicht in die Ehe treten, ohne daß der Staat uns zwingt, von der Kirche eine Weihe zu empfangen, die wir nicht verlangen konnten, nicht verlangt haben, nie verlangen und niemals als eine Weihe anerkennen werden. Die Kirche ist eben Nichts Besonderes für sich, sondern der isolirte Ausdruck des Wesens des Staats und als Protestantisch ist sie selbst aus dieser Isolirung herausgetreten und zu einer Staatsanstalt geworden. Die Geistlichen sind jetzt die wichtigsten Staatsdiener, diejenigen nämlich, welche uns immerfort in Erinnerung bringen, was der christliche Staat ist und was wir in ihm sind.
866
Der christliche Staat ist der Staat der Unfreiheit und Bevormundung, der Staat, der noch nicht den Muth gefaßt hat, wirklich Staat zu seyn. Unfrei und bevormundet sind nicht nur die Unterthanen, die Regierten, sondern unfrei ist auch die Regierung, da ihr Princip, das Mistrauen, die Regierten zu einer ihr fremden, gefahrdrohenden Masse macht. Sie kann immer nur mit Furcht und sie muß sogar um ihres Princips willen beständig an die Möglichkeit denken, daß die Regierten endlich den Entschluß fassen, einem wirklichen Staate angehören zu wollen.
867
Damit sie nicht zu diesem Entschluß kommen, sorgt die christliche Regierung für die unbedingte Aufrechterhaltung der Taufe, der Confirmation, der kirchlichen Einsegnung der Ehe und wacht sie darüber, daß selbst nicht einmal am Grabe in menschlicher Weise ausgesprochen werden darf, es sey ein Mensch, den seine Nächsten und Freunde zur Im christlichen Staate gilt es als ein Unglück, daß ein Mensch geboren wird. Das Neugeborene ist ein verdammtes, unreines Wesen, dem die Liebe seiner Eltern, die Neigung, die sie ihm schon im voraus geschenkt haben, die Hoffnung, mit der es die Mutter unter dem Herzen getragen und genährt hat, die Schmerzen, mit denen es die Mutter geboren, Nichts helfen. Alle jene menschlichen Beziehungen, Verhältnisse und Zustände, denen es seinen Ursprung verdankt und in die es eintritt, geben ihm noch nicht das Recht als Mensch anerkannt zu werden; es soll eben nicht als Mensch anerkannt werden; erst eine äußere seiner Menschlichkeit, den Empfindungen seiner Eltern und seiner künftigen menschlichen Ausbildung völlig fremd bleibende Handlung, die mit ihm ohne sein Wissen und ohne seinen Willen vorgenommen wird, und die Ablesung eines Formulars, auf welches Niemand achtet als der Einzige, der es vorliest, also eine Handlung, welche die Unmündigkeit als sein wahres Wesen bezeichnet und sogleich an der Wiege seine künftige Bestimmung, einem fremden Willen unterworfen zu seyn, abbildet, gibt ihm die Fähigkeit, in den christlichen Staat einzutreten, d. h. es wird erst von diesem Staate anerkannt, wenn seine Menschlichkeit, sein Ursprung, die Liebe seiner Eltern, die Liebe und die Schmerzen seiner Mutter verläugnet werden. Confirmirt für den christlichen Staat wird der Mensch erst dann, wenn er das Gelübde ablegt, daß er sich zu einer Religion bekenne, die ihm die Pflicht auflegt, ein Kindlein zu werden, den Stand des unmündigen Kindlein als seinen höchsten Stand, als seinen wahren Zustand zu betrachten, und die es ihm verbietet, ein Mann zu werden. Die Ehe erkennt der christliche Staat erst an, wenn er durch den Act der kirchlichen Trauung es ausgesprochen hat, daß sie an sich ein Unrecht sey, und wenn Braut und Bräutigam eine Rede über den himmlischen Bräutigam d. h. eine Rede gehört haben, die es ihnen zu Gemüthe führt, daß sie nicht an ihre Ehe sondern an die einzig wahre Ehe zu denken haben, in welcher sie als Glieder der Kirche mit dem einzig wahren Bräutigam stehen sollen.
868
Der christliche Staat erklärt die Menschlichkeit für einen unwesentlichen Schein, den man ablegen müsse, um Christ, d. h. Bürger einer jenseitigen, Bürger der unwirklichen Welt zu werden.
869
Das wesentliche Leben, welches im christlichen Staat geführt wird, ist daher das Leben im Himmelreich, ein Leben, welches gegen die Menschenrechte und die sittlichen Verhältnisse nicht nur gleichgültig ist, sondern auch Krieg führt und eigentlich, wenn es möglich wäre, sie ausrotten müßte.
870
Aber es ist nicht möglich, weil der Mensch sich nicht vollständig verläugnen kann. Die Mutter, die ihr Kind schon liebte, als sie es unter ihrem Herzen trug, liebt es auch nachher nicht deshalb, weil es, sondern trok dem daß es getauft ist, d. h. trotz dem, daß vermittelst der Taufe erklärt wurde, sie habe ein unreines Wesen zur Welt gebracht, welches sie als solches und als die Frucht einer unreinen Begierde hassen und als ein Kind des göttlichen Zorns, falls sie in der göttlichen Liebe steht, als ein fremdes Wesen betrachten müsse. Sie liebt es aber trotz der Taufe nur als ihr Kind und als ein Pfand der Liebe ihres Gatten. Obwohl wir ferner in der Confirmation geloben, unmündige Kindlein und was wir sind, nur durch einen Andern, durch Gott oder seinen Gesalbten zu werden, bemühen wir uns doch Etwas durch uns selbst zu werden, die Ehegatten lieben sich nicht wegen der kirchlichen Weihe ihres Bundes, sondern trotz dieser Weihe, trotz dem, daß das Leben im Himmel und das Trachten nach der Krone des himmlischen Bräutigams als ihre höchste Aufgabe ihnen empfohlen war; sie lieben sich, weil sie den Grund ihrer Liebe in sich selbst finden.
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ist, d. h. trotz dem, daß vermittelst der Taufe erklärt wurde, sie habe ein unreines Wesen zur Welt gebracht, welches sie als solches und als die Frucht einer unreinen Begierde hassen und als ein Kind des göttlichen Zorns, falls sie in der göttlichen Liebe steht, als ein fremdes Wesen betrachten müsse. Sie liebt es aber trotz der Taufe nur als ihr Kind und als ein Pfand der Liebe ihres Gatten. Obwohl wir ferner in der Confirmation geloben, unmündige Kindlein und was wir sind, nur durch einen Andern, durch Gott oder seinen Gesalbten zu werden, bemühen wir uns doch Etwas durch uns selbst zu werden, die Ehegatten lieben sich nicht wegen der kirchlichen Weihe ihres Bundes, sondern trotz dieser Weihe, trotz dem, daß das Leben im Himmel und das Trachten nach der Krone des himmlischen Bräutigams als ihre höchste Aufgabe ihnen empfohlen war; sie lieben sich, weil sie den Grund ihrer Liebe in sich selbst finden.
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ist, d. h. trotz dem, daß vermittelst der Taufe erklärt wurde, sie habe ein unreines Wesen zur Welt gebracht, welches sie als solches und als die Frucht einer unreinen Begierde hassen und als ein Kind des göttlichen Zorns, falls sie in der göttlichen Liebe steht, als ein fremdes Wesen betrachten müsse. Sie liebt es aber trotz der Taufe nur als ihr Kind und als ein Pfand der Liebe ihres Gatten. Obwohl wir ferner in der Confirmation geloben, unmündige Kindlein und was wir sind, nur durch einen Andern, durch Gott oder seinen Gesalbten zu werden, bemühen wir uns doch Etwas durch uns selbst zu werden, die Ehegatten lieben sich nicht wegen der kirchlichen Weihe ihres Bundes, sondern trotz dieser Weihe, trotz dem, daß das Leben im Himmel und das Trachten nach der Krone des himmlischen Bräutigams als ihre höchste Aufgabe ihnen empfohlen war; sie lieben sich, weil sie den Grund ihrer Liebe in sich selbst finden.
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Das wirkliche Leben erklärt daher das wesentliche, von der Kirche d. h. vom christlichen Staat gebotene Leben für einen wesenlosen Schein, wie die Kirche von ihrer Seite wiederum das wirkliche Leben für einen bloßen Schein erklärt.
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Man glaube nicht, daß die Kirche bisher eine äußere Zwangsanstalt und die Macht des christlichen Staats eine Gewalt sey, die den Menschen ohne oder gar wider seinen Willen beherrsche und zur Verläugnung seiner selbst und seiner Rechte zwinge. Ist es möglich, daß die Menschheit ein Joch trage, das sie sich nicht selbst aufgelegt hat?
875
Die kirchliche Gewalt des christlichen Staats, d. h. der christliche Staat selbst sind weiter Nichts als der Ausdruck, die Erscheinung und äußere Repräsentation unserer Muthlosigkeit. Der Austritt aus der Kirche. Wir selbst haben uns bisher noch nicht gestehen wollen, daß wir erst als Menschen und nur als Menschen unsere wahren und wichtigsten Rechte besitzen und unsere höchsten Pflichten zu erfüllen haben. Unser Wesen haben wir bisher von uns getrennt und als eine fremde Macht uns gegenüberstehen lassen, als wäre es zu groß für uns und als wären wir für es zu klein. Wir wollten bevormundet seyn, bevormundet unter Furcht und Zittern; wir wollten auch mit Mistrauen und Argwohn behandelt seyn, denn Mistrauen muß die Macht erfüllen, die eigentlich unsere eigene Macht ist, nur dem Scheine nach und als eine fremde Macht gegenübersteht und argwöhnisch über die Aufrechterhaltung des Scheines wachen muß. Unser Glaube, daß wir nicht für uns selbst sorgen können, hat die Vorsehung geschaffen, die die Haare auf unserm Haupte zählt und uns die Schutzengel zur Seite stellt, die uns nie verlassen und bei jedem Schritt und Tritt, auf allen Wegen, auf der Straße, bei unsern harmlosen Zusammenkünften und auf unsern Reisen uns bewachen und behüten. Wir sind schlechthin unmündig: die Macht, die unser Wesen zu ihrem Privilegium gemacht hat, denkt, spricht, handelt für uns oder vielmehr für sich und uns kommt ihr Thun und Denken nur deshalb zu Gute, weil wir ihr als Privateigenthum angehören. Wir sind nur Privateigenthum und die Leibeigenen eines Andern, dem wir unser Wesen als sein ausschließliches Privilegium zuertheilt haben.
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In einer zwiefachen Weise haben wir bisher dieses Leben der Unmündigen uns gegeben und geführt, in einer allgemeinen und in einer besondern Weise, in der Religion und im christlichen Staate. Unser religiöses Leben ist nur der allgemeine Ausdruck für unser Leben im christlichen Staate, das Wesen von dem, was im Staat geschieht, die überirdische Bestätigung der Unmündigkeit, Abhängigkeit und Willenlosigkeit, die im christlichen Staat unser Loos ist.
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Mehr brauchen wir nicht zu sagen, um zu beweisen, daß wir aus der Kirche nicht austreten können und daß selbst die Erklärung, wir seyen aus der Kirche ausgetreten, uns nicht weiter bringen und von der kirchlichen Gewalt nicht befreien könne. Der christliche Staat ist das im Ernste und in Wirklichkeit, was die Kirche an sich oder in einer aufgespreizten und chimärischen Weise ist.
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Was ist also zu thun? Wie ist zu helfen?
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Die Geschichte hat schon sehr weit geholfen. Die übernatürliche Gewalt der Kirche und die oberherrliche Macht im christlichen Staate sind im Grunde nur ein falscher Schein, nur dem Scheine nach eine den Bevormundeten fremde Macht. Dieser Schein ist nun durch die Entwicklung der letzten Jahrhunderte wirklich nur zum Scheine geworden, zum Schein herabgesezt und als bloßer Schein wichtig und werthvoll geworden. Die Kirche muß jetzt damit zufrieden seyn und sie ist wirklich damit zufrieden, wenn nur die Massen, deren Abfall das Thema aller ihrer Predigten geworden ist, scheinbar noch mit ihr in Verbindung stehen. Der christliche Staat weiß, da wir es öffentlich und vor aller Welt gethan haben, daß wir mit dem gesammten kirchlichen Wesen gebrochen haben, und dennoch hält er an dem System der Bevormundung so fest, daß er uns zwingt (z. B. bei dem Eintritt in die Ehe) uns Ceremonien zu unterwerfen, die wir als sinnlos und als Verhöhnung des Actes, den sie einweihen sollen, bezeichnet haben. Er ist mit dem Scheine zufrieden und hat von seiner Seite, soweit es ihm überhaupt möglich ist, die Sache entschieden. Er zwingt uns mit Gewalt, uns den kirchlichen Formen zu unterwerfen d. h. sie gerade durch unsere Unterwerfung für einen inhaltslosen Schein zu erklären, als solchen öffentlich zu prostituiren und das allgemeine Bewußtseyn daran zu gewöhnen, sie als solchen zu betrachten. Der christliche Staat macht diese Formen selbst zu einem bloßen Schein, zu dem, was sie sind.
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Obwohl er endlich weiß, daß wir uns von allen seinen kirchlichen und policeilichen Voraussetzungen befreit haben, daß wir aus dem Zustand der Unmündigkeit herausgetreten sind und seiner kirchlichen und staatspoliceilichen Mittler und Schutzengel nicht mehr bedürfen, so hält er uns dennoch im Zustand der Unmündigkeit mündigkeit zurück, erlaubt uns nicht, uns als eine Gemeinschaft zu associren, die innerlich frei von allen kirchlichen Voraussetzungen nur der noch vorhandenen Gewalt weicht, wenn sie sich den kirchlichen Ceremonien unterwirft, und jeder verfassungsmäßige Weg, unsere mißliche Lage darzustellen und auf ihre Aufhebung anzutragen, ist uns abgeschnitten.
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Schadet Nichts! Die Association würde unserer Sache nur den falschen Schein einer Privatsache geben, während sie doch die Sache der ganzen folgenden Geschichte ist, und die Unmöglichkeit, mit einer Regierung zu unterhandeln, der Umstand, daß einem Princip auch nicht durch einzelne Zugeständnisse genug gethan werden kann, ist nur ein Beweis, daß es sich um eine neue Gestalt aller öffentlichen Verhältnisse handelt und daß die Weltgeschichte einen völligen Bruch mit dem Alten beabsichtigt.
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Der Staat thut Alles, was er nur thun kann, um diesen Bruch recht gründlich, vollständig und zerreißend zu machen, wenn er selbst diejenigen, die seiner religiösen Grundlage und Theorie längst entwachsen sind, als Unmündige betrachtet und sie als solche zu behandeln nicht aufhört. Die Bevormundung wird dadurch zu einem bloßen Schein herabgesetzt und ist bereits zum bloßen Schein geworden, da die Theorie der Bevormundeten der Theorie der Bevormundenden in der letzten Zeit vollständig über den Kopf gewachsen ist.
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Die Theorie, die uns über unser Wesen aufgeklärt und uns den Muth gegeben hat, wir selbst zu seyn und unser Wesen uns wieder anzueignen, hat den christlichen Staat zu einem wesenlosen Schein gemacht.
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Die Theorie, die uns so weit geholfen hat, bleibt auch jetzt noch unsere einzige Hilfe, um uns und Andere frei zu machen. Die Geschichte, über die wir nicht gebieten und deren entscheidende Wendungen über die absichtliche Berechnung hinausliegen, wird den Schein stürzen und die Freiheit, die uns die Theorie gegeben hat, zur Macht erheben, die der Welt eine neue Gestalt gibt.
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Der Austritt aus der Kirche ist ein Unding, Verhandlungen mit der christlichen Macht sind unmöglich, die Kritik ist die einzige Macht, die uns über die Selbsttäuschungen des Bestehenden aufklärt und uns die Ueberlegenheit gibt, und die Geschichte wird für die Krisis und ihren Ausgang sorgen.