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Die gute Sache der Freiheit und meine eigene Angelegenheit

V. Die Gleichgültigkeit gegen die Kritik

Deutsch

Author: Bruno Bauer  Year: 1842 

204 „Man fühlt es billig, klagt Marheineke p. 11, als die größte Schmach und Unwürdigkeit, welche der Theologie angethan werden kann, daß man auf ihren Standpunkt sich nicht begeben könne, ohne dem der Vernunft zu entsagen.“
205 Allein nicht nur die Religion selbst und die Vernunft – Marheineke sagt: „der Pietismus und Atheismus“ p. 12 – stimmen darin überein, daß sie beide nicht auf demselben Standpunkte stehen können, sondern die Theologie selber, die beide vermitteln will, muß bekennen, daß sie dann, wenn sie die Religion erhalten will, die Vernunft aufgeben und alle Vernunftbeweise ignoriren oder als höchst gleichgültig betrachten muß. „Wo oder wann, fragt Marheineke p. 66, hat die Kirche durch alle Anfechtungen, die sie erlitten, sich veranlaßt gesehen, ihr Glaubensbekenntniß in allen substanziellen Lehren abzuändern, oder wo und wann hat sie der Bibel, trotz aller kritischen Bewegungen, Zweifel und Angriffe, die nur wenige Bücher des N. T. noch unberührt gelassen haben, ihren überlieferten Werth und Bestand in der Gemeinde genommen?“
206 Die Frage würde erst richtig gestellt gewesen seyn und gewiß auch ihre richtige, aber freilich sehr gefährliche Antwort erhalten haben, wenn Marheineke gefragt und untersucht hätte, ob denn jene kritischen „Zweifel und Angriffe“, um die sich die Kirche so gar nicht kümmerte, bloße Zweifel und Angriffe und nicht vielmehr zuletzt auch Beweise und Siege wären. Wenn sie das Letztere waren und sie waren es in der That – was beweist dann das Benehmen der Kirche? Was anders, als daß ihr die Theorie höchst gleichgültig ist, daß sie sich von der Vernunft Nichts vorschreiben und gebieten läßt, weil sie für die Vernunft nicht zugänglich ist? Dem theoretischen Sieg und Beweis setzt sie einfach ihr praktisches Interesse, der theoretischen Arbeit, welche die Bibel aufgelöst hat, setzt sie den Arm des Buchbinders entgegen, welcher dafür zu sorgen weiß, daß der Kanon immer vollständig und unverletzt bleibe. Gegen ihren Willen kann die Theorie Nichts ausrichten, weil er der Wille der Unvernunft und des beschränkten Bedürfnisses ist. Der Theorie macht es Ehre, daß sie im Kampf gegen vernunftlose Gleichgültigkeit und Indolenz nicht ermüdet ist und unablässig an der Vollendung ihrer Beweisführung arbeitete; ob es aber der Kirche Ehre macht, daß sie sich gegen Beweise gleichgültig verhält, darüber mögen diejenigen noch einmal nachdenken, die mit dem Preis jener Indolenz so schnell bei der Hand waren.
207 Genauer betrachtet ist es aber doch nur eine Täuschung, wenn einzelne Theologen meinen, die Kirche sey von dem theologischen Kriege nicht berührt worden. Ist die Kirche nicht in der That eine andere geworden, wenn sie nicht mehr dieselbe Gewalt wie sonst auf ihre Bekenner hat und die kritischen „Angriffe“ auf die Bücher der heiligen Schrift nicht mehr als einen Frevel gegen die heiligsten und gewissesten Urkunden, die von Gott selbst ausgestellt worden, dem allgemeinen Abscheu präsentiren kann? Ist es nicht um die Kirche selbst schon sehr schlimm bestellt, wenn ihre Verfechter die „Angriffe“ auf die heiligen Urkunden als etwas an sich höchst Gleichgültiges darstellen? Ist es nicht ein Beweis, daß die Kirche im Grunde selbst bereits gegen die heilige Schrift gleichgültig geworden ist?
208 Allerdings! Sie ist bereits auf dem Rückzuge begriffen, wenn auch ihre Vertheidiger es nicht wissen und bedenken, in welcher gefährlichen Lage sie sich befinden, indem sie die wichtigsten Basteyen aufgeben und verlassen. „Wenn es überhaupt scheinen könnte, als sey dem evangelischen Glauben mit der Antastung der Evangelien sogleich die Basis entzogen, so muß geantwortet werden: dem ist nicht so; – Herr Gruppe ist es, der p. 35 so bestimmt antwortet und das Bülletin über das Wohlbefinden der Kirche unterschreibt und ausgibt – dem ist nicht so; denn dies Bekenntniß gründet sich nicht sowohl – man höre das theologische: nicht sowohl – auf die Evangelien als vielmehr auf das „Evangelium“, d. h. die Kirche hat so sehr alle gesunde Verdauung verloren, daß sie nicht mehr wirkliche Speise vertragen kann und von der Luft oder von gemalter Speise lebt. Sie hat die Natur jenes Scholasticus angenommen, der nicht wirkliches Obst, Kirschen, Pflaumen, Birnen, Aepfel, sondern das Obst schlechthin essen wollte. Oder vielmehr, sie bekommt gar nicht mehr wirkliches Obst, sie hat nicht mehr die wirklichen Evangelien im Besitz, sondern man reicht ihr das Obst und sie hat nur noch „das Evangelium“.
209 Die theologische Ausflucht, man habe immer noch das „Evangelium“, wenn auch die wirklichen Evangelien „angetastet“, d. h. von der Kritik aufgelöst sind, ist zwar eine schmähliche Flucht, aber doch zugleich ein Fortschritt der kirchlichen Entwicklung, wenn es der Kirche eigen ist, von einer unerkannten Voraussetzung abhängig zu seyn. Wer ist ein größerer Knecht: derjenige, der seinen Herrn doch noch wirklich sieht, oder derjenige, der sich vor einem bloßen Schemen, einem Phantom, einem Nichts fürchtet, vor einem Nichts, welches er nicht einmal gestalten darf, wenn er nicht fürchten will, daß er es verliere und daß es mit seiner liebgewonnenen Knechtschaft bald ein Ende nehme. Sagt doch einmal, was „das Evangelium“ sey, sprecht einmal bestimmter von dem Inhalt „des Evangeliums“ – und ihr müßt zu den wirklichen Evangelien eure Zuflucht nehmen, zu einer Wirklichkeit also, auf die ihr euch nicht mehr „stützen“ könnt. Ihr müßt eifersüchtig darauf halten, daß „das Evangelium“ nicht aufhöre, das Nichts zu seyn, in dessen herrlichen Schooß ihr euch allein geborgen fühlt.
210 Die theologische Ausflucht, man habe immer noch das „Evangelium“, wenn auch die wirklichen Evangelien „angetastet“, d. h. von der Kritik aufgelöst sind, ist zwar eine schmähliche Flucht, aber doch zugleich ein Fortschritt der kirchlichen Entwicklung, wenn es der Kirche eigen ist, von einer unerkannten Voraussetzung abhängig zu seyn. Wer ist ein größerer Knecht: derjenige, der seinen Herrn doch noch wirklich sieht, oder derjenige, der sich vor einem bloßen Schemen, einem Phantom, einem Nichts fürchtet, vor einem Nichts, welches er nicht einmal gestalten darf, wenn er nicht fürchten will, daß er es verliere und daß es mit seiner liebgewonnenen Knechtschaft bald ein Ende nehme. Sagt doch einmal, was „das Evangelium“ sey, sprecht einmal bestimmter von dem Inhalt „des Evangeliums“ – und ihr müßt zu den wirklichen Evangelien eure Zuflucht nehmen, zu einer Wirklichkeit also, auf die ihr euch nicht mehr „stützen“ könnt. Ihr müßt eifersüchtig darauf halten, daß „das Evangelium“ nicht aufhöre, das Nichts zu seyn, in dessen herrlichen Schooß ihr euch allein geborgen fühlt.
211 Die theologische Ausflucht, man habe immer noch das „Evangelium“, wenn auch die wirklichen Evangelien „angetastet“, d. h. von der Kritik aufgelöst sind, ist zwar eine schmähliche Flucht, aber doch zugleich ein Fortschritt der kirchlichen Entwicklung, wenn es der Kirche eigen ist, von einer unerkannten Voraussetzung abhängig zu seyn. Wer ist ein größerer Knecht: derjenige, der seinen Herrn doch noch wirklich sieht, oder derjenige, der sich vor einem bloßen Schemen, einem Phantom, einem Nichts fürchtet, vor einem Nichts, welches er nicht einmal gestalten darf, wenn er nicht fürchten will, daß er es verliere und daß es mit seiner liebgewonnenen Knechtschaft bald ein Ende nehme. Sagt doch einmal, was „das Evangelium“ sey, sprecht einmal bestimmter von dem Inhalt „des Evangeliums“ – und ihr müßt zu den wirklichen Evangelien eure Zuflucht nehmen, zu einer Wirklichkeit also, auf die ihr euch nicht mehr „stützen“ könnt. Ihr müßt eifersüchtig darauf halten, daß „das Evangelium“ nicht aufhöre, das Nichts zu seyn, in dessen herrlichen Schooß ihr euch allein geborgen fühlt.
212 Eine andere Wendung erhält dieses geistreiche Spiel, welches ein Nichts an die Stelle der früheren Wirklichkeit fest, wenn die Vertheidiger der Kirche auf das Verhältniß „des Geistes“ zum „Buchstaben“ zu sprechen kommen. Da heißt es, nur der „Aberglaube“ könne meinen, daß der Geist und die ewige Wahrheit des Christenthums von der Aechtheit dieser oder jener Stelle der Schrift oder dieses oder jenes Buches, überhaupt vom Buchstaben abhänge.“ Nun, wenn es so ist, wenn der Geist „vom Schicksal des Buchstabens so völlig unabhängig ist, wie kann Marheineke in demselben Athemzuge, indem er dieses Verhältniß der Unabhängigkeit des Geistes und seiner Gleichgültigkeit gegen das Schicksal des Buchstabens proclamirt, zugleich sagen (p. 67): „dieß ist überhaupt der schwerste kritische Punkt, um den es sich gegenwärtig handelt“? Wie ist es möglich, daß unter der Voraussetzung dieser Gleichgültigkeit bei der „Anwendung und Gränzbestimmung die stärksten Zerwürfnisse eintreten?“ Nichts ist natürlicher: diese gränzenlose Verwirrung der Unbestimmtheit ist eine nothwendige Folge, wenn eine wissenschaftliche ernste Frage mit religiösen Kategorien entschieden werden soll.
213 „Die Wahrheit ist vielmehr, sagt Marheineke p. 68 gegen die Ketzer, die entweder nur den Geist oder nur den Buchstaben wollen, daß, indem die innere Beziehung auf einander als die gegenseitige anzuerkennen ist, nach dem Inhalt der Schrift selbst der Buchstabe dem Geist untergeordnet ist. Auf diesen Standpunkt des in sich freien Geistes stellt sich die Kritik, ohne welche die protestantische Theologie nicht seyn kann.“
214 Nein! auf diesen Standpunkt stellt sie sich wahrlich nicht; sie hat auf ihm gestanden, aber sie steht auf ihm nicht mehr, wenn sie sich vollendet hat. Nimmermehr wird sie sich auf einen Standpunkt stellen, wo die Unklarheit zu Hause ist. Wäre sie auf ihm geblieben, so wäre sie nicht wirkliche Kritik geworden.
215 Zunächst, was heißt das: „die innere Beziehung auf einander sey als die gegenseitige anzuerkennen“? Nämlich: ist die innere Beziehung wirklich damit vollständig bezeichnet, wenn sie die Unterordnung des Buchstabens unter den Geist genannt wird? Täuschen wir uns doch nicht: indem Marheineke „die innere Beziehung des Geistes und des Buchstabens“ — wenn auch nur in einem Satze — besprechen und bestimmen wollte, wollte er sie „speculativ“ als eine gegenseitige d. h. als eine Wechselbeziehung bezeichnen, in welcher beide Seiten, jede nach der andern dieselbe Rolle übernehmen, so daß wenn die Eine Seite als das Bestimmende anerkannt ist, dieselbe Gunst auch der andern zu ihrer Zeit und am rechten Ort zu Theil wird: wirklich sagt er auch, die innere Beziehung beider auf einander sey als „die gegenseitige“ anzuerkennen, aber im Nu ist der Buchstabe dem Geist untergeordnet.
216 Mit einer so schnell und auf solchem Wege zu Stande gebrachten Unterordnung des Buchstabens unter den Geist wird aber die Kritik Nichts anzufangen wissen, Nichts zu Stande bringen, mit ihr begnügte sich nur die bisherige Kritik, die noch nicht wirklich frei war und bei jedem Schritte, den sie that, von ihren religiösen Voraussetzungen irre geführt wurde.
217 Warum? Weil der Geist, der sich dieser Herrschaft über den Buchstaben rühmt, nicht wirklich der freie, sondern noch der religiös bestimmte Geist ist. Er ist ja nur der Geist, der religiös interessirt ist und aus dem Buchstaben sich dasjenige herholt, was ihm als Religion und zwar als seine wirkliche, so zu sagen persönliche Religion gelten soll.
218 Als ob dieser Geist, der sich auf seine Herrschaft so viel zu Gute thut, selbst dann, wenn er sie in der That ausübt und bis zur äußersten Willkühr treibt, nicht der Knecht des Buchstabens wäre. Mag er noch so protestantisch seyn und gegen die Buchstabenherrschaft protestiren: er ist doch nur Knecht und um so mehr Knecht, da er sich von seinem Knechte oder von seinem Subalternen die Befriedigung seiner religiösen Bedürfnisse und dann noch die Bewährung dieser Befriedigung geben läßt.
219 Und dieser Knecht will noch behaupten, er sey vom Schicksal seines Knechtes nicht abhängig? Er behauptet es nur, weil er nicht weiß, was die Kritik ist.
220 Er meint, von der „Aechtheit dieser oder jener Stelle der Schrift, oder dieses oder jenes Buchs der Schrift hänge der Geist des Christenthums nicht ab.“
221 Aber um die Aechtheit dieser oder jener Stelle, dieses oder jenes Buchs handelte es sich nur, so lange die Kritik nicht wirklich Kritik, so lange sie nämlich noch religiös bestimmt und interessirt war, d. h. so lange sie derselbe Knecht war, wie derjenige es war, gegen den sie kämpfte. Diese oder jene Stelle, dieses oder jenes Buch der Schrift ficht die Kritik an, weil sie nicht mehr wollte, daß diese oder jene Stelle, dieses oder jenes Buch bestimmen sollte, was als religiöse Wahrheit zu gelten habe; indem sie also in diesem Sinne gegen eine Stelle oder ein Buch kämpfte, erkannte sie es an, daß wenn die Stelle oder das Buch ächt sey, sie in der Stelle oder im Buche ihren Herrn und Meister anerkennen müsse. Der erste Ursprung der Kritik war das religiöse Interesse.
222 Jetzt aber hat die Kritik die letzte Spur ihres beschränkten Ursprungs vertilgt und nur insofern, als das praktische Interesse sich über sie ausspricht, kann es von ihr noch heißen, es komme auf ihre Resultate an, ob die Bibel religiös bestimmen soll. Hat die Kritik — so können diejenigen sagen, die sie vom Standpunkte des religiösen Interesses aus betrachten — die Bibel aufgelöst, gut! so gibt es keine Urkunde mehr, die uns zur Religion die Erlaubniß geben oder uns zur Religion zwingen kann. So müssen diejenigen sprechen, die bisher noch als Knechte dem Buchstaben dienten und so muß auch die Frage gestellt werden, wenn es auf das praktische Verhältniß der Kritiker zur herrschenden Religion und zur christlichen Abhängigkeit von dem Buchstaben ankommt. (Wir sagen: zur christlichen Abhängigkeit vom Buchstaben: wenn man uns nämlich mit der Ausflucht kommen will, das Christenthum habe geherrscht, ehe es eine Bibel gab, so antworten wir und die Kritik hat es bewiesen, daß das Christenthum als positive Religion erst vollendet war, als die Evangelien existirten und Geltung erhalten hatten, und daß vor der Abfassung der Evangelien das A. T. mit seinen Schilderungen des Messias der Buchstabe war, auf welchen sich der Glaube an den Messias stützte.)
223 So muß also der Buchstabendiener sprechen - doch er spricht nicht immer so - er muß also zur Erkenntniß gebracht werden, damit er sieht, wie wenig mit seinen Reden über den Geist und Buchstaben gewonnen und daß die Verhandlung über diese Angelegenheit keineswegs so schnell oder gar so sehr zu seinen Gunsten, wie er meint, zu Ende geführt ist.
224 Also „von der Aechtheit dieser oder jener Stelle, dieses oder jenes Buchs hängt der Geist und die ewige Wahrheit des Christenthums nicht ab?“ Was heißt „Aechtheit“? Der Ursprung der Stelle oder der Schrift von dem Verfasser, dem sie zugeschrieben wird? Nein! das ist zu wenig! Der Ursprung von dem Verfasser, dem das Buch durch seine eigenen Aussagen und Voraussetzungen - z. B. daß von einem Geschichts-Werke sein Ursprung von einem Augenzeugen oder gar von diesem bestimmten Augenzeugen vorausgesetzt wird zugeschrieben ist?
225 Die Kritik fragt aber nicht einmal nur in dieser beschränkten Form nach der Aechtheit eines biblischen Buches - selbst nicht einmal in diesem beschränkten Sinn nach der „Aechtheit“ sämmtlicher Bücher des N. T.
226 Sondern sie fragt, ob sämmtliche Voraussetzungen - nicht bloß die Voraussetzung, daß sie von diesem oder jenem Verfasser herrühren - ob die religiösen Voraussetzungen der N. T.lichen Bücher in der That gegründet sind.
227 Sondern sie fragt, ob sämmtliche Voraussetzungen - nicht bloß die Voraussetzung, daß sie von diesem oder jenem Verfasser herrühren - ob die religiösen Voraussetzungen der N. T.lichen Bücher in der That gegründet sind. Unter religiösen Voraussetzungen versteht sie aber wiederum nicht nur diejenige Voraussetzung, daß der Inhalt dieser Bücher von Gott eingegeben oder Jesus der Messias von Gott gesandt sey, sondern in letzter Instanz die Voraussetzung, daß überhaupt ein letztes Gegebenes, ein Positives, ein Etwas, über welches die Verfasser und die Gemeinden keine Gewalt mehr hatten, vorgelegen habe. Um die Frage handelt es sich, ob die Gemeinde Recht hatte, wenn sie ihre Stiftung durch Jesus voraussetzte, ob dieselbe Voraussetzung, wie sie in den Briefen des N. T. und in den Evangelien verarbeitet ist, gegründet sey.
228 Wenn nun alle diese Voraussetzungen von der Kritik gestürzt werden, kann dann noch gesagt werden, das Wesen des Christenthums hänge von dem Schicksal des Buchstabens nicht ab? Wenn der Buchstabe bis auf das letzte Atom aufgelöst ist, bleibt das Wesen des Christenthums noch unberührt?
229 Was ist der Buchstabe in letzter Instanz anderes als die Voraussetzung des Christenthums von diesem Einen, vom Messias gestiftet zu seyn? Ist nicht der Buchstabe die Voraussetzung, das Wesen des Christenthums selbst? Seht eure Tautologie, eure Art, dasselbe zweimal zu sagen! Und indem ihr dasselbe zweimal sagt, nur nicht wißt, daß ihr es zweimal sagt, indem ihr dasselbe nur in verschiedenen Verkleidungen sich selbst gegenüberstellt, sagt ihr, die Sache falle nicht, wenn sie zu Boden stürzt. Ihr seyd im Stande zu sagen, die Voraussetzung des Christenthums bleibe bestehen und unberührt, wenn sie aufgelöst wird.
230 Die Kritik ist allen diesen Verirrungen nicht mehr ausgesetzt, weil sie Erkenntniß ist — sie ist nicht das Unding des „in sich freien Geistes, dem der Buchstabe untergeordnet ist“, sie ist der Geist, der sich dem Gegebenen — wir wollen es einmal den Buchstaben nennen — hingibt, der es frei läßt und seine eigene Natur entwickeln und darstellen läßt, kurz, der es nicht verhindert, selber Geist zu werden und sich als Geist zu beweisen. Die Kritik ist die Bewegung und Entwicklung des Selbstbewußtseyns — des Selbstbewußtseyns nämlich, in welchem der Betrachtende, das Subject und der betrachtete Gegenstand sich als Eins setzen, die Freiheit, die den Gegenstand frei macht und dadurch wirkliche Freiheit wird, das Leben, das im Lebendigen sich belebt, das Feuer, das sich im innern Feuer des Gegenstandes bestärkt, die Macht, die den Gegenstand erst ihn selbst seyn läßt, ihn eigentlich erst schafft und durch diese schöpferische Thätigkeit erst Macht ist.
231 Welcher Unterschied zwischen diesem Verhältniß der Freiheit und zwischen dem materiellen, ängstlichen Interesse jenes sogenannten Geistes, d. h. des religiösen Ungeistes, der sich frei zu seyn rühmt und der Knecht des Buchstabens ist, den er ja nicht freilassen darf, wenn er nicht untergehen will! Dieser sogenannte freie Geist muß den Buchstaben krampfhaft festhalten, wenn er sich nicht selbst verlieren will, da er Nichts als der gefesselte und verdrehte Buchstabe ist. Und selbst dann, wenn dieser „freie Geist“ sich wirklich zur völligen Gleichgültigkeit gegen den Buchstaben hinaufgeschwindelt hat — wie es ihm in einigen Secten gelungen ist — so ist er doch Nichts als der gestaltlos gewordene und aufgedunsene oder der zu einem Gas verdunstete Buchstabe.
232 Was denkt ihr denn vom Buchstaben? daß er von Stein, ein Stück Papier, ein Holz ist? Martert ihn nur nicht mehr so wie bisher, laßt ihn reden und sprechen, wie er es haben will, hört genau auf den Ton seiner Stimme und ihr werdet nicht mehr zweifeln, daß er Geist vom Geiste geboren, eine Erscheinung des Selbstbewußtseyns ist.
233 Aber leichter, als in ihm eine bestimmte Erscheinung des Selbstbewußtseyns zu erkennen, ist es, „über“ ihn überhaupt nur Gedanken zu haben und endlich geradezu, wie Herr , zu erklären: „ein feierliches Helldunkel wird hier immer bleiben und gerade dieses thut wohl.“
234 Immerhin! laßt es euch wohl seyn in der Unbestimmtheit des Denkens und in dem feierlichen Helldunkel, in welches ihr die Sache einhüllt: aber dann solltet ihr wenigstens nicht so, wie ihr thut, über gründliche Forschungen absprechen. Doch nein! Ihr müßt! Ihr müßt so, wie ihr thut, über den Ernst und die Gründlichkeit der Forschung absprechen, weil ihr sie nicht fassen könnt und doch fühlt, sie bedrohe eure Unbestimmtheit und Ungründlichkeit!
235 Immerhin! laßt es euch wohl seyn in der Unbestimmtheit des Denkens und in dem feierlichen Helldunkel, in welches ihr die Sache einhüllt: aber dann solltet ihr wenigstens nicht so, wie ihr thut, über gründliche Forschungen absprechen. Doch nein! Ihr müßt! Ihr müßt so, wie ihr thut, über den Ernst und die Gründlichkeit der Forschung absprechen, weil ihr sie nicht fassen könnt und doch fühlt, sie bedrohe eure Unbestimmtheit und Ungründlichkeit!
236 Meine Beweise, die Beweise, die ich gründlich und unverdrossen durch alle Einzelnheiten und allgemeine Bestimmungen hindurchgeführt habe, nennt Marheineke zum Theil rein aus der Luft gegriffene Hypothesen.
237 Weshalb also tant de bruit pour une omelette? Weshalb so viel Lärm um Hypothesen, die spurlos verschwinden werden, wie unzählige andere Hypothesen, die von Gelehrten „aus der Luft gegriffen sind“?
238 Marheineke hätte erstlich beweisen sollen, daß meine Beweise Hypothesen sind Beweis um Beweis, Zahn um Zahn, Auge um Auge! - oder an einem Beispiele wenigstens hätte er zeigen sollen, daß ich in die Luft gegriffen habe, und dann war es seine Pflicht gegen die Regierung, ihr bemerklich zu machen, es wäre sehr Unrecht von ihr gewesen, daß sie um weniger Faden willen, die ein Kritiker aus der Luft gezogen, so viel Aufsehen gemacht und gar auf die Kirche den Verdacht geworfen habe, daß ihre Existenz durch die willkührlichen Einfälle eines Privatdocenten und Kritikers ernstlich bedroht sey.
239 Auch Herr Gruppe hätte so handeln sollen. Wenn er meint, „es sey nicht so leicht, - freilich für denjenigen, der nicht lesen, nicht studiren kann und der sich nur im feierlichen Helldunkel wohl fühlt, ist es nicht leicht - zu sagen, worin eigentlich das Neue bestehe, das B. bringt,“ so hat er die Regierung sehr schlecht vertheidigt, wenn er ihr Verfahren gegen mich als nothwendig bezeichnet.
240 Wenn Herr Gruppe ferner (p. 38) bekennt, mein Buch „mache auf ihn den Eindruck, daß der Verfasser sich foltert, etwas zu erreichen, das ihm doch nicht gelingen will, nämlich in aller Eile eine neue Ansicht zu Tage zu bringen“ - so hätte er erstlich beweisen müssen, daß die Leichtigkeit meiner Darstellung und Analyse nicht das Zeichen von der vollständigen Ueberwältigung des Gegenstandes, sondern eben nicht Leichtigkeit, sondern das Gegentheil, sondern eine Tortur sey, auf die ich mich, die Sache und die unglücklichen Leser spanne; er hätte, der wackre, treffliche Mann, zeigen müssen, daß ich nichts Neues zu Stande gebracht habe; er hätte auch wohl etwas ausführlicher nachweisen und nicht nur in Einem Satze behaupten müssen, daß ein Beweis, den ich in vier ziemlich starken Bänden durchführe, ein in aller Eile aufgepusteter Einfall sey - o, was hätte ein so wackrer, gründlicher Mann nicht noch thun müssen! am Ende wäre es auch noch seine Pflicht gewesen, die Regierung deswegen zu vertheidigen, daß sie von einem Einfalle den Sturz der Kirche befürchtete und den leichtsinnigen Kritiker, statt ihn von dem gründlichen, ernsten Theologen widerlegen zu lassen, wegen seines Einfalls vom Lehrstuhl gejagt habe.
241 Nachdem Marheineke vergessen hat, daß meine Beweise zum Theil „rein aus der Luft gegriffene Hypothesen“ seyen, führt er die Sache der Kritik vor dem Richterstuhl der Regierung noch in einer andern Weise. 74 Die Gleichgültigkeit gegen die Kritik. „Der allgemeine Fortschritt in den Wissenschaften, die Erweiterung und Vertheilung des ganzen theologischen Gebiets in einzelne Disciplinen brachte es mit sich, daß man die Lehren von der Inspiration als ein Dogma der Dogmatik vorbehielt und die Kritik um so mehr die menschliche Seite der Schrift, welche sie gleicherweise unläugbar hat, in Untersuchung nahm“ (p. 70).
242 D. h. man beschwichtigte das religiöse Gewissen, indem man ihm ein für allemal beichtete, daß man gottlos sey, und sündigte nach dieser Generalbeichte frisch darauf los. In der Dogmatik bekannte man die Inspiration, in der Kritik läugnete man sie. Für die Dogmatik behielt man sich eine Behauptung vor, die man in der Kritik vergas.
243 Und man ist noch unwillig, wenn der wahre Kritiker von der Heuchelei des theologischen Bewußtseyns spricht und seine Entrüstung über dieselben nicht stark und lebhaft genug aussprechen kann? Ist das nicht Heuchelei, wenn der Theologe ein Dogma aufstellt, das er gerade dann, wenn er beweisen sollte, daß es ihm damit ernst sey, bei Seite stellt und mit Fleiß vernachlässigt? Wo hat der Theologe wohl zu beweisen, daß ihm die Inspiration eine Wahrheit sey, als eben in der Betrachtung der heiligen Schrift?
244 „Man hat auch keinen Grund, sagt Marheineke, bei allen biblischen Kritikern sogleich vorauszusehen, daß sie das Dogma von der göttlichen Eingebung läugnen.“
245 Schlimm genug, wenn die Theologen die einzige Menschenclasse sind, die auf das Privilegium Anspruch macht, der Spruch: „aus ihren Früchten wird man sie erkennen“ solle und dürfe nicht auf sie angewandt werden! Schlimm genug, wenn man bei ihnen eine andere Gesinnung voraussehen muß, als diejenige ist, die man nach ihren Werken voraussehen müßte!
246 Allein die Heuchelei ist nicht nur die Eine, daß die theologische Kritik das theologische Dogma von der Inspiration unter die Bank schiebt, sondern auch die andere, daß die Kritik sich nur für Kritik ausgibt, nicht wirkliche Kritik ist.
247 „Es sind unter den rechtgläubigen Theologen große Kritiker gewesen, wie Bengel, Knapp u. a.“, sagt Marheineke (p. 70).
248 Große Kritiker? Nicht einmal wirkliche Kritiker! Warum? Weil ihre kritische Thätigkeit durch ihre Voraussetzung vom göttlichen Ursprunge der Bibel beschränkt und wenn sie wirkliche Kritik werden wollte, in ihren besten Vorsätzen gehindert wurde oder vielmehr die dogmatische Voraussetzung ließ diese Männer nicht einmal auf den Gedanken und zu dem Vorsatz kommen, wirkliche Kritiker zu werden.
249 Laßt die wirkliche Kritik auftreten und ihr werdet sehen, – nein! wir haben es gesehen, wie die dogmatische Befangenheit gegen sie losbricht und selbst diejenigen, die sich bisher ihrer kritischen Ader rühmten, beweisen, daß Wasser, nicht Blut in ihr fließe.
250 Laßt diese tapfern Herren Blut sehen und Schauder wird sie ergreifen und das Wasser ihrer Adern wird als Angstschweiß auf ihre Stirn treten! Laßt sie Pulver riechen und sie werden den himmlischen Blitz des Dogma auf euch herabbeschwören und selbst auf euch schleudern!
251 Wir wissen aber, wie furchtbar dieser Blitz ist, wenn ihn die Theologen selbst nicht scheuen, Kritiker werden, der Kritik sich rühmen und zwar welcher Kritik! Ich habe gezeigt, in welcher Mißhandlung und Unterwerfung des Buchstabens unter jede Laune der Willkühr diese Kritik besteht.
252 Kritiker sind diese Leute auf Kosten ihres dogmatischen Locus von der Inspiration und Dogmatiker sind sie auf Kosten der Kritik. Sie sind weder Kritiker noch Dogmatiker, und ihre Arbeiten sind der heuchlerische Pact zwischen Kritik und Dogmatik – ein Pact, in welchem jede von beiden Seiten die andere betrügt, jede aber, indem sie die andere betrogen zu haben meint, eigentlich nur sich selbst betrügt, da ihr Betrug die andere nicht daran hindert, sie vielmehr zu betrügen.
253 Kritiker sind diese Leute auf Kosten ihres dogmatischen Locus von der Inspiration und Dogmatiker sind sie auf Kosten der Kritik. Sie sind weder Kritiker noch Dogmatiker, und ihre Arbeiten sind der heuchlerische Pact zwischen Kritik und Dogmatik – ein Pact, in welchem jede von beiden Seiten die andere betrügt, jede aber, indem sie die andere betrogen zu haben meint, eigentlich nur sich selbst betrügt, da ihr Betrug die andere nicht daran hindert, sie vielmehr zu betrügen.
254 „Man kann, sagt Marheineke p. 70, 71, den unleugbaren Antheil des göttlichen Geistes an der Abfassung der heiligen Schrift noch gar mannichfaltig bestimmen, ihn als den näheren oder entfernteren betrachten.“
255 Mit nackten, richtigen Worten: jener Pact kann auf einer mehr oder weniger breiten Grundlage geschlossen werden; der Betrug kann roher oder feiner seyn, er kann mehr oder weniger Umschweife nöthig machen. Und noch dazu so: wenn das Dogma von der Inspiration noch bei Kräften ist, so ist es nur ein Sprung mit dem der Theologe z. B. ein Bengel in die Kritik sich hineinstürzt und die Kritik ist demnach selbst springend, fragmentarisch, eine tolle Reihe von kritischen Sprüngen. Leidet aber jenes Dogma an der Schwindsucht, so schleicht der Theologe zu seinen kritischen Behauptungen, seine Wendungen sind schleichend, krumm und schief und seine Kritik von dem schleichenden Fieber des Dogma durch und durch angesteckt. Bei den ältern Theologen wiederum – einem Bengel – ist die Narrheit des Dogma rücksichtslos und eben so entschieden die Verrücktheit der Kritik. Das Dogma der Neueren ist ein Labyrinth von unbestimmten Redensarten, in dem die Kritik irre geht, bis sie nach tausend Leiden den Verstand verliert.
256 Zuletzt verzichtet Marheineke endlich so weit auf die Sache, daß er behauptet, dieß Alles, (nämlich was den göttlichen Ursprung der heiligen Schrift, den Glauben an diesen Ursprung und an die Nothwendigkeit dieses Ursprungs betrifft) beruht zum Theil auf sehr subtilen Distinctionen, von denen vielleicht Nichttheologen Nichts verstehen, die aber in der Theologie nothwendig sind.“ (p. 71) D. h. so einfache Dinge, wie die Nothwendigkeit des Glaubens an den göttlichen Ursprung der Schrift, sind jetzt so aufgelöst, so zerzaust und aufgetröselt, daß sie eine Beute der Theologie geworden sind, die über sie nach Willkühr verfügt, sie bald wegwirft, bald aber sie wieder hervorholt, wenn es gilt, die Kritik niederzuschmettern.
257 Doch was vor zwei Jahren vielleicht noch möglich war, ist es jetzt nicht mehr. Ich glaube nicht, daß es noch viele Theologen gibt, die so kühn seyn werden, der Kritik aufrichtig, ohne Weiteres und mit der Meinung, sie damit widerlegt zu haben, das Dogma von der Inspiration entgegenzuhalten. Mögen die Theologen die neuere Kritik immerhin nicht verstehen und nicht wissen, worin ihre Methode besteht, so wird die Gründlichkeit, der Ernst, die entschiedene Freiheit und Verweltlichung der Kritik dennoch auf sie den unwillkührlichen Eindruck machen, daß sie nicht mehr mit ihren alten „dogmatischen Heucheleien“ kommen dürfen; die Theologie ist endlich durch die Kritik selbst so verweltlicht worden, daß die Heuchelei weltlich werden muß.
258 – „Kritiker wie Griesbach und Eichhorn, Lachmann und Schleiermacher und viele andere, sagt Marheineke p. 71, haben sich daher (weil in der angegebenen Weise das Dogma von der Inspiration eine Beute der Theologie geworden ist) – durch dogmatische Rücksichten in ihren kritischen Operationen nicht aufhalten oder hemmen lassen.“
259 Sie waren aber deshalb noch nicht frei, noch nicht wirkliche Kritiker. Zuletzt nämlich fällt die religiöse Voraussetzung völlig ins Weltliche herab und verwandelt sie sich in eine weltliche Voraussetzung, z. B. in die Voraussetzung von einem Urevangelium oder von der Möglichkeit, daß einzelne Begebenheiten aus dem Leben Jesu von einzelnen und zwar sehr verschiedenen Augenzeugen auf Zettelchen niedergeschrieben oder Andern, die sie zettelweise niederschrieben, erzählt werden konnten, daß diese zahllosen Zettelchen in ihrer unendlichen Zerstreuung sich lange Zeit erhalten konnten, bis verschiedene Leute einzelne Zettelchen sammelten und endlich ein Letzter kam, der diese zerstreuten Sammlungen in Eine einzige zusammenfügte: überhaupt in die Voraussetzung, daß die Voraussetzungen der Evangelien richtig seyen, daß ihren Berichten wirkliche Geschichte, gerade so viel, als sie voraussehen oder, noch besser, unbestimmt wie viel, zu Grunde liege. Man kann es einen Verfall der religiösen Voraussetzung nennen, wenn sie so tief ins Weltliche herabfällt – im Grunde aber ist es die Vollendung der religiösen Herrschaft, wenn sie sich unter weltlicher Form selbst innerhalb der Kritik, fortsetzt, erhält und die freie Bewegung des menschlichen Geistes hemmt.
260 Kein Bengel, kein Theologe nach der Reformation — an einen Calvin und Luther zu denken wäre für diese Männer eine zu große Beleidigung — kein Mensch vor der Reformation ist ein so großer Buchstabenknecht gewesen, wie es z. B. Schleiermacher in seiner Schrift über das Evangelium des Lucas war. Niemals vorher war die Herrschaft des Buchstabens grauenvoller gewesen.
261 Aber wenn die Noth am höchsten, ist die Hülfe am nächsten. Wenn die religiöse Voraussetzung sich in die weltliche Forschung verrannt und in sie eingebohrt hat, so ist sie verloren, da es nun bloß mit der Forschung Ernst zu werden braucht, um sie in der Form der weltlichen Voraussetzung vollständig aufzulösen.
262 Auf die Behauptung (p. 74), ich verfiele „in einen einseitigen Spiritualismus, der die Natur der Wahrheit, die auch ihre Wirklichkeit nothwendig macht, verkennt und das Geschichtliche ohne Bedenken einer allgemeinen Kategorie zum Opfer bringt“ — ich, der die Kritik von allen bisherigen Voraussetzungen befreit hat, der die Schrift und nur die Schrift von sich zeugen und nur durch die freie Bewegung des Gegenstandes das Schicksal desselben sich entscheiden läßt, — auf diese Behauptung werde ich mich nicht weiter einlassen.
263 Ich danke aber für die Gesellschaft, die mir Marheineke zugedacht hat, wenn er sagt, meinem „Spiritualismus“ stehe „eben so einseitig eine sogenannte bloß historische Theologie gegenüber, die nichts als Historie und Buchstaben hat“ — als ob ich nicht gezeigt hätte, daß diese Theologie nicht den Buchstaben hat, ihn vielmehr erwürgt.
264 „Wenn endlich Marheineke bemerkt: es ist wohl zu bedenken, daß die eine Seite gerade so viel werth ist, als die andere,“ so will ich nicht sagen: „es ist vielmehr zu beweisen“, daß Beides in dieser Weise zusammenzustellen sey, so will ich die tausend Fragen, die hier zu behandeln und gegen das Resultat meiner Schrift erst noch durch Gegenbeweise zu bejahen gewesen wären, z. B. ob das Christenthum absolute Wahrheit sey, ob die Wirklichkeit, welche die religiöse Vorstellung „nothwendig“ macht, eine mit Händen zu greifende seyn müsse, ob überhaupt das religiöse Bewußtseyn fähig sey, seine Wahrheit, sein Wesen, seine Wirklichkeit und geschichtliche Voraussetzung richtig zu fassen — diese Fragen, welche die Kritik entschieden verneint hat, brauche ich nicht einmal von neuem aufzuwerfen.
265 „Wenn aber Marheineke (ebend.) zu der Abrechnung gelangt, indem ich mittelst meiner Polemik gegen die Apologeten und ihre Willkührlichkeiten zu meinem Ziele fortschreite, sey mindestens meine Schuld zur Hälfte die ihrige“, so muß ich bekennen, daß mein Erstaunen bis zum höchsten Grad gestiegen ist. Indem ich die theologische Heuchelei aufhebe, theile ich also mit den Heuchlern zur Hälfte die Schuld? Indem ich mich durch die theologischen Wendungen hindurcharbeite, um den Weg zur Wahrheit zugänglich zu machen, indem ich diesen Weg ebne, theile ich mit denen, die ihn verrammelt haben, die Hälfte der Schuld?
266 Die Kritik hat sich vielmehr selbst entsühnt, wenn sie sich freiwillig noch einmal in alle Wendungen des theologischen Bewußtseyns eingelassen und dieselben durch ihre Widersprüche so wie durch die Kraft des befreiten Gegenstandes aufgelöst hat. Sie ist rein geworden von dem Makel, den sie von ihrem geschichtlichen Ursprunge her aus dem religiösen Interesse an sich hatte, rein von dem Schmutze, den ihr die Verwicklung mit den materiellen und egoistischen Interessen des theologischen Bewußtseyns zugezogen hatte.
267 In Betracht dieser Reinheit der Kritik wäre demnach die Frage nach ihrem Verhältniß zum Christenthum leicht zu beantworten, wenn ihre Gegner ihren wahren Charakter aufzufassen im Stande wären. Da aber Herr Gruppe nicht zu sagen weiß, worin das Neue meiner Arbeiten bestehe, so muß er allerdings sehr in Verlegenheit gerathen, wenn er jene Frage beantworten soll, bis ein Wunder, d. h. ein günstiger Zufall, ihm die Ueberzeugung gibt, daß sie schlechthin unchristlich sey, und ihn zum heiligen Kriege gegen sie begeistert.
268 Marheineke dagegen wird sein System der Entschuldigung so lange fortsetzen, bis es herauskommt, daß meine Arbeiten mit dem Christenthum auf das Beste harmoniren und Nichts als Irrthum, wenn auch ein verzeihlicher Irrthum sind.
269 Wir werden somit den christlichen Schein der Kritik zunächst untersuchen müssen.
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