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A. Der heilige Schleiermacher B. Warnung für das theologische Bewußseyn
Die gute Sache der Freiheit und meine eigene Angelegenheit

VII. Die Unfähigkeit der Gegner der Kritik

Deutsch

Author: Bruno Bauer  Year: 1842 

A. Der heilige Schleiermacher

330 Herr Gruppe ist zu bescheiden, wenn er Schleiermacher nicht nur den größten Theologen unserer Zeit nennt, sondern ihn auch als denjenigen rühmt, welcher „hauptsächlich“ die „höhere Kritik“ ausgeübt habe. Herr Gruppe — wir müssen gerecht seyn — ist bei weitem größer als Schleiermacher: er ist ein größerer Theologe, ein größerer Kritiker, er übt nicht nur die höhere Kritik, sondern die höchste, die allerhöchste Kritik — eine Kritik, auf deren Höhe ihm Niemand folgen kann.
332 In demselben Athemzuge, wo Herr Gruppe (p. 34) Schleiermachern als Theologen und als Kritiker rühmt und ihm die erste Stelle zuweist, sagt er: „die Episteln des Paulus und Petrus tragen alle Spuren der Authenticität an sich“ — großer, allergrößester Theologe und Kritiker! war es doch vielleicht ein innerer Kitzel, der Dich reizte, diese außerordentliche Wahrheit gerade hier nach der Lobrede auf Schleiermacher anzubringen? Wolltest Du uns zum Vergleiche Deiner Größe mit der Größe Schleiermacher's, und wenn dieser bis jekt der größte war, mit der Größe aller Theologen und Kritiker unserer Zeit zwingen? Nein, das wolltest Du nicht!
333 Großer Kritiker, du brauchst „die Episteln“ des Paulus und Petrus nur anzuschauen — nein! nicht einmal anzuschauen! — sondern sie nur zu erwähnen, um sie sogleich als authentisch zu erkennen! Nein! Nein! Dieser große Theologe erkennt die „Episteln“ des Paulus und Petrus nicht als ächt, sondern er macht sie ächt durch seinen bloßen Willen. Wunder über Wunder! Er brauch sich nicht einmal anzustrengen, wenn er diese „Episteln“ der theuern Gottesmänner ächt haben will, er brauch nicht gegen die Gottlosen, die mancher dieser Episteln den Makel der Unächtheit haben aufheften wollen, zu kämpfen, sondern en passent und nicht anders als spielend macht er sie ächt. So leicht verrichtet er das summarische Wunder, daß er durch den bloßen Eindruck, den der Anblick dieser Leichtigkeit auf uns machen muß, die große Literatur, die über die Frage nach der Aechtheit jener Episteln zusammengeschrieben ist, uns in Vergessenheit bringt. Die magische Kraft seines Willens bewirkt sogar, daß wir auch das Sendschreiben des größten Kritikers und Theologen unserer Zeit, das Sendschreiben Schleiermacher's über den sogenannten ersten Brief des Paulos an den Timotheos“ vergessen. Herr Gruppe thut Wunder und geht hinweg, ohne sich umzusehen. Er will mit seinen Wundern kein Aufsehen machen.
334 Es war sehr bescheiden von ihm, daß er seinen Lesern nicht der Reihe nach die Theologen nannte, die es nicht nur bezweifelt haben, ob die Briefe des Petrus, ob alle Briefe des Paulus wirkliche Briefe dieser Apostel, sondern vielmehr den Beweis geliefert zu haben meinen, daß es nur sogenannte „Briefe des Paulus und Petrus seyen, zu bescheiden, daß er nicht einmal bemerkte, er sey über Schleiermacher's Sendschreiben an Gaß Meister geworden.
335 Sehen wir den großen, den allergrößesten und bescheidensten Satz noch einmal an.
336 „Die Episteln des Paulus tragen alle Spuren der Authenticität an sich, welche unsers Wissens noch von Niemanden in Zweifel gezogen ist.“
337 Wie? Herr Gruppe weiß nicht, daß Schleiermacher ein Sendschreiben über den sogenannten ersten Brief des Paulos an den Timotheos an Gaß im Jahre 1807 erlassen hat? Er kennt nicht die große Literatur, die ihn belehren konnte, daß — daß ei, dann ist er gerade der größte Wunderthäter, wenn er nicht einmal weiß, was er für gewaltige Wunder thut! — Er bleibt der größte Kritiker, der größte Theologe und das Muster der Bescheidenheit. Wie leicht wäre es ihm gewesen, sämmtliche Theologen, die an der Aechtheit mancher paulinischen Briefe gezweifelt haben, zu widerlegen? Er wollte aber nur nicht; er wollte sich nicht einmal um ihre Zweifel und Beweise bekümmern, um nicht in die peinliche Lage zu gerathen, ihnen durch die Widerlegung ihrer Beweise Schmerz verursachen zu müssen. Er wollte nicht unnöthigen Lärm machen, damit nicht alle Welt herbeiliefe, um den gewaltigen Krieger zu bewundern. Er ist der großmüthigste und bescheidenste Gegner!
338 Wie? Herr Gruppe weiß nicht, daß Schleiermacher ein Sendschreiben über den sogenannten ersten Brief des Paulos an den Timotheos an Gaß im Jahre 1807 erlassen hat? Er kennt nicht die große Literatur, die ihn belehren konnte, daß — daß ei, dann ist er gerade der größte Wunderthäter, wenn er nicht einmal weiß, was er für gewaltige Wunder thut! — Er bleibt der größte Kritiker, der größte Theologe und das Muster der Bescheidenheit. Wie leicht wäre es ihm gewesen, sämmtliche Theologen, die an der Aechtheit mancher paulinischen Briefe gezweifelt haben, zu widerlegen? Er wollte aber nur nicht; er wollte sich nicht einmal um ihre Zweifel und Beweise bekümmern, um nicht in die peinliche Lage zu gerathen, ihnen durch die Widerlegung ihrer Beweise Schmerz verursachen zu müssen. Er wollte nicht unnöthigen Lärm machen, damit nicht alle Welt herbeiliefe, um den gewaltigen Krieger zu bewundern. Er ist der großmüthigste und bescheidenste Gegner!
339 Wenn ich mir auch einen so bescheidenen Gegner wünschen wollte: in Herrn Gruppe habe ich ihn gefunden.
340 Ich habe ihn gefunden! Aber leider will ich ihn nicht haben und muß ich ihm zeigen, daß ich mir ganz andere Gegner wünsche. Doch ich muß zufrieden seyn: die wahre Kritik kann keine besseren Gegner finden.
341 Auch Schleiermacher hat den Mann gefunden, der ihn versteht! Wer nicht das Princip der wahren Kritik versteht, kann auch nicht das Princip und die Methode der unfreien, der beschränkten, der noch theologisch beschränkten Kritik verstehen.
342 Herr Gruppe hat Wilke's Arbeit lesen, studiren brauchte er sie nicht, er brauchte auch nicht auf meine Ausführung, daß Wilke nur die Frage nach der Form der synoptischen Evangelien, die andere nach der Entstehung des Inhalts aber nicht nur nicht, sondern noch falsch entschieden habe, zu achten — er hat Wilke vollständig verstanden und charakterisirt, wenn er sagt: „Wilke behauptet — behauptet? Herr Gruppe! lesen Sie einmal Wilke's Schrift und erstaunen Sie über die Kraft der Beweise, wenn Ihre Bescheidenheit es Ihnen erlaubt, Beweise zu lesen! — behauptet: daß das Werk des Marcus nicht die Kopie eines mündlichen Urevangeliums sondern eine künstliche Composition ist.“
343 Herr Gruppe hat Wilke's Arbeit lesen, studiren brauchte er sie nicht, er brauchte auch nicht auf meine Ausführung, daß Wilke nur die Frage nach der Form der synoptischen Evangelien, die andere nach der Entstehung des Inhalts aber nicht nur nicht, sondern noch falsch entschieden habe, zu achten — er hat Wilke vollständig verstanden und charakterisirt, wenn er sagt: „Wilke behauptet — behauptet? Herr Gruppe! lesen Sie einmal Wilke's Schrift und erstaunen Sie über die Kraft der Beweise, wenn Ihre Bescheidenheit es Ihnen erlaubt, Beweise zu lesen! — behauptet: daß das Werk des Marcus nicht die Kopie eines mündlichen Urevangeliums sondern eine künstliche Composition ist.“
344 Nun wissen die Leser, was Wilke behauptet! —
345 Ich komme an die Reihe (p. 38): „wenn Bauer zu dem Resultat gelangt, daß sämmtliche Evangelien schriftstellerische Werke mit künstlerischer Composition seyen, Erfindungen des Individuums, so ist das nur eine schnelle Verallgemeinerung der eben angeführten Worte von Wilke.“
346 „Nicht das Princip, die Methode, das Werk von Wilke kennt Herr Gruppe, sondern nur die angeführten Worte“. Ich habe nur diese „Worte“ in mehreren Bänden – „verallgemeinert“. Und noch dazu sehr schnell“, obwohl Herr Gruppe im ersten Theil desselben Sazes, der uns über diese Entdeckung belehrt, gesagt hatte, ich sey „zu dem Resultat gelangt, daß w.“ Nun, wenn man zu einem Resultat gelangt, gibt es dann nicht Methoden, Entwicklungen, Ausführungen, die zu dem Resultate führen und doch auch der Rede werth sind?
347 Nein! Herr Gruppe mußte eilen, die Kirche zu retten! Der Umweg, der von Wilke's Methode zu der meinigen, von Wilke's Art, die Frage zu fassen, zu der meinigen, von dem Terrain, wo Wilke die Untersuchung festhält, zu demjenigen führt, auf welches ich sie erhoben habe, dieser Umweg war für Herrn Gruppe zu beschwerlich; er rechnete auch nur auf Leser, die auf das Schnellste die Kirche gerettet wissen wollten und alle Umwege scheuten.
348 In derselben Schnelligkeit bringt es Herr Gruppe heraus, daß ich – ich! ich, B. Bauer, der überall auf das Genaueste dargestellt hat, wie weit die Evangelien schriftstellerische Produkte der Evangelisten seyen und wie weit sie auf allgemeinen Vorausseyungen beruhten, die in den Anschauungen der Gemeinde gegeben waren – daß ich in ziemlichem Widerspruch mit dem so eben Dargelegten – ein Paar unbestimmte, schlecht stylisirte Worte hinschreiben, wie z. B. „schriftstellerische Werke mit künstlerischer Composition“, nennt Herr Gruppe seinen Lesern den Appetit stillen und die Sache darlegen, daß ich lehre, die Evangelien seyen Produkte des Selbstbewußtseyns der Gemeinde.“
349 Aber diese herrliche „Darlegung“ meiner Lehre brauchte Herr Gruppe, um wiederum in aller Schnelligkeit „darzulegen“, daß ich eben so, wie ich eigentlich nur die eben angeführten Worte Wilke's etwas schnell „verallgemeinert“ habe, wie ich meine Methode und Richtung so wie viele meiner Ansichten mit Strauß gemein habe“, so auch unter dem Einflusse von Schleiermachers Traditions-Ansicht zu stehen scheine“.
350 Wie? Ich, der ich die Traditions-Hypothese vollständig gestürzt habe, ich unter dem Einfluß von Schleiermachers Traditions-Ansicht?
351 Aber noch mehr! Schleiermacher, der – ja, Herr Gruppe, wissen Sie, wie Schleiermacher die Zettel entstehen läßt, auf welche die Augenzeugen oder die neugierigen Leute, die bei Augenzeugen nachhorchten, einzelne Anekdoten niederschrieben, wie Schleiermacher diese Zettel zusammengeleimt werden läßt? wissen Sie das, Herr Gruppe? – Schleiermacher, der mit der Neugierde eines Anekdotensammlers in ganz Palästina umherläuft, um zu erfahren, wer diese oder jene Anekdote als richtig verbürgen könne, wer dieses oder jenes Geschichtchen mit angesehen und zuerst auf ein Zettelchen niedergeschrieben habe – dieser, dieser Schleiermacher bekännte sich zur Traditions-Ansicht, dieser Schleiermacher wäre der Mann, mit dem der wahre Kritiker auch nur die geringste Gemeinschaft haben wollte, der Mann, gegen dessen Alteweiberanekdotensucht der Kritiker nicht so lebhaft, nicht mit einer so gründlichen Indignation protestiren sollte, daß auch die letzte Spur von einem Schein der Uebereinstimmung mit ihm oder der Abhängigkeit von ihm oder auch nur der leisesten Berührung mit ihm verschwinden muß?
352 „Denn diese Tradition – welche? Herr Gruppe! – konnte nur unter den Bekennern d. h. innerhalb der Gemeinde stattfinden“ – diese Worte, die den Schein, daß ich durch den „dargelegten“ Widerspruch meiner Theorie unter dem Einfluß von Schleiermachers Traditions-Ansicht stehe, als einen sehr gründlichen darstellen sollen, diese herrlichen, geistreichen, ja diese über allen Verstand gehenden Worte müssen wir Herrn Gruppe lassen: wir können mit ihnen Nichts anfangen, wenn uns Herr Gruppe nicht erlaubt, sie als ein Nichts darzustellen oder in ihr Nichts aufzulösen. Herr Gruppe muß aber doch auch noch Etwas zu thun übrig behalten; er mag uns daher bei Gelegenheit auseinandersetzen, welches diese „Tradition“ ist – denn weder ich noch Schleiermacher sprechen von Tradition, ob etwa die Anekdotenkrämerei, die ein Paar neugierige Privatleute mit ein Paar Leuten aus Kapernaum nach Schleiermachers Ansicht unterhielten, Tradition und eine Angelegenheit der Gemeinde genannt werden kann, oder ob es ein Widerspruch ist, wenn ich beweise, daß die Evangelisten der Gemeinde in das Herz gesehen und die wesentlichen Interessen derselben befriedigt haben, oder ob ich deshalb ein Anhänger der Traditions-Hypothese bin, weil ich beweise, daß die Evangelisten die allgemeine religiöse Anschauung der Gemeinde ins Einzelne und Geschichtliche ausgearbeitet haben, ob – ja was nicht Alles? Herr Gruppe wird von Anfang anfangen müssen, wenn er uns das erste verständige Wort über den Gegenstand sagen soll, den er in seiner „wohlmeinenden“ Schrift behandelt hat.
353 Wir werden sehen, ob es dann, wenn es sich gründlicher um die Sache bekümmert hat und nur die Macht der Sache auf sich wirken läßt, wirklich aber auch die Sache darstellt, ob es dann noch Jemanden einfallen kann, seiner Schrift (p. 3) „niedrige Motive“ unterzuschieben, oder ob er es dann noch für möglich halten kann, daß ihr Iemand dergleichen Motive unterschieben werde, ob er dann überhaupt nur die „Hoffnung“ auszusprechen braucht, es werde Niemand im Stande seyn, seiner Schrift „niedrige Motive“ unterzuschieben.
354 Wir werden sehen, ob es dann, wenn es sich gründlicher um die Sache bekümmert hat und nur die Macht der Sache auf sich wirken läßt, wirklich aber auch die Sache darstellt, ob es dann noch Jemanden einfallen kann, seiner Schrift (p. 3) „niedrige Motive“ unterzuschieben, oder ob er es dann noch für möglich halten kann, daß ihr Iemand dergleichen Motive unterschieben werde, ob er dann überhaupt nur die „Hoffnung“ auszusprechen braucht, es werde Niemand im Stande seyn, seiner Schrift „niedrige Motive“ unterzuschieben.
355 Hat Herr Gruppe gehört, daß es uns Kritikern, wenn wir für die Freiheit und Wahrheit kämpfen, auch nur in den Sinn kommt, es könne Jemand auf den Gedanken kommen, daß es niedrige Motive seyen, die uns in die Schlacht treiben, es könne Jemand unser freies Ritterthum durch falschen Verdacht beleidigen? Jedermann weiß es, daß wir für unser Vaterland und unsere Heimath kämpfen, wenn wir das Reich der Wahrheit und Freiheit vertheidigen — auch Herr Gruppe weiß es, wenn er auch unser Reich für eine Chimäre hält.
356 Vaterland und unsere Heimath kämpfen, wenn wir das Reich der Wahrheit und Freiheit vertheidigen — auch Herr Gruppe weiß es, wenn er auch unser Reich für eine Chimäre hält.
357 Eine Chimäre aber hegt und pflegt Herr Gruppe — freilich soweit er bei seiner Gründlichkeit und Kraft der Hingebung etwas hegen und pflegen kann, nämlich die Chimäre, daß doch die „Traditions-Ansicht“, die von der neuern Kritik so gründlich bekämpft wird, etwas ganz Vortreffliches sey, daß also auch Schleiermacher, der jest durchaus interveniren soll (p. 40), sie gehegt haben müsse. Wenn Herr Gruppe zu seinem Stichworte „Tradition“ kommt, dann ruft er: „Land!“ wenn er es hinschreibt, dann triumphirt er (p. 87): „hier sind wir wieder bei Schleiermacher!“ Schleiermacher hat die Tradition — man beachte die Sprache! — für die Evangelien anerkannt“ (p. 91).
358 Obwohl ich also in meiner Schrift gezeigt habe, wie Schleiermacher in seiner neugierigen Angst nicht ruht, bis er nicht die Augenzeugen gezwungen hat, die Bürgschaft für die verzettelten Anekdoten zu übernehmen, muß ich noch einmal zeigen, wie wenig er an das gedacht hat, was allein Ueberlieferung genannt werden kann. Schleiermacher, ja, das ist ein Kritiker wie er seyn soll, ein Kritiker nach dem Herzen Gottes, der Kritiker nach dem Herzen des Kritikers Gruppe! Schleiermacher hat (p. 34) die Kritik „mit Umsicht und wohl zuweilen — wirklich? — mit Kühnheit“ geübt. Es ist aber längst bewiesen, daß seine Umsicht die Kriecherei und Angst des Buchstabenknechtes war und daß seine Kühnheit nur dann außerordentlich ist, wenn es gilt, die Vernunft und Freiheit wegzuwerfen. Ich werde es noch einmal beweisen.
359 Herr Gruppe rühmt (p. 37) Schleiermachers „kritischen Geist und Scharfsinn“. Wenn Scharfsinn das ist, was den Nagel auf den Kopf trifft, Geist das, was das Wesen, den Geist der Sache, sey es auch nur als Ahnung auffindet, Geist das, was als schöpferische Kraft die Sache noch einmal hervorbringt, indem es ihre Wahrheit auffindet und dieser die Gestalt gibt, die ihr wesentlich zukommt, wenn Geist das ist, was den Geist der Sache zu entdecken weiß, ihn citirt und sein Geheimniß aussprechen läßt: — dann hat Schleiermacher in seiner kritischen Arbeit über das Evangelium des Lukas weder Geist noch Scharfsinn bewiesen.
360 Wenn Herr Gruppe meint, die niedere Kritik möchte sich „mit der Autorität Schleiermachers schützen“ (p. 34), so beweist er nur, wie er meine Schrift gelesen hat. Kann der Kritiker, der mit sittlicher Indignation von den Schlichen der Schleiermacher'schen Kritik, von ihrem cretinartigen Wesen, von ihrer Coquetterie und Liebhaberei an Lappalien sprechen muß, auf den Einfall kommen, sich unter ihren Schuß zu stellen? Seit wann ist es Sitte, daß der Krieger in der Hitze des Gefechts, wenn er über scharfe Waffen zu gebieten hat, abgestumpfte Stecknadeln sucht, um mit ihnen den Feind zu durchbohren? Seit wann ist es Sitte, daß der Krieger, der muthig seine Brust dem Feinde bietet, sich hinter ein strohernes Schild, hinter eine Papierwand versteckt?
361 Herr Gruppe weiß in der That, wie sich Krieger benehmen und was Kriegsgebrauch ist! Ein schöner Held, der mit Strohhalmen ficht und sich hinter ein strohernes Schild verkriecht!
362 Herr Gruppe - Herr Gruppe ist uns in der That gefährlich! Herr Gruppe was wäre die Kirche ohne Herrn Gruppe! - Herr Gruppe hat die Entdeckung gemacht, „daß die neueren Kritiker nicht als Fortseßer und Vollender der Ansicht Schleiermachers gelten können, sondern vielmehr seine erklärten Gegner sind“ (p. 37).
363 Erstlich, Herr Gruppe! kann man der Gegner eines großen Mannes seyn, dessen Princip man vollendet. Ja, Herr Gruppe! sehen Sie sich in der ganzen Geschichte um, ob sie es nicht immer so finden, daß die Männer, die ein Princip vollendet haben, die Gegner derjenigen sind, von denen sie es überkommen haben und die es nur in einer beschränkten Fassung durchsehen wollten.
364 Ich nun aber, ich wenigstens habe nicht die Ehre, ein Gegner Schleiermachers zu seyn, ich kann es nicht einmal seyn, weil er viel zu tief unter dem Standpunkte steht, wo ich zu arbeiten habe. Ich bin auch nicht ein „Fortseher und Vollender seiner Ansicht“: Andere haben gegen ihn gestritten und seine Ansicht war sogar von der Art, daß sie nicht einmal fortgesezt und vollendet werden konnte: Kinderversuche müssen nur bei Seite gelegt werden, aus dem Traume hat man nur zu erwachen, stroherne Schilde kann man nur wegwerfen.
365 Die Männer, mit denen die neuere Kritik allein zu kämpfen, und deren Princip sie zu vollenden hatte, sind Strauß, Weiße und Wilke — andre Männer als der Kritiker Schleiermacher!
366 Auf Schleiermachers Ansicht konnte ich nur deshalb in meiner Arbeit eingehen, weil ich den Kampf des Buchstabenknechtes mit dem Buchstaben vollständig darstellen mußte und die höhere „Ansicht“ den untergeordneten Standpunkt noch entschiedener bloßstellen, ihn wenigstens noch entschiedener als einen solchen darstellen wird, mit dem vollständig zu brechen ist, als es diejenige Ansicht that, die ihn vorher bekämpfte.
367 Wenn ich von Schleiermacher sprach, that ich es ohne Sympathie und Antipathie — für beides ist er der neueren Kritik zu fremd — und meine Indignation erregte sich nur dann, wenn die Schleicherei und List des Buchstabenknechtes von Andern der Offenheit und Aufrichtigkeit der wahren Kritik als Waffe oder als Muster entgegengehalten wurde.
368 Von Alledem weiß Herr Gruppe Nichts. Mein Buch war für ihn nicht da.
369 Also noch einmal Schleiermacher!
370 Ich werde weiter Nichts thun können, als die „Ansichten“ Schleiermachers, die ich in meiner Schrift an ihrem Orte bereits erwähnt und beurtheilt habe, zusammenzustellen. Die Kritik derselben werde ich natürlich nicht noch einmal geben, die richtige Erklärung der evangelischen Erzählungen werde ich nicht wiederum mittheilen können, und Niemand wird es mir verdenken, wenn ich nicht Lust habe, mein Buch immerfort, so lange es Leuten und großen Männern, wie Herrn Gruppe beliebt, mich zu vernichten, immerfort wieder abzuschreiben. Herr Gruppe und Alle modernen Kirchenväter, die auf Schleiermacher schwören, werden nun also wissen, was sie widerlegen müssen, ehe wir uns dazu verstehen, uns auf den Heiligen, den sie verehren, auf den heiligen Schleiermacher wiedertaufen zu lassen.
371 Unser neuer Heiliger (Schleiermacher über die Schriften des Lukas p. 59, 60) sagt also, den Berichten des Lukas und Matthäus von der Wirksamkeit des Täufers „liegt Ein Aufsatz zu Grunde“ und zwar ein ganz geschichtlicher Aufsatz, der ohne besondere Rücksicht auf das Verhältniß des Johannes zu Jesu (!!) und ohne von der Taufe Christi Nachricht zu geben, also auch wahrscheinlich nicht von einem Christen verfaßt, Denkwürdigkeiten aus dem öffentlichen Leben des Johannes enthielt“ – man lese, wenn man Lust hat, in dem Buche selbst weiter nach, besonders wie Schleiermacher das Glück preist, daß die Berichte des Lukas und Matthäus „einander ergänzen und aus beiden zusammen das Ganze wenigstens (!) seiner Anlage nach (!), wiewohl (!) es auch von sehr großem Umfange nicht füglich (!) gewesen seyn kann, leicht zu construiren ist.“
372 Unser neuer Heiliger (Schleiermacher über die Schriften des Lukas p. 59, 60) sagt also, den Berichten des Lukas und Matthäus von der Wirksamkeit des Täufers „liegt Ein Aufsatz zu Grunde“ und zwar ein ganz geschichtlicher Aufsatz, der ohne besondere Rücksicht auf das Verhältniß des Johannes zu Jesu (!!) und ohne von der Taufe Christi Nachricht zu geben, also auch wahrscheinlich nicht von einem Christen verfaßt, Denkwürdigkeiten aus dem öffentlichen Leben des Johannes enthielt“ – man lese, wenn man Lust hat, in dem Buche selbst weiter nach, besonders wie Schleiermacher das Glück preist, daß die Berichte des Lukas und Matthäus „einander ergänzen und aus beiden zusammen das Ganze wenigstens (!) seiner Anlage nach (!), wiewohl (!) es auch von sehr großem Umfange nicht füglich (!) gewesen seyn kann, leicht zu construiren ist.“
373 Die Erzählung von der Predigt Jesu in der Synagoge zu Nazareth (Luk. 4, 16-30) ist „nach einer aramäischen mündlichen (!) Erzählung eines Augenzeugen griechisch niedergeschrieben worden.“ „Ob von Lukas selbst mag ich, sagt Schleiermacher mit der gerühmten „Umsicht“, nicht entscheiden.“ (p. 64.)
374 Die „Menge von einzelnen Erzählungen“ Luk. 4, 31-7, 10 existirten ursprünglich als „einzelne Erzählungen,“ Schleiermacher entdeckt nun, daß „die ersten sich von den letzten“ durch das Interesse, welches sie befriedigen sollen, auffallend unterscheiden, und diese Entdeckung führt ganz von selbst auf den Gedanken von zwei Sammlern, die von verschiedenen Gesichtspunkten ausgehend sich Nachrichten über Jesum aus der Gegend seines gewöhnlichen Wohnortes (Kapernaum) verschafft haben, sey es nun (welche Umsicht! welcher Geist! Und dazu der Scharfsinn!) – daß sie sich selbst dorthin begaben oder daß sie anderwärts Gelegenheit hatten, dortige Einwohner aus jener Zeit zu befragen. Beide Sammlungen sind dem Lukas zu Handen gekommen und er theilt sie unmittelbar hintereinander mit; vielleicht auch (o, über die Umsicht und den Scharfsinn!) – waren sie schon früher in Eine verbunden. (p. 65, 66.)
375 Vor lauter Umsicht hat Schleiermacher vergessen, daß er so eben gesagt hatte, die einzelnen Erzählungen hätten „ursprünglich“, wie auch ihre Schlußformeln beweisen sollen, als „einzelne“ existirt. Statt nun zu erklären und auch nachher, wo es wirklich auf die Zetteltheorie hinauskommt, gibt er uns nicht die höchst nothwendige Erklärung - wie es kam, daß die Zettel bei allem Zufall, dem sie ausgesetzt seyn mußten, sich so herrlich symmetrisch bei den Sammlern einstellten, daß diese ihre Gruppen bilden konnten, statt dessen verläuft er sich auf einmal in die Umgegend von Kapernaum, um hier die Leute zusammenzurufen, die ihn aus der Verlegenheit reißen sollen. Aus dem Regen ist er aber in die Traufe gerathen, da er es uns eben so wenig erklären kann, daß jeder der beiden Sammler sey es in der Gegend von Kapernaum selbst oder durch reisende Kapernaiten gerade solche Erzählungen zu hören bekam, die für eine Gruppe pasten, wie sie seinem Gesichtspunkte entsprach.
376 - Sehen wir nun, wie sich die Umsicht, die Kühnheit und der Geist und der Scharfsinn in der Beurtheilung der einzelnen Erzählungen bewährten.
377 Jeder der drei Synoptiker, bemerkt Schleiermacher p. 68, „bringt von der Heilung der Schwiegermutter Petri irgend einen einzelnen Umstand bei, die sich auch alle sehr wohl vereinigen lassen, und alle drei Erzählungen scheinen also (!) auf Augenzeugen zurückgeführt werden zu müssen, doch aber darf man nicht - bei Leibe nicht, wenn man mit Umsicht verfahren will - schließen, daß diese gerade zur Hausgesellschaft Jesu gehört haben: sondern - die Pflicht der Umsichtigkeit will es so haben - sich nur erinnern, daß Jesus gewiß (!) jedesmal aus der Synagoge von den Angesehensten (!!) unter seinen beifallgebenden Zuhörern ist nach Hause begleitet worden.“
378 Wenigstens Dreie also von diesen „Angesehensten unter den beifallgebenden Zuhörern“ Jesu, die ihn in das Haus der Schwiegermutter Petri begleitet hatten und in deren Gegenwart das Wunder der Heilung geschah, haben von der Begebenheit einen schriftlichen Bericht abgefaßt, oder sie einem Andern erzählt, der sie aufschrieb und zwar auf einen Zettel aufschrieb? Man sollte meinen, die Umsicht müßte Schleiermachern gebieten, noch einmal eine Ansicht zu prüfen, die solche Fragen auch nur möglich machen kann, man sollte meinen, daß die Kühnheit manchmal erschrecken müsse, daß Geist in manche Sache gar nicht zu bringen ist: aber nein! wozu wäre der Scharfsinn, wenn er nicht auch die lächerlichsten Fragen prosaisch ernsthaft behandeln sollte? Durch die unglückliche Art und Weise, mit der Petrus bei dieser Gelegenheit in der Schrift des Lukas eingeführt wird, läßt sich Schleiermacher wenigstens zu der Bemerkung verleiten (p. 69), daß Lukas „auch hier nur ein Vorgefundenes mittheilt. Denn wer einzeln diese Geschichte einem erzählte oder aufschrieb (!), der sonsther wissen konnte, wer Petrus war, konnte keinen Beruf haben, ihn ordentlich einzuführen und vorzustellen.“
379 Es folgt die Erzählung vom Fischzuge Petri! (Luk. 5, 1-11). Wiederum eine sonderbare Art, den Petrus einzuführen! Petrus beträgt sich wie Einer, der jetzt zum erstenmale mit Jesus zusammenkommt, während er vorher, ehe er „ordentlich eingeführt“ war, als ein Vertrauter Jesu erscheint! „Die Begebenheit“, antwortet Schleiermacher (p. 71, 72), „ist auch gewiß älter, nur der Sammler, dessen Werk uns Lukas hier wieder unverändert gibt, und der auf das Wunderbare allein bedacht, um die natürliche Anordnung der Nachrichten, die er sammelt, weniger bekümmert ist, hat dieses später erfahren und wie er es erfahren, dem andern angereiht.“
380 „Die parallelen Erzählungen des Matthäus und Marcus von der Berufung Petri waren (p. 73) entweder ursprünglich flüchtiger aufgenommen oder sind im Durchgang durch mehrere Hände verdunkelt worden.“
381 Dieß „entweder oder“ ist aber für einen Mann, der mit Umsicht für alle Fälle zu sorgen hat, noch nicht genug: Schleiermacher fühlt sich erst beruhigt, wenn er die nächsten und angesehensten Augenzeugen für die Beschaffenheit einer Erzählung so viel wie möglich verantwortlich gemacht hat.
382 „Auf wie verschiedene Weise“, sagt er p. 73, „bald deutlicher, bald genauer, bald wieder nicht, können nicht die drei Jünger diese ihnen gewiß immer merkwürdig gebliebene Begebenheit erzählt haben.“
383 Mit welcher außerordentlichen Umsicht ferner führt Schleiermacher das Publicum zusammen, welches die Bergpredigt hören soll, das aber von der Kritik nach Hause zurückgeschickt ist! (p. 82-84).
384 Wer Ohren hat zu hören, der höre, d. h. wem nicht zu schnell der Faden der Geduld reißt, der lese folgenden Abschnitt, der zwar einzig in seiner Art ist, aber nicht der einzige von dieser Art in der Schrift Schleiermachers.
385 „Ueber den Hergang zu dieser Rede sagt uns unsere (des Lukas) Erzählung mehr als Matthäus, der sie ohne alle Einleitung einführt; allein die Art, wie man dieses Mehrere fast durchgehends ausgelegt hat, scheint mir nicht die richtige. Zuerst, daß Jesus die Nacht auf dem Berge zugebracht im Gebet, was jedoch buchstäblich auch Niemand gewußt haben kann, ist mit der Begebenheit selbst wohl unmittelbar in keine Verbindung zu sehen. Das sehr Auffallende daran verliert sich – (bei einiger Umsicht) wenn man den Fingerzeig bei Matthäus nicht übersieht, daß Christus erst nach der Rede nach Kapernaum hineinging, wahrscheinlich also nicht von dort, sondern anderwärts hergekommen war. Und am leichtesten offenbar denkt man sich den Vorgang bei der Rückkehr von einer Festreise, wo eine zwiefache Menge ihn umgab, auf der einen Seite – ja! die Umsicht! – die Karavane, mit welcher er gereist war, der sich Manches auch unterwegs wohl zugesellt hatte, und die er nun um den gelegentlichen Unterhaltungen auf der Reise die Krone aufzusehen, im Begriff sich nach seinem Wohnort zurückzubegeben, noch mit einem ausführlicheren Abschiedsvortrag entlassen wollte. Diese zahlreiche Gesellschaft hatte vielleicht die Herbergen
386 „Ueber den Hergang zu dieser Rede sagt uns unsere (des Lukas) Erzählung mehr als Matthäus, der sie ohne alle Einleitung einführt; allein die Art, wie man dieses Mehrere fast durchgehends ausgelegt hat, scheint mir nicht die richtige. Zuerst, daß Jesus die Nacht auf dem Berge zugebracht im Gebet, was jedoch buchstäblich auch Niemand gewußt haben kann, ist mit der Begebenheit selbst wohl unmittelbar in keine Verbindung zu sehen. Das sehr Auffallende daran verliert sich – (bei einiger Umsicht) wenn man den Fingerzeig bei Matthäus nicht übersieht, daß Christus erst nach der Rede nach Kapernaum hineinging, wahrscheinlich also nicht von dort, sondern anderwärts hergekommen war. Und am leichtesten offenbar denkt man sich den Vorgang bei der Rückkehr von einer Festreise, wo eine zwiefache Menge ihn umgab, auf der einen Seite – ja! die Umsicht! – die Karavane, mit welcher er gereist war, der sich Manches auch unterwegs wohl zugesellt hatte, und die er nun um den gelegentlichen Unterhaltungen auf der Reise die Krone aufzusehen, im Begriff sich nach seinem Wohnort zurückzubegeben, noch mit einem ausführlicheren Abschiedsvortrag entlassen wollte. Diese zahlreiche Gesellschaft hatte vielleicht die Herbergen so angefüllt, daß sie Jesu zu geräuschvoll geworden waren und er vorzog bei der guten Jahreszeit und in der bekannten Gegend die letzte Nacht im Freien zuzubringen und so - nach dieser umsichtigen Fürsorge des heiligen Kritikers - bestieg er den Berg. Seine Ankunft aber - welche Umsicht! - ward überall, wo die Gesellschaft übernachtete, bekannt: und wenn einige Eilfertige noch am späten Abend bis Kapernaum hineingegangen waren, auch dort und daher fand sich denn auf der andern Seite eine zweite Menge zusammen, theils Hülfsbedürftige, die nun schon lange seiner geharrt hatten, theils Anhänger und Bewunderer, die ihm aus Kapernaum entgegenkamen. Auf diese Weise erklärt sich ein mehr als gewöhnlicher Zulauf, der eben unsern Erzähler veranlaßte, was auch er vielleicht bei einer andern Rede nicht würde gethan haben, uns das ganze sinnliche Bild vor Augen zu stellen, wie Christus im Begriff vom Berge herabzusteigen, als er das unerwartet große Gedränge ansichtig ward, zuerst
387 so angefüllt, daß sie Jesu zu geräuschvoll geworden waren und er vorzog bei der guten Jahreszeit und in der bekannten Gegend die letzte Nacht im Freien zuzubringen und so - nach dieser umsichtigen Fürsorge des heiligen Kritikers - bestieg er den Berg. Seine Ankunft aber - welche Umsicht! - ward überall, wo die Gesellschaft übernachtete, bekannt: und wenn einige Eilfertige noch am späten Abend bis Kapernaum hineingegangen waren, auch dort und daher fand sich denn auf der andern Seite eine zweite Menge zusammen, theils Hülfsbedürftige, die nun schon lange seiner geharrt hatten, theils Anhänger und Bewunderer, die ihm aus Kapernaum entgegenkamen. Auf diese Weise erklärt sich ein mehr als gewöhnlicher Zulauf, der eben unsern Erzähler veranlaßte, was auch er vielleicht bei einer andern Rede nicht würde gethan haben, uns das ganze sinnliche Bild vor Augen zu stellen, wie Christus im Begriff vom Berge herabzusteigen, als er das unerwartet große Gedränge ansichtig ward, zuerst
388 Doch genug!
389 Um die Verschiedenheiten der Bergpredigt des Matthäus und der Rede des Lukas zu erklären bemerkt Schleiermacher: „der Referent des Lukas scheint theils einen ungünstigeren Platz zum Hören gehabt, daher nicht Alles vernommen und hie und da den Zusammenhang verloren zu haben, theils mag er später zum Aufzeichnen gekommen seyn, als ihm schon Manches entfallen war, theils mag er .......... theils kann auch ......... theils hat er wohl u. s. w.“ (p. 89, 90.)
390 Reicht die Geduld des Lesers noch für eine Probe aus? Nun, es soll und kann ja auch nur eine Geduldprobe seyn! Also noch eine Probe, mit welcher Umsicht Schleiermacher in den Buchstaben die Züge und die Handschrift dieses oder jenes Augenzeugen aufzufinden weiß.
391 Lukas erläutert die Anrede des Gadarenischen Besessenen: „was haben wir mit einander zu schaffen, Jesus, Sohn Gottes“ durch die Bemerkung, daß Jesus dem unreinen Geiste geboten habe, auszufahren aus dem Manne; Matthäus hat diese Bemerkung nicht; ja, sagt Schleiermacher p. 128, „das ist aber auch eine zwar sehr wahrscheinliche, freilich aber doch diesmal nicht richtige Ergänzung unsers (des Lukas) Berichterstatters, der vielleicht beim Schiff etwas beschäftigt und etwas zurückgeblieben, eben bei dieser Anrede hinzukam und nun glaubte, der Befehl Jesu müsse schon vorangegangen seyn.“
392 Vorher hatte es Schleiermacher mit seiner gewöhnlichen Umsicht herausgebracht, daß auf der Fahrt nach dem jenseitigen Ufer, wo Jesus den Besessenen traf, außer den näheren Jüngern noch andere Leute auf dem Schiffe waren“: dieselbe Umsicht ist es nun, wenn er bemerkt: „so entsteht uns sehr natürlich die Frage, zu welcher von beiden Klassen unser (des Lukas) Zeuge gehört habe.“
393 Antwort: (p. 128—130) „das eben Angeführte (jene Bemerkung, Jesus habe dem unreinen Geiste auszufahren geboten) beweiset wohl keineswegs, daß es keiner von den Jüngern könne gewesen seyn. Denn sie waren ja Eigner des Schiffes und einer mußte also das Nöthige für dasselbe anordnen. Vielmehr, wenn wir die Beschreibung von dem nun zu den Füßen Jesu liegenden Geheilten (versteht sich, mit der gehörigen Umsicht!) - betrachten, so erkennen wir wohl einen, der ebenfalls da saß und an der Sache einen sehr nahen Antheil nahm, also einen von der unmittelbaren Umgebung Jesu. (Das heißt umsichtig verfahren und zugleich der Umsicht die Kühnheit zu Hülfe kommen lassen!) - . Und gehen wir erst zu der lekten Begebenheit, der Wiederbelebung der Tochter Jairi und bemerken, mit welcher unveränderten Genauigkeit und unverändertem Tone hier auch die Umstände erzählt werden, die vorausgesetzt nämlich, daß man, wie Schleiermacher mit vieler Umsicht verlangt, die gränzenlose Verwirrung im Berichte des Lukas mit einem gnädigen Auge betrachtet, die also unter dieser Vorausseßung nur Paulus, Johannes oder Jacobus unmittelbar wissen konnten: so können wir wohl kaum anders, als unsern ganzen Bericht entweder geradezu auf einen von diesen Dreien zurückzuführen oder wenigstens anzunehmen, die Erzählung sey, wenn auch von einem Andern, doch auch aus der unmittelbaren Umgebung, der eben deshalb Jesum auch bis an das Haus des Jairus begleitet, und die genauern Umstände, die ihm von nun an entgehen mußten, sich von einem von jenen Dreien habe erzählen lassen. Doch bleibt mir jenes wahrscheinlicher; wiewohl ich nicht behaupten will, daß einer von ihnen geschrieben hat, sondern nur erzählt, daß aber die Erzählung sehr unmittelbar, als noch Alles frisch und lebendig war, ist schriftlich aufgefaßt worden. Sehen wir uns hingegen auf dieselbe Frage, von welcher Klasse der Zeuge gewesen, die Erzählung bei Matthäus an, so werden wir geneigt seyn, sie einem von der andern Klasse zuzuschreiben. Denn schon dieses, daß der Sturm - während der Ueberfahrt nach dem jenseitigen Ufer - verhältnißmäßig viel ausführlicher erzählt ist als die Begebenheit am Ufer, daß hier die Beschreibung des Wüthenden nach seiner Heilung, sein Wunsch und Jesu Antwort ganz fehlt, schon dieses steht sehr aus nach einem, der gar nicht in die Nähe Jesu kam, sondern beim Schiff zu bleiben angewiesen war. Hat nun die Erzählung bei Matthäus einen solchen ersten Urheber: so blieb der auch, als man bei Kapernaum landete, beim Schiffe. Die Erzählung aber von der Wiederbelebung der Tochter des Jairus hat Matthäus von einer andern Hand, aber wie man aus den Abkürzungen am Ende sieht und an der Ungenauigkeit am Anfang, auch nicht aus einer so unmittelbaren als die unsrige.“
394 Genug! Schleiermacher hat die Kühnheit gehabt, zu vergessen, daß es Schriftsteller sind, die erklärt seyn wollen, parallele Berichte, deren Verhältniß untersucht, Wunder-Berichte, deren Natur geprüft seyn will.
395 Genug! Schleiermacher hat die Kühnheit gehabt, zu vergessen, daß es Schriftsteller sind, die erklärt seyn wollen, parallele Berichte, deren Verhältniß untersucht, Wunder-Berichte, deren Natur geprüft seyn will.
396 Vor lauter Umsicht hat er vergessen, seine Vorausseßung von der Glaubwürdigkeit der Berichte zu prüfen: seine einzige Arbeit besteht darin, den Berichten es anzuriechen, wie „frisch und lebendig noch Alles war“, als sie aufgezeichnet wurden, es ihnen anzuriechen, ob sie schon durch mehrere Hände gegangen waren, als sie den Evangelisten zukamen.
397 Wenn derjenige der größte Naturforscher ist, der statt die Pflanzen zu anatomiren, ihren Bau zu untersuchen, den Kreislauf ihrer Säfte zu erforschen, ihre Wurzel zu seciren und den Boden, auf dem sie gedeihen, die Mischung der Elemente, die sie zu ihrem Bestehen verlangen, zu analysiren, vielmehr das Gras wachsen hört – dann ist Schleiermacher auch der größte Kritiker.
398 Bei aller Anerkennung der Umsicht, mit der er die köstlichsten Möglichkeiten aufzufinden weiß, verdient doch die Kühnheit, mit der er seine abentheuerlichen Entdeckungen und die Lappalien seiner kritischen Erfindungen dem Glauben seiner Leser darbietet, eine noch feurigere Bewunderung.
399 Aber noch unendlich größer ist die Kühnheit, welche es jetzt nach den Arbeiten und Beweisen der neueren Kritik noch wagt, diese „Umsicht“, die aus der Länge und Kürze der Berichte, also nach der Elle abmißt, um wieviel Schritte die Berichterstatter der vermeintlichen Begebenheit näher oder ferner standen, uns als Muster anzupreisen. Herr Gruppe und die andern Herolde der heiligen Größe Schleiermachers werden sich wohl selbst sagen, welches nach meiner Ansicht der richtige Name für diese Kühnheit ist, und wenn sie wirklich Schleiermachers Buch über die Schriften des Lukas kennten und sich aufrichtiger um die Arbeiten der neueren Kritik bekümmert hätten, würden sie es gar nicht dahin haben kommen lassen, daß ich ihr Benehmen – ich darf das einzig richtige Wort nicht zurückhalten – schamlos nennen muß.
400 Es gibt zwei Arten mit einer gründlich ausgeführten Arbeit fertig zu werden, ohne daß man es nöthig hätte, sich mit ihr ernstlich einzulassen: die eine Art hat Herr Gruppe gewählt; wir können sie die von vorn herein überlegene oder schlechthin transscendente nennen. Sie steht nur großen Geistern, großen Kritikern, großen Theologen, kurz jenen bescheidenen Größen zu, die ihrem Feinde nicht gern allzu aufdringlich auf den Leib rücken, ihrem Gegner nicht gern beschwerlich fallen. Sie murmeln nur etwas mißliebig hin, es sey nicht leicht zu sagen, worin das Eigenthümliche dieser oder jener Arbeit bestehe, der Verfasser bringe ja doch nur dasselbe wieder vor, was man von Andern längst gehört habe, dagegen aber solle man sich nur an diesen oder jenen heiligen Mann halten, der würde uns mit vieler „Umsicht und Kühnheit“ alle Räthsel lösen – und sie sind mit ihrer Kritik fertig.
401 Die andere Art und Weise zu siegen ist immer noch die transscendente, daß unser Gegner von vornherein im Bewußtseyn seiner Ueberlegenheit über unsere Beweise hinwegfliegt und sich um sie nicht kümmert, aber er fliegt nicht mit einemmale über unsere Arbeit hinweg, sondern im Detail steckt er, nämlich so, daß er unsere Arbeit im Einzelnen bekämpft, aber unsere Beweise, unsere Entwicklungen und Ausführungen vollständig ignorirt. Ein großartiger Gegner wie Herr Gruppe schwingt sich mit einem Ansatze über unsern Bau hinweg: Leute, deren Flügel nicht dieselbe Schwungkraft haben, hüpfen von Spitze zu Spitze, von Ecke zu Ecke und rufen uns immer, wenn sie weiter hüpfen, mit großer Selbstzufriedenheit zu: nun seyen wir also besiegt.
402 Eine überfliegende Beurtheilung meines Buches von der letzteren Art haben die Berliner Jahrbücher im Junihefte dieses Jahres geliefert. Ich benutzte sie sogleich, wie sie erschien, um an ihrem Beispiele zu zeigen, wie das theologische Bewußtseyn die Kritik betrachte und beurtheile, gab dem Aufsatze den Titel: „Warnung für das theologische Bewußtseyn“ und schickte ihn der Redaction der deutschen Jahrbücher zu, aber die Censur in Leipzig verweigerte ihm das Imprimatur, wahrscheinlich, weil sie diesem Bewußtseyn einen schnelleren Untergang wünschte oder weil sie annahm, der Warnungsbrief würde doch nicht von dem Adressaten angenommen werden.
403 In keinem Falle konnte ich mich dazu verstehen, meine Warnung nicht zu veröffentlichen. Will das theologische Bewußtseyn sich nicht warnen lassen, so macht es seine Schuld nur um so früher voll und der Kritiker hat seine Schuldigkeit erfüllt, wenn er das Seinige dazu gethan hat, daß die Abrechnung herbeigeführt werde. Ohnehin wird diese Abrechnung mit einem ewigen wohlthätigen Frieden schließen, zu welchem alle Präliminarien bereits gegeben sind und dessen endlicher Abschluß nicht mehr unnöthiger Weise verzögert zu werden braucht.

B. Warnung für das theologische Bewußseyn

404 Der wahre Theologe als solcher muß soweit noch religiös seyn und ist in der That soweit noch religiös, daß er als Gränzzeichen für seine freien und wissenschaftlichen Bewegungen einen Punkt anerkennt, über den hinaus er nur von der Gnade lebt. Dieser Punkt mag nun mehr oder weniger weit hinaus liegen; so daß der Theologe diesseits desselben mehr oder weniger Freiheit genießt: genug, über ihn hinaus beginnt die Gnade, stirbt die Freiheit und da es bei der entscheidenden Wichtigkeit dieses Punktes die Pflicht des Theologen ist, ihn immer im Gesicht zu behalten, so muß derselbe auch schon diesseits wirken, die freie Bewegung des Theologen policeilich beobachten, also die Freiheit zu einer nur scheinbaren machen und sie in ihr Gegentheil verwandeln.
405 Die Gnade, von der der Theologe als solcher auch diesseits schon und mitten in seinen sogenannten Forschungen lebt, ist natürlich die theoretische, daß ihm Voraussetzungen geschenkt sind, die ohne weiteres gelten, die seinen Arbeiten erst ihren Halt geben und die er nur auszusprechen braucht, um seinen kritischen Gegner zu vernichten.
406 Die Gnade, von der der Theologe als solcher auch diesseits schon und mitten in seinen sogenannten Forschungen lebt, ist natürlich die theoretische, daß ihm Voraussetzungen geschenkt sind, die ohne weiteres gelten, die seinen Arbeiten erst ihren Halt geben und die er nur auszusprechen braucht, um seinen kritischen Gegner zu vernichten. Gnädigen Schuß seiner Voraussehungen thut der Theologe Wunder.
407 Wenn aber die Begnadigung theoretisch ist, so ist es klar, daß sie zur Sophistik führen muß. Der Theologe arbeitet, forscht, beobachtet, untersucht, er gibt seine Arbeiten für Forschungen, Beobachtungen und Untersuchungen aus und doch hat er im Grunde nicht gearbeitet, sondern sich von Voraussetzungen leiten lassen, die ihm von vornherein gegeben waren. Darum, weil er sich vorredet, er habe wirklich gearbeitet, gibt der Theologe den Voraussetzungen, die er als theoretische Wahrheiten der Kritik und Philosophie entgegensetzt, nicht die Ehre, die ihnen gebührt. Er trägt sie in einer Weise vor, spricht sie mit einem Accente aus und bietet sie uns mit einer Wendung, als hätte er sie wirklich, vielleicht so eben erst durch seine Beobachtungen und Arbeiten gefunden. Er stellt sie auf, als hätte er sie bewiesen, als hätte er sie gesetzt.
408 Das ist ein Frevel, ein Attentat gegen die Gnade, die Anmaaßung, frei und thätig zu seyn, eine Empörung gegen den Himmel, eine Lästerung des Schußgeistes der Theologie.
409 Die Theologie muß noch purificirt d. h. die Gnade gegen die Attacken des Theologen sicher gestellt werden. Der Theologe darf nicht mehr meinen, daß er zugleich von der Gnade und von seiner Freiheit leben, daß er nur jenseits der Gränze seines Verstandes von dem himmlischen Licht sich erleuchten lasse und diesseits sein eigenes Licht in sich trage, noch weniger darf er sich einbilden, daß die himmlische Welt der Voraussetzungen ein System von Beweisen sey. Er muß von jekt an nur von der Gnade leben; die Voraussetzung muß als solche zur Anerkennung und Alleinherrschaft gelangen.
410 Der Kritiker wird der Theologie zu ihrer Wahrheit und zur Selbsterkenntniß verhelfen. Er muß sie zu dem Ende so lange bekämpfen, bis sie sich auf Gnade und Ungnade ergibt und ihre Einbildung, daß sie noch Beweise in ihrem Besitze habe, aufgibt. Die Theologie muß dahin gebracht werden, daß sie öffentlich Buße thut und auf den Knieen bekennt, sie wolle von nun an, in dieser und in jener Welt rein und allein von der Gnade leben. Wenn die Gnade siegt, wird der Pact unterschrieben und der ewige Friede zwischen der Theologie und Kritik geschlossen.
411 Natürlich kann der Abschluß dieses Friedens und die völlige Zerknirschung des Theologen erst erwartet werden, wenn diesem gezeigt ist, was eigentlich die Gnade sey, die er anerkennen soll und die ihn bisher in allem seinem Thun und in seinem Kampfe gegen die Kritik allein geleitet und ausgerüstet hat.
412 Warum ist es das ärgste Vergehen des Theologen, wenn er Angesichts dieser Gnade behauptet, er habe wirklich geforscht, ernstlich gearbeitet und die Sache untersucht? Warum? Weil die Gnade das Zeugniß des Theologen gegen sich selbst, weil sie sein eignes Thun oder vielmehr sein Nichts-Thun, nämlich die Gränze ist, die er selbst seinem Arbeiten und Forschen gesetzt. Die Gnade ist Nichts als das Ende, welches die Freiheit sich selbst gegeben hat, die Uebergabe der Freiheit an die Willkühr, den Zufall, an das Erste das Beste, was dem Menschen in der zufälligen Stellung, in der er sich gerade befindet, in den Wurf kommt.
413 Warum soll der Theologe zur Selbsterkenntniß gelangen, indem seine Voraussetzungen als solche zur Anerkennung gebracht werden? Weil diese Voraussetzungen sein eignes Thun oder vielmehr nur ein anderer Ausdruck für seinen Mangel an Energie, für seine Muthlosigkeit und für die Schwäche sind, daß er der Sache nicht auf den Grund zu gehen wagt und sich von ihr eine Vorstellung bildet, die nur dem Namen nach mit ihr zusammenhängt, mit ihrem Wesen aber Nichts zu thun hat.
414 Warum ist der Theologe unter dem Schuße dieser Voraussetzungen so tapfer und glücklich gegen die Kritik? Weil sie ihn davor bewahren, mit ihr wirklich in Berührung zu kommen.
415 Wenn daher der Theologe dahin gebracht werden soll, daß er die Gnade anerkennt und seine Voraussetzungen nicht mehr durch die frivole Behauptung, sie seyen Beweise, entweiht, so heißt das zugleich: er soll anerkennen, daß er wirklich nicht gearbeitet und geforscht habe, daß er vielmehr als Theologe – weil die Religiosität seine Pflicht ist – ohnmächtig seyn muß und den Gegenstand nicht „antasten“, nicht herzhaft angreifen, nicht erkennen darf.
416 Alle bisherigen Arbeiten der Kritik sind zugleich Ehrenrettungen der Gnade, der der Theologe Alles verdankt und die er doch lästert, wenn er ihre Inspirationen für Ergebnisse einer wirklichen Forschung ausgibt, d. h. diese Arbeiten der Kritik sind der Beweis, daß die Theologie noch niemals wirklich geforscht habe, sie sind also auch Vorarbeiten zu jenem Friedensschlusse, den wir bald zu erwarten haben, wenn auch die Theologen der Ansicht sind, daß die Sachen noch nicht so weit gediehen seyen, daß sie auf den Knieen die Friedenstractate bald zu unterschreiben hätten.
417 Alle bisherigen Arbeiten der Kritik sind zugleich Ehrenrettungen der Gnade, der der Theologe Alles verdankt und die er doch lästert, wenn er ihre Inspirationen für Ergebnisse einer wirklichen Forschung ausgibt, d. h. diese Arbeiten der Kritik sind der Beweis, daß die Theologie noch niemals wirklich geforscht habe, sie sind also auch Vorarbeiten zu jenem Friedensschlusse, den wir bald zu erwarten haben, wenn auch die Theologen der Ansicht sind, daß die Sachen noch nicht so weit gediehen seyen, daß sie auf den Knieen die Friedenstractate bald zu unterschreiben hätten.
418 Sie haben sich nicht warnen lassen wollen. Gut! So will ich eine besondere Warnung an sie ergehen lassen, eine Warnung, zu welcher mir der Recensent meiner Schrift in den Berliner Jahrbüchern Gelegenheit gibt.
419 Der Theologe möchte nicht gern zugestehen, daß die neuere Kritik den Standpunkt Straußens überschritten hat; er muß sich sogar Straußens annehmen, weil dieser noch theologische Elemente in seine Auffassung vom Ursprung der Evangelien hinübergenommen hat. „Der Verf., sagt Rec. No. 107, p. 853, bekämpft das Straußische Princip, nach welchem es nicht Einer, sondern die Vielen sind, deren religiöse Anschauung die evangelische Geschichte hervorbringt, er findet dieß Princip „mysteriös“, offenbar – als ob ich die Sache nicht ausführlich entwickelt, als ob ich sie so dunkel behandelt hätte, daß ich den Muthmaßungen der Theologen die Deutung überlassen müßte – offenbar deswegen, weil es die gottmenschliche Gattung seyn soll, welche in diesen Vielen sich thätig erweist.“
420 Am Ende also ist es ein besonderer Haß, den ich gegen die „gottmenschliche Gattung“ hege, was mich gegen Strauß eingenommen hat? Leider hat sich Rec. darüber nicht erklärt, „offenbar deswegen“, weil er nicht wußte, inwiefern es in dem Wesen der Kritik liegt, sich gegen einen so mysteriösen, pantheistischen Ausdruck wie „gottmenschlich“ zu erklären. Es ist sogar die Frage, ob er von jenem Hasse der Kritik etwas wußte und daran dachte, daß sie nicht von einer gottmenschlichen Gattung spricht, sondern nur die menschliche kennt und das Selbstbewußtseyn. Nein! Nein! er wußte gar nichts von diesem Unterschiede und meinte – ja was meinte er wohl?
421 Wie? Deshalb fände ich Straußens Princip mysteriös, weil es die Gattung seyn soll, die sich in den Vielen erweist? Und auch deshalb, weil es nicht Einer, sondern die Vielen sind, deren Anschauung die evangelische Geschichte hervorbringt? Aus beiden Gründen? In welchem Zusammenhange stehen beide? Der Rec. schweigt. 1. Ich denke nicht daran, die Sottise zu begehen und den Gegensatz, auf den es ankommt, nur numerisch als den der Vielen und des Einen zu fassen. 2. Strauß macht niemals Ernst damit, den Vielen die Production der heiligen Geschichte zuzuschreiben oder zu zeigen, wie sie bei dieser Production verfahren sind. So weit läßt er sich gar nicht in den Proceß der Sache ein. 3. Deshalb finde ich Straußens Princip mysteriös, weil das Allgemeine, die Gattung, der Geist der Gemeinde, die Tradition unmittelbar wirkt und die Vermittelung durch das Selbstbewußtseyn und durch die formende Energie desselben nicht zur Anerkennung kommt.
422 „Allein, fährt Rec. ebend. fort, ist denn nun der Verf. über dieß Princip – nämlich über dieses von dem Rec. nicht einmal klar und deutlich geschilderte Princip – dadurch hinausgekommen, daß er an die Stelle der Vielen das eine Selbstbewußtseyn des Schriftstellers setzt?“
423 Das habe ich nicht gethan und es wäre sehr wenig, sehr falsch, wenn ich es gethan hätte. Ich werde mich sehr wohl hüten und meinen, etwas Besonderes gethan zu haben, wenn ich mit Zahlen gespielt, Zahlen vertauscht habe. Nur der Theologe kann auf den Gedanken kommen, daß eine ausführliche und wichtige Dialektik nur in einem Spiel mit Zahlen bestehe. Uebrigens konnte ich ja nicht einmal auf den Gedanken kommen, nur Zahlen zu vertauschen, da Strauß die Vielen niemals ernstlich in Thätigkeit setzt und uns nicht die geringste Vorstellung davon gegeben hat, wie sie thätig waren und ihre Producte sich zu Einem Ganzen zusammenfügten. Derjenige Factor, von dem Strauß ernstlich spricht, ist vielmehr die Tradition. Der Gegensatz ist also nicht numerisch, sondern ein wesentlicher: der Gegensatz der Gattung und des Selbstbewußtseyns, der Substanz und des Subjects. Ich denke auch nicht daran, den Gegensaz so zu lösen, daß ich nur Eine Seite beibehielte. Der Fehler von Strauß ist nicht der, daß er eine allgemeine Macht in Bewegung sezt, sondern daß er sie als allgemein und rein aus ihrer Allgemeinheit heraus wirken läßt. Das ist noch religiös, das ist wunderbar, die Reproduction der religiösen Anschauung auf dem kritischen Standpunkte, das ist die religiöse Undankbarkeit und Härte gegen das Selbstbewußtseyn.
424 Uebrigens konnte ich ja nicht einmal auf den Gedanken kommen, nur Zahlen zu vertauschen, da Strauß die Vielen niemals ernstlich in Thätigkeit setzt und uns nicht die geringste Vorstellung davon gegeben hat, wie sie thätig waren und ihre Producte sich zu Einem Ganzen zusammenfügten. Derjenige Factor, von dem Strauß ernstlich spricht, ist vielmehr die Tradition. Der Gegensatz ist also nicht numerisch, sondern ein wesentlicher: der Gegensatz der Gattung und des Selbstbewußtseyns, der Substanz und des Subjects. Ich denke auch nicht daran, den Gegensaz so zu lösen, daß ich nur Eine Seite beibehielte. Der Fehler von Strauß ist nicht der, daß er eine allgemeine Macht in Bewegung sezt, sondern daß er sie als allgemein und rein aus ihrer Allgemeinheit heraus wirken läßt. Das ist noch religiös, das ist wunderbar, die Reproduction der religiösen Anschauung auf dem kritischen Standpunkte, das ist die religiöse Undankbarkeit und Härte gegen das Selbstbewußtseyn.
425 Sage ich denn nun aber, wie es der Theologe immer auffassen muß, der Eine habe die evangelische Geschichte gemacht? Zeige ich denn nicht die allgemeine Macht, die im Einzelnen zur Energie wurde, in allen jenen Möglichkeiten, Vorausseßungen, allgemeinen Anschauungen und Interessen der Gemeinde auf, die den Einzelnen zur Arbeit trieben und die er in neuen Gestalten zur Erscheinung brachte?
426 „Daß dies (ebend.) nicht der Fall ist (daß ich nämlich nicht über Straußens Princip hinausgekommen bin) zeigt sich aus seiner (B. B.) eigenen Argumentation, wenn er sagt — sagt! und ich beweise es — die Traditions-Hypothese führe selbst nothwendig auf das einzelne Selbstbewußtseyn als lehte Quelle — Quelle! als ob ich solche Ausdrücke gebrauchte, mit solchen Worten wichtige Untersuchungen abzumachen gedächte! — zurück. Statt daß der Verf. das Straußische Princip überwunden hätte, hat er es nur zu seiner formellen Consequenz fortgeführt.“
427 Daß von etwas nur Formellem hier nicht die Rede sey, habe ich so eben gezeigt.
428 Rec. hat übrigens hiemit die ganze Rohheit der theologischen Vorstellung von der Ueberwindung eines Princips verrathen. Damit also ist ein Princip nicht überwunden, wenn seine Consequenz gesetzt wird? das Judenthum ist nicht überwunden, wenn seine Consequenz, das Christenthum gesezt ist? der Feudalstaat nicht überwunden durch seine Consequenz die absolute Monarchie, diese nicht durch ihre Consequenz die Revolution und die Restauration und die constitutionelle Monarchie, diese nicht durch ihre Consequenz, die Republik? Muß etwas nur durch etwas Fremdes überwunden werden, durch einen Klok, den man ihm an den Kopf wirft? durch Donner und Bliz? Allerdings ist das die theologische Widerlegung, die Widerlegung durch das Hundertste und Tausendste, durch das Fremdeste. Dem Theologen ist Alles fremd.
429 Wie fremd dem Rec. der gegenwärtige Stand der Dinge ist, wie wenig sich der Theologe in dieser Welt zu orientiren vermag, beweist er, wenn er (ebend.) sagt: ich hätte „nur dasselbe im Gebiet der evangelischen Geschichte geleistet, was Strauß selbst in religionsphilosophischer Hinsicht gethan hat durch seine Ideen über den Cultus des Genius.“ Welche Unkenntniß, nicht zu wissen, daß auf dem Standpunkt der neueren Kritik Nichts vorhanden ist, was nur im entferntesten mit jener Proclamation des Cultus des Genius in Parallele gestellt werden könnte. Nur der Standpunkt, der in die Welt des Gedankens und der Freiheit das Religions-Verhältniß wieder eingeführt hat, war des Gedankens eines Cultus fähig, der in freie, menschliche Verhältnisse die religiöse Kategorie bringt und das wirkliche Selbstbewußtseyn von dem Boden der Erde hinweg und aus der Bewegung der Geschichte zu einer gespenstischen Transscendenz erhebt. Der Gedanke des Cultus des Genius ist der lezte Versuch, die menschlichen freien Verhältnisse mit einer religiösen Tinctur zu beflecken, die lezte Anstrengung der Religion, nachdem sie aus ihrer chimärischen Welt vertrieben ist, sich in der wirklichen Welt des Selbstbewußtseyns zu erhalten, er ist die Verkehrung der Freiheit und Menschlichkeit innerhalb ihrer innern Welt, ihre Verkehrung in ihrem eignen freien Hause zu ihrem Gegentheil, zur Transscendenz und Fremdheit; er ist der lezte Angriff auf das Hausrecht des freien Menschen, die lezte List der Religion, uns vorzureden, daß die Häuser unserer Mitmenschen Capellen seyen. Und an dieser religiösen List soll die neuere Kritik Theil nehmen?
430 Der Theologe konnte sich diese Frage nicht vorlegen, denn um fragen zu können, muß man etwas von der Sache verstehen. Auch bei Strauß, sagt er ebend., in seinem Gedanken des Cultus des Genius, wie in meiner Auffassung vom Ursprung der heiligen Geschichte — so wenigstens muß ich den unklaren Satz verstehen — sey „die Allgemeinheit zur absoluten Einzelnheit geworden.“ Der Rec. weiß trefflich mit philosophischen Kategorien umzugehen und namentlich die Kategorie für die neuere Kritik zu finden. Der Theologe kann sich nicht einmal vorstellen, daß und wie weit sich die Kritik von jeder Berührung mit religiösen Kategorien befreit hat.
431 Die Kritik weiß Nichts von der „absoluten Einzelnheit“ des Theologen, sie kennt keine Einzelnheit, die so zu sagen eine reine Metamorphose des Allgemeinen sey. Nur die Religion kennt dieß Unding einer unmittelbar seyenden absoluten Einzelnheit. Nur im Cultus des Genius kann es Nachdrücke, Lithographieen von dieser absoluten Einzelnheit der Religion geben.
432 Wie kann ich von einer absoluten Einzelnheit sprechen, wie kann Jemand — außer dem Theologen — auf den Gedanken kommen, daß ich von einem solchen Unding spreche, da ich zeige, wie nothwendig ein Evangelist durch den andern ergänzt wird, wie die evangelische Anschauung diesen Proceß von Marcus bis Johannes durchmachen mußte, da ich die große Zahl von Bedingungen aufweise, welche die Evangelisten bestimmt und wie? bestimmt haben, hin und hergezerrt und wie? hin und hergezerrt haben? Wie knechtisch abhängig sind sie von ihren Bedingungen, wie mechanisch schreiben sie einander ab, bis endlich der Vierte kam und alle drei Vorgänger abschrieb! Wie haben sie das A. T. abgeschrieben! Das wären absolute Einzelnheiten?
433 Wie kann ich von einer absoluten Einzelnheit sprechen, wie kann Jemand — außer dem Theologen — auf den Gedanken kommen, daß ich von einem solchen Unding spreche, da ich zeige, wie nothwendig ein Evangelist durch den andern ergänzt wird, wie die evangelische Anschauung diesen Proceß von Marcus bis Johannes durchmachen mußte, da ich die große Zahl von Bedingungen aufweise, welche die Evangelisten bestimmt und wie? bestimmt haben, hin und hergezerrt und wie? hin und hergezerrt haben? Wie knechtisch abhängig sind sie von ihren Bedingungen, wie mechanisch schreiben sie einander ab, bis endlich der Vierte kam und alle drei Vorgänger abschrieb! Wie haben sie das A. T. abgeschrieben! Das wären absolute Einzelnheiten?
434 „Hätte B. Bauer (ebend.) das Straußische Princip wirklich überwunden, so wäre ihm statt daß er sich an das „Bewußtseyn dieser einzelnen Schriftsteller - (nämlich dieser absoluten Einzelnheiten) - hielte, vielmehr die Erkenntniß des Einen aufgegangen, dessen Bewußtseyn der eigentliche Ausgangspunkt der evangelischen Geschichte ist; (ich bemerke nur beiläufig, wie der Theologe nie rein sprechen, nie bei der Sache bleiben kann: ich spreche von der evangelischen Geschichtschreibung, der Theologe wirft den „Ausgangspunkt“ u. s. w. dazwischen) -; so aber, indem er immer noch die Gemeinde, wenn gleich in der Person der einzelnen Evangelisten den Schöpfer der evangelischen Geschichte seyn läßt, verräth er, daß er selbst noch innerhalb des Standpunkts steht, den er überwinden will.“
435 Ja wohl! Ueber Strauß ist nur der hinaus, der Jesum Christum bekennt.
436 Ueber Straußens Kritik ist nur der hinaus, der da voraussetzt oder zu dem Resultate kommt, daß Jesus diese Eine absolute Einzelnheit ist.
437 Ueber Straußens Kritik wäre ich hinaus, wenn ich von ihr aus in ein ganz anderes Gebiet überspränge.
438 Die μετάβασις εἰς ἄλλο γένος ist die Kunst und das Heil der Theologie.
439 Allerdings stehe ich noch innerhalb des Standpunkts, den ich überwinde, weil es der wahre ist - der Standpunkt, für den die Evangelien dem Inhalt und der Form nach Producte der Menschheit sind.
440 Strauß war auf diesem Standpunkte noch supernaturalistisch, indem er auf ihn die Wundertheorie mitnahm und das Allgemeine als solches wirken ließ. Es kam nur darauf an, den Standpunkt der Freiheit und Menschlichkeit von dem Nebel des Supernaturalismus zu befreien.
441 Ehe der Rec. nach diesen kritischen Expectorationen über das Princip näher darauf eingeht, ob es mir gelungen sey, die Traditions-Hypothese zu stürzen, bemerkt er vorher (S. 855), ich hätte die Priorität des Marcus-Evangeliums vielfach bloß vorausgesetzt. „Vorausgesetzt!“ - Die Theologen sind fürchterlich. Was eine Lüge ist, dafür haben sie kein Urtheil mehr. Auf diesem Standpunkte ist eine Lüge keine Lüge. Ich habe zwei Bände geschrieben, auch noch einen dritten, um die Ursprünglichkeit des Marcus-Evangelium zu beweisen; aber den Theologen kostet es keine Mühe meine Arbeit zu ignoriren und zu behaupten, ich hätte die Priorität jenes Evangelium vielfach bloß vorausgesetzt.
442 Wilke kann natürlich auch nicht dem Theologen genug thun. Wilke ist gar Nichts, er hat nur Einzelnes ins Auge gefaßt - für die umfassenden, allgemeinen Gesichtspunkte, die Wilke gibt, hat der Theologe kein Auge, er ist nicht in den „Geist“ der Evangelien eingedrungen. Wackrer Wilke, die allgemeinen Daten, die Du gibst, sind dem Theologen zu schwer, als daß er sie in Empfang nehmen und mit Dir den Beweis ziehen könnte. Schadet Nichts! „Geist“ im Munde eines Theologen heißt: Dunst.
443 Ich habe die Synoptiker nicht nur philologisch, nicht nur ästhetisch, sondern auch historisch und als Glieder in der geschichtlichen Entwicklung des religiösen Bewußtseyns, also religiös-philosophisch untersucht und als Ergebniß dieser erweiterten Untersuchung die Einsicht in die Priorität des Marcus gewonnen. Ich bin aber auch nicht in den Geist der Evangelien eingedrungen; ich habe mir keinen Dunst vorgemacht.
444 Wenn ich sage: Grundsätze, Principien, allgemeine Anschauungen und die Erschaffung einer neuen wesentlichen Welt seyen es gewesen, was die Gemeinde anfangs allein beschäftigte und sie später dazu antrieb, einzelne Anschauungen, Pointen, Contraste und Sprüche zu bilden, so bemerkt dagegen der Rec. No. 107, p. 856: „wir würden diesen Satz sehr gern zugeben, wenn er sich in der beschränkten Fassung hielte, in welcher er allein Wahrheit hat — (d. h. in der ihn der Theologe aufstellen kann, ohne aufzuhören, Theologe zu seyn, in der ihn der Theologe behaupten kann, ohne seine theuersten Voraussetzungen aufzugeben, d. h. wenn ich ihn in einer Weise aufstellte, in der eine Hinterthüre zur Communication mit dem theologischen Bewußtseyn offen bliebe, in einer Weise, in der er zugleich geläugnet, heimlich revocirt würde) — daß nämlich die erste christliche Gemeinde allerdings insofern in dem Principe lebte, als vor dem Leben selbst, vor dem praktischen Elemente das eigentlich historische Interesse, wie es sich später in der Abfassung der Evangelien kund gibt, zurücktrat.“
445 Also „zurücktrat“! Zurücktreten ist, wie ich bereits in den Briefen über Herrn Dr. Hengstenberg gezeigt habe, ein ächt theologisches, ein dem Theologen unumgänglich nothwendiges Wort, ein Wort, mit dem die ganze Natur der geschichtlichen Entwicklung verdreht und jeden Augenblick verrückt gemacht werden kann, ein Wort, welches sich den Schein gibt, als gebe es die geschichtliche Entwicklung zu, sie aber nicht im Ernste und aufrichtig zugibt, denn, was zurücktritt, ist da und zwar nicht nur an sich da, sondern leibhaftig, mit Haut und Haaren da und steht nur hinter der Thür oder zwischen den Coulissen.
446 „Wir geben also (!) dem Satze gern soweit Recht, fährt Rec. fort No. 108, p. 857, als er nur gegen jene Ansicht gerichtet ist, welche die Evangelien gleich in der ersten christlichen Zeit geschrieben lassen seyn möchte.“
447 Das also war des Pudels Kern! Das hieß das Zurücktreten! Alles war schon da, nur noch nicht aufgeschrieben!
448 „Wir möchten gern noch wissen, was wohl in dem obigen Einwurf das Leben und das praktische Element“ seyn soll. Soll das historische Interesse vor einer andern Seite zurücktreten, so kann diese andere Seite des Gegensatzes doch nur ein Interesse an dem Allgemeinen, dem Wesen, allgemeinen Principien seyn. Was soll das Leben also?
449 Der Theologe kann die Frage nicht richtig, nicht scharf fassen. Ich spreche – indem ich bei der Sache bleibe – von verschiedener Bestimmtheit und von der Entwicklung der Theorie: erst die Theorie und Anschauung, die im Allgemeinen, bei den Elementen stehen bleibt und die Elemente in selbst noch allgemeiner Form, in einfachen positiven Sätzen gestaltet – waren es auch geschichtliche Sätze, daß Christus der Messias, daß er auferstanden ist, so sind diese Sätze doch allgemein – später Ausarbeitung ins Empirische, Einzelne. Praktisches Element, wenn es nicht allgemeine Grundsätze sind, was ist es? Leben, was ist es? Nichts, Nichts in dieser theologischen Unbestimmtheit. Gibt es Menschliches, ohne daß es sich in Bestimmungen, in Rede, in Gedanken, in Gestalten ausdrücke? Leben und praktisches Element im theologischen Sprachgebrauch sind selbst, so sehr die Theologen sich davor zu scheuen vorgeben, eine Kategorie, wenn auch in der Weise, daß sie bei allem frischen Aussehen und praktischer Aufgeblasenheit nur ein Wort, nur Dunst, Nebel, nur eine verkehrte, unfruchtbare, leblose Kategorie, die Kategorie der Impotenz und Verlegenheit sind. Leben im Munde des Theologen ist die Kategorie der reinen Unbestimmtheit, der Gegensatz gegen die Bestimmtheit des Denkens und der Wirklichkeit, die Empörung des Brutalen gegen das Menschliche, der Faust gegen die thätige, schaffende Hand, des Nichts gegen das Wirkliche.
450 Es ist die Waffe des Theologen gegen das wirkliche Leben, das Wort, womit alle vernünftigen Bestimmungen sinnlos gemacht werden, die jesuitische Finte, welche auch die andere Seite des Gegensatzes jesuitisch macht. Nicht das historische Interesse, sagt Rec., trat zurück vor dem Leben, sondern das „eigentlich“ historische Interesse, also das Leben, das praktische Interesse ist uneigentlich historisches Interesse, Alles ist Alles, je nachdem man es eigentlich oder uneigentlich nimmt, Alles ist Nichts.
451 Das sind die jesuitischen Antithesen, die sich gegenseitig Schnippchen schlagen, sich verhöhnen und keinen Sinn, keinen Halt, noch Zusammenhang haben.
452 Daß ein Satz wie der meinige, das Bestimmte und Einzelne gestalte sich erst, wenn das Wesen und das Allgemeine einem Lebenskreise zum Gemeingut und festem Besitze geworden ist, in einer Schrift, deren ganzer Standpunkt ein philosophischer ist, einen Platz finden konnte, „sey zu verwundern“, sagt Rec. No. 108, p. 857. Es sey vielmehr das allgemeine Gesetz der geschichtlichen Entwicklung, daß ein Princip immer erst in ganz unmittelbarer Weise, in concreter Gestalt auftritt, ehe es in seiner abstracten Allgemeinheit erfaßt wird.
453 Der Theologe, das ist allgemeines Gesetz, widerlegt philosophische Bestimmungen, ohne sie zu verstehen, er widerlegt sie um so besser, je weniger er von ihnen versteht, und Bestimmungen, in denen sich das historische und logische Gesetz durchdringen, wird er gewiß und sicherlich durch eine recht hohle Abstraction verschlingen lassen.
454 Ist unmittelbare Weise und concrete Gestalt dasselbe? So wenig, wie die Elemente schon die Gestaltung sind, die in der organischen Welt gegeben ist. Das Unmittelbare eines Anfangs kann auch abstract, ja das Abstracteste von der Welt seyn.
455 Ferner: sage ich, daß das Princip zuerst in abstracter Allgemeinheit vorhanden gewesen sey? Ich sage es, je nachdem man es richtig und vernünftig versteht.
456 Habe ich überhaupt mit solchen Worten wie abstract, concret die Sache abzumachen gemeint? Habe ich diese Worte überhaupt im Munde geführt? Ich habe mich sehr wohl gehütet, mit ihnen verschwenderisch zu seyn, weil ich weiß, daß die Theologie in den Besitz dieser Worte getreten ist - wenn eine Philosophie sich fortentwickelt, eignet sich die Theologie immer die Stichworte des alten Standpunktes an, um mit ihnen ihr Spiel zu treiben. Ich entwickelte lieber die Sache mit etwas gewöhnlicheren Worten. Die Kritik spricht deutsch, die Theologie lateinisch.
457 Sage ich, daß das Christenthum zuerst in der abstracten Form seines Princips ausgesprochen, zuerst in abstracter Allgemeinheit gefaßt sey? Nein! sondern: in Form von Grundsäßen und nicht in Form von Anekdoten. Diese Grundsäße sind allgemein, insofern sie den Boden dieser bestimmten, der christlichen Welt bilden, eben deshalb aber sind sie zugleich sehr bestimmt: z. B. Jesus ist der Messias, Christus ist auferstanden, er hat das Gesek aufgehoben, das Gesek bindet den Gläubigen nicht mehr das ist aber noch nicht Geschichte davon, wie sich Christus in besondern Fällen und zu den besondern Geboten des Gesekes verhalten habe, das sind noch nicht Anekdoten, wie Jesus und unter welchen besondern Umständen er gekreuzigt und auferstanden ist.
458 Jene allgemeinen Säße sind also an ihnen selbst Facta, geschichtliche Aussagen, aber noch nicht Anekdoten, noch nicht suetonische Biographie.
459 Diese ersten Säße: Jesus ist der Messias, ist auferstanden, ist das Ende des Gesezes sind nun, indem sie zugleich allgemeine Grundsäße und die wesentlichen Bestimmungen dieser Welt bilden, in dieser geistigen Welt zugleich die unmittelbare Weise - um einmal dieses Wort zu gebrauchen - in der das Princip zuerst und überhaupt da ist, die concrete Gestalt, in der das Princip überhaupt zunächst für das Bewußtseyn ist, die Gestalt, die dann wegen des Mangels der Entwicklung eben so sehr abstract genannt werden kann. In ihnen ist überhaupt erst das Seyn des Princips ausgesprochen: Jesus ist der Christus, ist auferstanden, - diese Säße sind demnach, weil das einfache Seyn ihren Inhalt bildet, allgemein und sie haben für die Welt, in der sie gelten, den Werth von Principien.
460 Daß in der Entwicklung und Geschichte der geistigen Welt - und in der Welt des Geistes ist es doch auch nur, daß die Entwicklung der Religion vor sich geht - allgemeine Sätze unmittelbare concrete Gestalt haben und bei alle dem abstract seyn können, wird der Theologe niemals verstehen lernen, weil er das Unmittelbare und Concrete nur in dem sieht, was mit Händen gegriffen werden kann.
461 Näher faßt Rec. die erste „unmittelbare und concrete“ Erscheinung des christlichen Princips so auf (ebend.), daß „der Stifter der Gemeinde sein neues Princip nicht in allgemeiner, abstracter Fassung, sondern in rein praktischer concreter Weise mit Bezug auf die einzelnen Verhältnisse des Lebens aussprach und daß es sich nur darum handelte, das Princip zu seiner Allgemeinheit zu erheben.“
462 Also Jesus gab das Princip nur gelegentlich, nur in der strengen Beschränkung auf zufällige Anlässe und die Gemeinde führte dasselbe aus dem Zufall in die Nothwendigkeit, aus dem Hause in die Schule, von der Straße in die Kirche.
463 - Gut! Wir wollen die Sache einmal genauer fassen. Jesus verletzte z. B. das Sabbathsgesetz - wir sehen nämlich diesen oder jeden andern Fall nach der theologischen Vorausseßung des Rec. Konnte er es nun verletzen, ohne seine allgemeine Berechtigung zu wissen? Gewiß nicht! Aber kurz und gut, er verletzte die jüdische Satzung. Die Späteren nun machten daraus erst ein Gesetz? wie? Aus einer gelegentlichen That Jesu? Ist es nicht vielmehr Gesetz, daß das bloß Gelegentliche, wenn es gelegentlich bleibt, sehr bald spurlos vorübergeht?
464 Es konnte sich nur erhalten, wenn es auffiel, und das nicht nur, sondern wenn es auch besprochen wurde. Rec. nimmt auch an, daß Jesus sich darüber aussprach. Was sprach er aber? Was konnte er allein sprechen? Wieder nur ein gelegentliches Wort über diesen Vorfall? Konnte er sich verantworten, wenn er nicht das Allgemeine, das Gesetz zur Sprache brachte? Ist es nicht das Erste, was wir von einem mündigen Menschen in solchen Fällen fordern und erwarten, daß er allgemeine Gesichtspunkte aufzustellen weiß? Durste Jesus, wenn er das Allgemeine wußte, es verschweigen? Niemand wird sich beruhigt haben, wenn er es nicht zur Sprache brachte. Geschah dieß aber und hatte er das Allgemeine noch dazu durch die That anschaulich gemacht und eingeprägt, dann soll man sich erst später noch lange haben streiten müssen, um allgemeine Gesichtspunkte zu finden und zu firiren?
465 Der Streit der ersten Kirche über solche Dinge wie über die Auffassung und Gültigkeit des Gesetzes, war nur möglich, wenn das Beispiel und der Vorgang Jesu noch nicht gegeben war. Erst stritt man sich vielmehr über die Principien und dann, als sie gefunden waren, bestätigte man sie durch Sprüche und durch das Beispiel Jesu, durch Anekdoten. Den spätern Ursprung dieser Sprüche und Anekdoten habe ich übrigens aus ihnen selbst bewiesen.
466 Auf die Paulinischen Briefe, sagt Rec. ebend., dürfe ich mich nicht berufen. Paulus könne nicht in Betracht kommen. Wie ganz isolirt (ebend.) und von unaufhörlichen Kämpfen in Anspruch genommen erscheint uns denn auch die Gestalt dieses Mannes eben in jenen Briefen.“
467 Das ist die theologische Sprache! Der Mund des Theologen ist jener Brunnen, aus dem zugleich Süßes und Bittres, Ja und Nein quillt. Der Theologe ist dabei der guten Meinung ein einfaches Ja, Ja! oder Nein, Nein! auszusagen. Ist aber der Kämpfende isolirt? Wenn er unaufhörlich kämpft, steht er dann nicht auch unaufhörlich in Conflict und Berührung mit seiner Umgebung? Muß er nicht in Alles eingreifen? Auf Alles achten? Alles auf sich beziehen? Hätte sich nicht Paulus auf das Beispiel Jesu berufen müssen, auf die Voraussetzungen, die dort, wo und wogegen er kämpfte, galten, wenn sie bereits vorhanden waren?
468 „Das Judenchristenthum“ hielt an der Form des christlichen Princips fest, wie es dessen Stifter in seiner Person veranschaulicht hatte! (p. 858.) „Die Tradition“ habe dem Leben der ersten, nämlich der judenchristlichen Gemeinde „seinen bestimmten Inhalt“ gegeben.
469 Da nun Rec. annimmt, daß die Tradition in den Evangelien fixirt vorgefunden werde, so hätte er nachweisen müssen, daß die Evangelisten, die das Besondere des Lebens Jesu schriftlich fixirten, Judenchristen waren oder, was dasselbe ist, daß unter den Judenchristen die Anschauungen herrschten, die sich in den Evangelien vorfinden. Der Rec. müßte also das Unding beweisen, daß die Judenchristen über das Gesez und dessen Geltung, über den Ursprung Jesu so denken konnten, wie sie denken mußten, wenn sie im Besiß der Tradition waren, die in den Evangelien fixirt seyn soll.
470 Da nun Rec. annimmt, daß die Tradition in den Evangelien fixirt vorgefunden werde, so hätte er nachweisen müssen, daß die Evangelisten, die das Besondere des Lebens Jesu schriftlich fixirten, Judenchristen waren oder, was dasselbe ist, daß unter den Judenchristen die Anschauungen herrschten, die sich in den Evangelien vorfinden. Der Rec. müßte also das Unding beweisen, daß die Judenchristen über das Gesez und dessen Geltung, über den Ursprung Jesu so denken konnten, wie sie denken mußten, wenn sie im Besiß der Tradition waren, die in den Evangelien fixirt seyn soll.
471 Die Evangelien sind geschrieben und ihrem Inhalte nach erst gebildet, als der Kampf mit den Judenchristen der Hauptsache nach entschieden war und das christliche Princip, so weit es ihm in seiner kanonischen und biblischen Form möglich war, sich von den jüdischen Fesseln befreit hatte.
472 Die Evangelien sind geschrieben und ihrem Inhalte nach erst gebildet, als der Kampf mit den Judenchristen der Hauptsache nach entschieden war und das christliche Princip, so weit es ihm in seiner kanonischen und biblischen Form möglich war, sich von den jüdischen Fesseln befreit hatte.
473 Der Kampf der Judenchristen und der paulinischen Richtung ist unmöglich, wenn der Inhalt der Evangelien gegeben, er ist auch nicht so zu denken, wie man ihn sich gewöhnlich vorstellt, daß von vornherein für die Judenchristen, die nach dem Rec. den ersten und einzigen Stamm der Gemeinde bildeten, da erst der Paulinismus „das eigentlich geistige Element“ in die Kirche brachte, die Tradition und Geschichtsanschauung vom Leben Jesu als fertig vorhanden war.
474 Der Kampf der Judenchristen und der paulinischen Richtung ist unmöglich, wenn der Inhalt der Evangelien gegeben, er ist auch nicht so zu denken, wie man ihn sich gewöhnlich vorstellt, daß von vornherein für die Judenchristen, die nach dem Rec. den ersten und einzigen Stamm der Gemeinde bildeten, da erst der Paulinismus „das eigentlich geistige Element“ in die Kirche brachte, die Tradition und Geschichtsanschauung vom Leben Jesu als fertig vorhanden war.
475 B. B. die Sache d. Wiss.
476 Sondern die Judenchristen sind diejenige Parthei des jüdischen Lebens, die zuerst die Anschauung vom Messias zum Reflexionsbegriff erhob und sich in der Form, in der sie in den paulinischen Briefen erscheint, erst constituirte und befestigte, als Paulus den Bruch mit dem Judenthum entschied und dadurch jener jüdischen Parthei es möglich machte, sich aus dem Schooß des Judenthums abzusondern, weil ihr Interesse nun nach außen ging und sie sich gegen eine Parthei richten mußte, die auch den Messias bekannte, aber sich von dem Gesez frei machte.
477 Wenn übrigens Rec. (ebend.) sagt, daß auch in der ursprünglichen Tradition die Seite der evangelischen Sage, die sich von selbst (!) als die trübere erkennen läßt, (dem Theologen versteht sich Alles von selbst) die mehr äußerliche, die Wundersage u. s. w. (ein theologisches u. s. w.!) zurücktrat“, so hätte er uns doch bestimmter sagen sollen, was die Tradition ohne die „trübere Seite, die mehr (!) äußerliche, die Wundersage“ und ohne das „u. s. w.“ gewesen sey. Wahrscheinlich dasselbe Nichts, worin Alles besteht, was der Theologe sagt, spricht, denkt und was für den Theologen überhaupt vorhanden ist.
478 Und von allen solchen Behauptungen sagt der theologische Recensent immer: „es ergibt sich, es ergibt sich auch, es ergibt sich übrigens, es ergibt sich ebenfalls.“
479 Woraus ergibt sich das Alles? Nur daraus, daß der Theologe Alles kann, Alles ausrichtet, was er will, mit Einem Worte ausführliche Untersuchungen und Beweise widerlegt.
480 „Aus dem Gesagten (fährt Rec. fort p. 859) ergibt sich ebenfalls, was es mit der Behauptung auf sich habe, daß das Bewußtseyn der Gemeinde, nachdem das Princip festgestellt gewesen sey, einzelne Anschauungen daraus gebildet habe und daß so die evangelische Geschichte der Synoptiker entstanden sey.“
481 Der Theologe braucht gegen mein Buch nur etwas zu sagen — was er sagt, habe ich beleuchtet — um als Ergebniß auszusprechen, daß ein entwickeltes Princip, ein durch alle philologischen, historischen, ästhetischen, religionsphilosophischen Momente hindurchgeführter Beweis Nichts — gar Nichts sey. Er braucht nur zu sagen und aus dem Gesagten, was er will, sich ergeben zu lassen.
482 Rec. kommt auf das zu sprechen, was ich über das gegenseitige Verhältniß der synoptischen Evangelien ausgeführt habe. Mit einer „Bemerkung“, sagt er, — dem Theologen verkehren sich nämlich alle Beweise in „Bemerkungen“ — mit einer „Bemerkung, die das Verhältniß der Synoptiker betrifft“, setzte ich mich mit der vorhergehenden — nämlich der „Bemerkung“, daß das Allgemeine der Ausarbeitung ins Einzelne vorangegangen sey — in seltsamen Widerspruch.“ (p. 859.) Der Widerspruch sey der, daß ich das Marcusevangelium mit seiner sorgfältigen Ausarbeitung des Einzelnen für das frühere, das des Matthäus mit seinen allgemeinen abstracten Formeln für später halte.
483 Man sieht, dem Theologen sind allgemeine Bestimmungen Querhölzer, auf die er Alles, Alles ohne Unterschied spannen muß. Doch er thut mehr; er geht auch auf die Sache ein.
484 „Mußte nicht vielmehr, fragt er p. 859, 860, bei der ersten schriftlichen Firirung der evangelischen Geschichte, als man der ersten Zeit, in welcher das praktische Interesse überwog, noch näher stand, mußte da nicht ebenfalls (!) dieß praktische Interesse noch vorherrschen, während erst allmählig auch das Aeußere, Historische mehr Wichtigkeit bekam?“
485 Gibt es Geschichtschreibung ohne Aeußerlichkeit? Nun, ich zeige auch bloß – und zwar in jedem Abschnitte – daß Marcus wirklich wie ein Mensch schreiben kann, daß er nur schreiben konnte, weil er zuerst gestaltete, wenn er nach Zusammenhang und verständiger Motivirung trachtete, daß er nach Zusammenhang trachten mußte, wenn er nicht seine Sachen in die Luft schreiben wollte. Weiter Nichts! Ich zeige bloß – und wiederum in jedem Abschnitte – daß Lukas und Matthäus, da, wo sie nichts Neues schaffen, Abschreiber sind, das Evangelium des Marcus schlecht abgeschrieben haben und schlecht abschreiben mußten, weil das religiöse Bewußtseyn, wenn es einmal eine positiv gegebene Gestalt vor sich hat, nicht mehr auf die Motive und den Zusammenhang achtet. Weiter Nichts!
486 Wie „abstract“ ist es, zu fordern, daß dann, wenn sich allgemeine Anschauungen zu besondern Gestalten geformt haben, die Sache zu Ende sey. Der Theologe wird die Entwicklung nicht aufhalten, noch es verhindern können, daß sich das allgemeine religiöse Bewußtseyn nicht wieder gegen seine besonderen Schöpfungen richte und sie ins Abstracte, Gleichgültige, endlich in das Nichts zusammenziehe.
487 Der Theologe muß selbst noch in unserer Zeit den Fortgang und Fortschritt dieser Entwicklung beweisen. Ist er es nicht, der ungeheure Massen der evangelischen Geschichte „zurücktreten“ läßt? Ist es nicht sein Bewußtseyn, in welchem die gröberen Stoffe der Evangelien, die „mehr äußerliche, die Wundersage“ aufgelöst und verflüchtigt - allerdings in theologischer Weise - in der Weise, die ich in meinem Buche geschildert habe - verflüchtigt werden? Und ist es nicht gerade der Höhepunkt, den die Religiosität in unsern Tagen erstiegen hat, daß es als Axiom gilt, die Religion würde fortbestehen, wenn es sich auch zeige, daß Manches in den Evangelien nicht richtig sey? Ist es nicht so weit gekommen, daß die Religiosität so kühn ist zu sagen: nehmt mir immerhin die Evangelien, die Religion bleibt mir doch?
488 Nun, jede Zeit drückt das anders aus. Matthäus zu seiner Zeit, als er seine Compilation verfertigte, bewies nur die nachlässige Gleichgültigkeit des allgemeinen religiösen Bewußtseyns gegen die endlichen und verächtlichen Bestimmungen des Zusammenhangs und der Motivirung. In jedem Falle aber gehen die besondern Producte des allgemeinen Bewußtseyns in dieses wieder zurück. In der Zeit nach der Abfassung der Evangelien suchte die Kirche in ihnen ihre Dogmen. „Beruft sich B. Bauer (p. 860) auf den gewöhnlichen (so?) Gang der Geschichtschreibung, so entgegnen wir ihm, daß wir in der evangelischen Geschichte keine Geschichtschreibung in dem Sinne, wie das Wort hier verstanden werden muß, erkennen.
489 So? Doch so ist es Recht! Geschichtschreibung, aber nicht in dem Sinne, in dem man sonst von Geschichtschreibung spricht! Geschichtschreibung, aber keine eigentliche Geschichtschreibung! Nun bin ich vernichtet.
490 So leicht macht es sich der Theologe, wenn er „die göttliche Kunst der heiligen Geschichtschreibung“ schildern, die Gesetze der göttlichen Aesthetik angeben sollte!
491 Rec. fährt in seiner Entgegnung fort in demselben Satze, dessen herrlichen Strom ich so eben aufgehalten habe: „daß wir in ihr nur die kunstlose Fixirung der Ueberlieferung sehen.“ Jezt ist Alles entschieden, wenn wir erfahren, was der Theologe in der evangelischen Geschichte sieht.
492 Spreche ich denn aber nur von Kunst, von Künstlichkeit in meinen kritischen Beweisen? Nein! Von der Thätigkeit des Selbstbewußtseyns.
493 Der Ueberlieferung, schließt jener dictatorische Satz, „die nur eben durch diese Unbefangenheit und die eigenthümliche Kraft des Gegenstandes einen poetischen Anstrich erhält.“
494 Der theologische Strauß steckt seinen Kopf in einen Busch. Wer meine Schrift nicht kennt, muß meinen, ich hätte die Evangelien für poetische Wunderwerke erklärt, und die Rede ist doch einzig und allein nur davon, wie viel Antheil die Subjectivität der Evangelisten an der Gestaltung der heiligen Geschichte habe.
495 Wenn ich übrigens die Conceptionen und die Darstellung des Marcus künstlerisch nenne, so ist es klar, daß es nur als relativ und in Vergleich mit den Arbeiten des Lukas und Matthäus zu verstehen ist. Jeder muß das wissen, der nur einen Blick darauf geworfen hat, wie ich die Darstellung des Marcus auflöse und an ihr die in dem religiösen Bewußtseyn begründeten Inconvenienzen, Widersprüche und Häßlichkeiten nachweise.
496 Im vierten, dem spätesten Evangelium, entgegnet von neuem der Rec. (ebend.), ist doch „das Aeußere großentheils sehr ausgemalt und die Anlage weit planmäßiger.“ Dem Theologen, dessen Freude das Aeußere ist, es mag todt oder lebendig seyn, habe ich – nicht mit ein Paar Worten, nicht in einem prekären oder dreist hingeworfenen Satz, sondern in einer Schrift – gezeigt, daß der Organismus des vierten Evangelium ein lebloser Schein ist, der sogleich verfliegt, wenn man ihn mit Ernst behandelt. Ich habe gezeigt, wie das Aeußere ausgemalt ist, wie im vierten Evangelium das religiöse Bewußtseyn über die Plastik des Urevangeliums und über dasjenige, was in den Schriften des Lukas und Matthäus noch Form und Gestalt hat, vollständig gesiegt hat, und wie das Anschauliche und Bestimmte der vorhergehenden Geschichtschreibung hier ins Nebelhafte, Gemachte, Gezierte und maaßlos Uebertriebene übergegangen ist.
497 Die Vorgeschichte!
498 „Das Fehlen der Vorgeschichte“, bemerkt Rec. p. 861, sey noch nicht ein entscheidender Grund für die Priorität des Marcusevangelium; aber allerdings sey es der scheinbarste.
499 Der Theologe ist leicht zu befriedigen. Ich habe es für gar keinen Grund ausgegeben. Positive Data vielmehr habe ich in dem Evangelium des Marcus selbst aufgesucht, die es beweisen, daß auf seinem Standpunkte, zu der Zeit, da es geschrieben ist, die Vorgeschichte noch nicht vorhanden war.
500 Der Theologe ist leicht zu befriedigen. Ich habe es für gar keinen Grund ausgegeben. Positive Data vielmehr habe ich in dem Evangelium des Marcus selbst aufgesucht, die es beweisen, daß auf seinem Standpunkte, zu der Zeit, da es geschrieben ist, die Vorgeschichte noch nicht vorhanden war.
501 „Die Acten in der Untersuchung über das Marcusevangelium sind noch bei weitem nicht geschlossen.“
502 Der Theologe ist sehr schwer, er ist gar nicht zu befriedigen, wenn man ihm Beweise und gründlich gearbeitete Werke liefert. Ihn befriedigen nur seine Voraussetzungen und dreisten Behauptungen.
503 „Um nur das Eine anzuführen – ächt theologische Formel, die sich den Schein des überschwänglichen Reichthums gibt und doch die theologische Anmaaßung, unmittelbar zu ſiegen, nur schlecht verhüllt – was läßt sich gegen die auch sonst schon aufgestellte Erklärung einwenden, daß eben wegen des Widerspruches zwischen den Begriffen der beiden andern Synoptiker der von diesen unabhängige Urheber des Marcusevangeliums die Vorgeschichte weggelassen habe?“
504 „Um nur das Eine anzuführen – ächt theologische Formel, die sich den Schein des überschwänglichen Reichthums gibt und doch die theologische Anmaaßung, unmittelbar zu ſiegen, nur schlecht verhüllt – was läßt sich gegen die auch sonst schon aufgestellte Erklärung einwenden, daß eben wegen des Widerspruches zwischen den Begriffen der beiden andern Synoptiker der von diesen unabhängige Urheber des Marcusevangeliums die Vorgeschichte weggelassen habe?“
505 Um nur das Eine – nämlich um nicht z. B. anzuführen, daß die Evangelisten noch keine Kritiker waren, weiter Nichts, als daß der Theologe erst von den kritischen Leistungen, die er beurtheilt, nähere Kenntniß nehmen und dann beweisen muß, daß des Marcus Ansicht z. B. von der Taufe Jesu, des Marcus Voraussetzung von dem Verhältniß Jesu zu seiner Mutter und Familie, die Voraussetzung, daß Jesus Geschwister hatte, die Vorgeschichte nicht ausschließe, daß diese Voraussetzungen nicht nur hier, im Evangelium des Marcus, Sinn und Bedeutung und ihren Platz haben und was von ihnen die beiden Andern aufgenommen haben, mit ihrem spätern Standpunkte und ihrer Vorgeschichte nicht in Widerspruch stehe.
506 Rec. kämpft dafür, daß Jesus aus davidischem Geschlecht habe hervorgehen müssen.
507 Rec. kämpft dafür, daß Jesus aus davidischem Geschlecht habe hervorgehen müssen. „Um den Gegensatz zu vollenden und die Sache zur Entscheidung zu bringen, habe ich mehr dafür gesagt als Rec., er hätte sich also auch um so mehr anstrengen müssen, das zu widerlegen, was ich dagegen ausgeführt habe, statt zu fragen, ob es denn wirklich etwas so Wunderbares, Auffallendes ist, daß der Stifter des neuen Princips (!) wirklich aus dem Geschlechte hervorging, an welches sich dasselbe (!) für das alte Testament knüpfte.“
508 „Um den Gegensatz zu vollenden und die Sache zur Entscheidung zu bringen, habe ich mehr dafür gesagt als Rec., er hätte sich also auch um so mehr anstrengen müssen, das zu widerlegen, was ich dagegen ausgeführt habe, statt zu fragen, ob es denn wirklich etwas so Wunderbares, Auffallendes ist, daß der Stifter des neuen Princips (!) wirklich aus dem Geschlechte hervorging, an welches sich dasselbe (!) für das alte Testament knüpfte.“ Das neue Princip, dessen Stifter (!) Jesus war, knüpft sich also bereits für das A. T. u. s. w.?
509 Das neue Princip, dessen Stifter (!) Jesus war, knüpft sich also bereits für das A. T. u. s. w.? Ist das Neue nicht die Aufhebung des A. T.? Oder gehen die „Stifter“ des Neuen nur aus den Fürstenhäusern des Alten hervor? Hatte ich Unrecht zu sagen, daß die Heroen des Neuen am Saum des Alten geboren werden und durch ihren Ursprung die innere negative Dialektik des Neuen gegen das Alte ausdrücken? Die Heroen eines neuen Princips pflegen homines novi zu seyn.
510 Nichts Wunderbares, Auffallendes finde ich in jenem prätendirten Ursprung, sondern läppisch finde ich die theologische Hartnäckigkeit, durchaus auf ihm zu bestehen.
511 Hätte doch der Rec. lieber darauf gehört, daß im Evangelium des Marcus die Bezeichnung Jeſu als des Meſſias nur Einmal vorkommt, daß nur dieſes Evangelium in dieſer Sage das richtige Maaß hält und mit dem Typus der evangeliſchen Geſchichte in Uebereinſtimmung bleibt und daß die Jünger, wenn Jeſus ſie fragt, was die Leute von ihm meinen, und ſie ſo fragt, daß er zugleich ihre Meinung wiſſen will, davon, daß er der Sohn Davids iſt, Nichts wiſſen.
512 Die Frage Jeſu: was ſagen die Schriftgelehrten, daß Christus der Sohn Davids ſey, habe nicht (p. 861), wie ich es erkläre, polemiſche Richtung gegen die Annahme, daß Jeſus Davids Sohn ſey. Allein, wie ich argumentirt habe – und Rec. hat dieſen Schluß nicht aufgelöſt – dieſe Frage hat dieſelbe Construction, dieſelbe Richtung, denſelben Sinn und Urſprung wie die andern: was ſagen die Schriftgelehrten, daß Elias erſt kommen muß? Wie in dieſer Frage die negative Richtung gegen die Forderung enthalten iſt, daß Elias unmittelbar ſelbſt wiederkommen oder der Täufer, wenn er der Vorläufer ſeyn ſolle, unmittelbar der Elias des A. T. ſeyn müſſe, ſo hat Marcus als die Anſchauung der Propheten vom Sohne Davids auf Jeſum übertragen wurde, jene andere Frage gebildet, um zu zeigen, daß dieſer Name nur ideal zu faſſen ſey.
513 In meiner Erklärung des Berichts von der übernatürlichen Erzeugung Jeſu kann Rec. „nur eine allzu unmittelbare Uebertragung des ſpäteren Bewußtſeyns ſehen, bei welcher die Geſchichte zu kurz kommt.“
514 Der Theologe hätte ſich gewiſſenhaft fragen ſollen, ob er recht ſah. Ich hätte, ſagt Rec., die betreffende Anſchauung nach Weiße's Vorgange „unmittelbar aus dem chriſtlichen Princip abgeleitet.“ Der Theologe auch als Berichterſtatter kann nicht die Wahrheit ſagen: er lügt. Weiße und ich, wir beſtimmen ja auch die Einflüſſe, welche die heidniſche Anſchauung auf die Ausbildung jener chriſtlichen hatte, ich ſpreche ſehr ausführlich von dem Verhältniß der Alttestamentlichen Vorausſetzungen dieſer Anſchauung zu ihr ſelbſt: Alles das hindert den Rec. nicht, einen Bericht abzuſtatten, der eben ſo ſchlotterig wie falſch, wir wollen nicht beſtimmen, ob mit oder ohne Willen eine Lüge, jedenfalls theologiſch iſt. Die theologiſche Lüge charakteriſirt es eben, daß in ihr Bewußtſeyn und Bewußtlosigkeit, Wille und Unüberlegtheit, Nachläſſigkeit und Abſicht ſich ſo durchdringen, daß ſie nicht mehr von einander unterſchieden werden können.
515 Als ob er nun Wunder wie Neues gegen mich vorbringe, entgegnet Rec. (p. 863): „wohl war das chriſtliche Princip die Grundlage, auf welche die Idee der übernatürlichen Erzeugung ſich ſtüßte, allein zu ihrer Entſtehung hatte ſie eine weitere geſchichtliche Vermittlung nöthig.“
516 Als ob nicht die Kritik die Momente dieſer Vermittlung, die Kräfte, die in dieſem Proceß wirkten, bezeichnet und charakteriſirt hätte.
517 „Der Glaube an die „übernatürliche Erzeugung ist Nichts als die Vollendung des A. T.lichen Messias-Begriffs, wie sie freilich erst auf christlichem Boden möglich war.“
518 Die Kritik entwickelt ausführlich, was es mit dieser Vollendung auf sich habe, der Theologe glaubt die Kritik zu widerlegen und ihr etwas Neues zu sagen, wenn er ihre Entwicklungen in einen starren, steifen Satz verwandelt.
519 „Auch in der Erklärung des Sternes der Magier schließt sich der Verf. (der also, wie Rec. daraus sehen kann, sehr gern sich belehren läßt und dem Rec. sogleich folgen würde, wenn er ihn zur Wahrheit führte) an Weiße an. Allein sehen wir auch zunächst nur auf die Erzählung selbst, wo ist denn hier der Gedanke angedeutet, daß in dem Heidenthum selbst ein Zug der Entwicklung zum Christenthum liege?“
520 Der Gedanke eben nicht; auch von meiner Andeutung ist nicht die Rede, als ob Matthäus mit Bewußtseyn auf diesen Gedanken habe hinweisen wollen; die Kritik sagt nur, Matthäus habe es in glücklichem Instincte so getroffen, daß der Stern jene Bedeutung erhielt.
521 Der Gedanke eben nicht; auch von meiner Andeutung ist nicht die Rede, als ob Matthäus mit Bewußtseyn auf diesen Gedanken habe hinweisen wollen; die Kritik sagt nur, Matthäus habe es in glücklichem Instincte so getroffen, daß der Stern jene Bedeutung erhielt.
522 „Der Stern ist ja vielmehr den Magiern nur als Zeichen von außen gegeben.“
523 Aber nur deshalb, weil die Idee erstlich plastisch, als einzelner Vorfall gefaßt, sodann weil sie religiös dargestellt ist. Auf dem religiösen Gebiete muß Gott allein geben und was er gibt von außen geben.
524 „Ueberdies aber, woher soll diese tiefe Idee kommen, daß das Heidenthum gleichsam in sich selbst einen Stern gehabt habe, der es zum Christenthum hinleitete? Wie sollte in einer Zeit, wo selbst ein Paulus im Heidenthum nichts Anderes als eine Verehrung Gott verfeindeter Dämonen sah, ein so tiefsinniger Mythus entstanden seyn?“
525 Die Zeit war aber auch eine solche, die das Heidenthum mit Gewalt zu sich ziehen wollte. Da erhebt sich das kämpfende Bewußtseyn zu Anschauungen, die ihm in dem Innern des Heidenthums eine Kraft zeigten, die sich mächtig dem neuen Princip entgegendrängt. Da treten Frauen auf, wie die Kanaaniterin, Männer wie der Hauptmann von Kapernaum, Heiden, die durch ihren Glauben selbst Israel beschämen.
526 „Jene Erzählung ist in Wahrheit ursprünglich - solche Sätze, die mit einem „ursprünglich“ die Erwartung erregen, daß nachher eine Entwicklung dessen folgt, was in der ursprünglichen Bestimmtheit noch enthalten ist, aber diese Erwartung unbefriedigt lassen, oder die Richtung, die sie nun einschlagen müßten, plötzlich verlassen, sind ächt theologisch - nichts Anderes als eine bildliche Anschauung von Christus als dem Stern, der auch den Heiden erschienen sey.“
527 Nun, liebe Seele, lege dir einmal diese Worte auseinander, und stehe zu, was sich aus diesem Ursprünglichen ergibt. Ist Christus der Stern, der den Heiden erschienen ist, haben sie dann nicht schon in ihrer Naturanschauung das Abbild dieses Urbildes verehrt? Hat das Symbol sie nicht zu der Wahrheit geleitet? Hat es also Matthäus nicht unwillkührlich sehr gut getroffen? Müssen wir wie der Theologe bei dem Sterne stehen bleiben, Nichts als den Stern angaffen, den Stern Stern seyn lassen und übersehen, daß der Stern auch im A. T., im Segen Bileams der Naturanschauung entlehnt ist, der Anschauung, die im Heidenthum Ernst und religiöse Anschauung war? Müssen wir theologisch bei dem Aeußern stehen bleiben, daß Gott den Stern geschickt habe, müssen wir nicht vielmehr daran denken, daß das Mittel, das Gott gebraucht, an sich sehr passend gewählt ist, daß die religiöse Anschauung, was sie dem Menschen von außen zukommen läßt, nirgend anderswoher nehmen kann, als aus dem Innern des Menschen, - denn bei aller scheinbaren Transscendenz kann sie doch nicht über den Menschen hinaus - daß also Gott dieses Mittel den Magiern - im Geheimen - aus dem Herzen genommen hat, wenn er, d. h. Matthäus sich die Sache auch nicht im Einzelnen, d. h. kritisch zurücklegte? Hat er nicht einen glücklichen Griff gethan? Einen glücklichen Griff in das Herz der Heiden? Nun, liebe Seele, weiter sagt die Kritik Nichts und weiter ist die Sache Nichts.
528 In Bezug auf die kritische Erklärung des Berichts von dem Verfahren des Herodes und der Flucht nach Aegypten, gibt Rec. (No. 109. p. 865) „allerdings gerne zu, daß u. s. w.“ gibt nämlich so ziemlich die Hauptsache zu, „allein keinesweges, fährt er fort, läßt sich so wie B. Bauer will, die Entstehung der Erzählung unmittelbar eben hieraus ableiten.“
529 Punktum! Nun ist die Sache abgemacht; nun ist die Kritik theologisch widerlegt und Rec. kann unmittelbar darauf hinzufügen, daß die Kritik über Strauß nicht hinausgekommen ist. Veni, vidi, vici ruft der Rec. Der Theologe spricht und es steht da, wie er gebeut.
530 „Allein keinesweges läßt sich hieraus, wie B. Bauer will u. s. w.“ Die Sache ist entschieden!
531 Nun kann Rec. sogleich (p. 865) darauf fortfahren: „Von selbst fällt mit dem bisherigen auch der Beweis, den B. Bauer für die Entstehung der Vorgeschichte aus dem Bewußtseyn der Evangelisten führt, als ob dieselbe nämlich wegen ihres inneren Zusammenhanges nicht aus der Tradition herstammen könne.“
532 Ja, wenn die heutigen Theologen noch im Besitz der Posaunen von Jericho wären! Ihre Vorgänger waren so glücklich, diese wunderbaren Trompeten zu besitzen und wenn sie die Mauern von weltlichen Systemen zum Fallen gebracht hatten, bei den Gläubigen Glauben zu finden. Der Glaube fehlt jetzt.
533 Als ob ich nur aus dem Zusammenhange den schriftstellerischen Ursprung der Vorgeschichte bewiesen hätte! Ich verweise einfach auf meine Beweisführung zurück.
534 Was die Vorgeschichte des Lukas und deren vermeintlichen Zusammenhang betrifft, nehme ich mit Unrecht an, meint Rec. p. 866, daß die Erzählung von Simeon die Spitze des Ganzen sey, indem hier auch auf die Heiden und das Leiden Jesu hingewiesen sey. „– aus dem bloßen Factum, daß es so ist, habe ich aber wahrlich keinen Schluß gezogen, sondern daraus, daß diese Wendung ins Universelle am Schluß nicht fehlen durfte!“
535 Daß man vom Theologen die Kenntniß des heiligen Textes nicht erwarten dürfe, habe ich in meiner Schrift oft nachgewiesen. „Das Heil, das allen Völkern bereitet ist, das Licht zur Offenbarung der Völker“ (Luk. 2, 31, 32) tritt nach der Ansicht des Rec. zurück. Der Theologe pflegt das Licht unter den Scheffel zu stellen.
536 „und die Hinweisung auf das künftige Leiden läßt sich schon daraus erklären, daß die Rede des Simeon doch einen eigenthümlichen Inhalt haben mußte.“
537 Welche Mißhandlung eines Schriftstellers! Schöne Art, mit seinen Schöpfungen fertig zu werden, zu sagen, er habe doch eben an dem und dem Orte eigenthümlichen Inhalt haben müssen. Er brauchte eben Inhalt, eigenthümlichen Inhalt und zog ihn mit einem blinden Griff aus der Schublade seines Gedächtnisses hervor. So leicht machen es sich nur Theologen!
538 Welche Mißhandlung eines Schriftstellers! Schöne Art, mit seinen Schöpfungen fertig zu werden, zu sagen, er habe doch eben an dem und dem Orte eigenthümlichen Inhalt haben müssen. Er brauchte eben Inhalt, eigenthümlichen Inhalt und zog ihn mit einem blinden Griff aus der Schublade seines Gedächtnisses hervor. So leicht machen es sich nur Theologen!
539 Wenn endlich Rec. nicht verstanden hat, was ich von der Chronologie der Vorgeschichte des Lukas und ihrem Zusammenhange mit dem folgenden Theil des Evangelium gesagt habe, so möge er meine Ausführung nur immerhin noch einmal durchlesen.
540 Seine Entdeckung aber, daß die Vorgeschichte des Lukas ebionitisch sey, also mit dem Evangelium selbst, welches offenbar paulinischen Charakters sey, nicht von demselben Schriftsteller ausgearbeitet seyn könne, hätte er uns etwas deutlicher machen sollen. Nur zu sagen: ich habe neues Land entdeckt, und uns keinen Boden zu zeigen, auf den wir unsern Fuß stellen können, ist doch eine gar zu große Schaamlosigkeit. Daß das Evangelium von dem Kinde, das von dem heiligen Geist gezeugt von der Wiege an das Licht der Heiden ist, ebionitisch sey, können wir doch nicht ohne Weiteres glauben, auch wenn es uns Jemand sagte, der kein Theologe ist.
541 „Besonders schwierig muß es B. Bauer werden, seine Ansicht von der Entstehung der Vorgeschichte des Matthäus mit dessen angeblicher Abhängigkeit von Lukas zu vereinigen“ (p. 866).
542 „Besonders schwierig muß es B. Bauer werden, seine Ansicht von der Entstehung der Vorgeschichte des Matthäus mit dessen angeblicher Abhängigkeit von Lukas zu vereinigen“ (p. 866).
543 Wie weit es schwierig ist, habe ich gezeigt und so gezeigt, daß es nicht erst der Vermuthung des Rec. bedarf. Es fragt sich aber nicht, ob es schwierig, sondern ob es wahr ist. Nur dem Theologen ist die Wahrheit schwierig, ja unmöglich. An ihr selbst ist sie sehr leicht, die Arbeit für sie ist nicht sauer und sie befreit uns von dem Ballast, ohne den wir nach der Ansicht der Theologie das Meer des Lebens nicht durchfahren können.
544 Warum merkte Matthäus nicht die Widersprüche zwischen seiner Vorgeschichte und der des Lukas? fragt Rec. (p. 867).
545 Antwort: weil er kein moderner Kritiker war, weil er sein Werk mit dem seines Vorgängers nicht kritisch verglich, weil er, wie ich gezeigt habe, einen andern Mittelpunkt nahm.
546 In der Art und Weise, wie Matthäus das Benehmen des Joseph bei der Schwangerschaft der Maria schildert, zeige ich das Werk der spätern Reflexion auf.
547 In der Art und Weise, wie Matthäus das Benehmen des Joseph bei der Schwangerschaft der Maria schildert, zeige ich das Werk der spätern Reflexion auf. „Allein die Darstellung des Matthäus, entgegnet Rec. p. 867, geht gar nicht darauf aus, das Benehmen des Joseph zu erklären, vielmehr hat sie dabei den ganz ideellen Zweck, das Wunderbare der Geburt zu veranschaulichen.“
548 Der Theologe kann nicht, kann durchaus nicht lesen. Ich sage es ja nicht, ich führe es aus, daß Matthäus das Wunder nicht bloß anschaulich, sondern recht gewiß machen will. Ich führe es aus, weshalb: um mit dem Zweifel des Joseph den Zweifel überhaupt zu heben. Joseph muß zweifeln, damit er überzeugt, damit die Sache in das empirisch Documentirende, in den juristischen - theologisch - juristischen - Zeugenbeweis herabgezogen und alle Möglichkeit des Zweifels beseitigt werde.
549 „Von hieraus betrachtet, fährt Rec. fort, ist die Darstellung gewiß die natürlichste von der Welt.“
550 Als ob ich sie wegen Unnatürlichkeit angeklagt habe! Bei der Sache kann der Theologe nicht bleiben.
551 Ich falle in einen Widerspruch, meint Rec., wenn ich sage, daß Matthäus Bethlehem unbefangen als Wohnort der Eltern Jesu voraussetze, während ich ihn in Bezug auf Josephs Benehmen befangen seyn lasse (p. 867).
552 Was es mit der letzteren Befangenheit auf sich habe, ist so eben gezeigt d. h. habe ich, nachdem ich es in meiner Schrift entwickelt, kurz wiederholt.
553 Warum aber setzt Matthäus die Eltern Jesu ohne Weiteres und von vornherein in Bethlehem voraus, während Lukas einen besondern Hebel braucht, um sie dorthin zu schaffen? Weil ihm nachher die Wanderungen nach Aegypten und Nazareth Mühe genug machen, weil er dieser Wanderungen wegen vorher eines festen Ausgangspunktes bedurfte und weil dieser nicht Nazareth seyn konnte, da erst ganz besondere Gründe und Anstalten nothwendig seyn sollten, um das Jesuskind dorthin zu schaffen.
554 Daß ich gerne und bereitwillig lerne, denke ich, hat meine wissenschaftliche Entwicklung gezeigt. Wenn aber die theologischen Belehrungen Faselei, die Faselei der Unfähigkeit, Beschränktheit, also der Anmaaßung sind, so wird man es dem Kritiker nicht verdenken, wenn er unwillig wird. Nur der Umstand, daß der Theologe nicht anders sprechen und beurtheilen kann, daß er die theologische Gränze seiner Einsicht — mag noch so weit hinausgerückt seyn — Alles, was über diese Gränze hinausgeht, mißverstehen und gewissenlos leichtsinnig behandeln muß, kann dem Kritiker diesen theologischen Anmaaßungen gegenüber die Geduld sichern, ihm bei der Betrachtung der theologischen Bedenken Ausdauer und seiner Beleuchtung derselben ein allgemeines Interesse geben.
555 Wir fahren fort, die theologischen Wendungen des Rec. ins Auge zu fassen.
556 Nie wird ein Theologe, wenn er von seinem kritischen Gegner Etwas gelernt hat, die Bemerkung unterdrücken können, daß es mit dem neuen Funde doch weiter Nichts Besonderes auf sich habe, er wird vielmehr eine Wendung gebrauchen, wodurch die Sache so viel wie möglich auf ihren alten Stand zurückgeführt wird; d. h. er wird uns zeigen, daß er in der That Nichts gelernt hat.
557 Indem Rec. über meine Kritik der evangelischen Berichte von der Wirksamkeit des Täufers spricht, erklärt er seine Zustimmung zu demjenigen, was ich über die messianischen Erwartungen der Juden zur Zeit Jesu ausgeführt habe, bemerkt aber, dieser Ausführung sey keine wichtigere Bedeutung beizulegen, „weil, auch ohne daß der Messias-Begriff unter den Juden jener Zeit selbst schon eine Ausbildung erlangt hatte, die alttestamentliche Anschauung doch ihren Einfluß auf die evangelische Geschichte ausüben konnte.“ No. 109. p. 869. Rec. spricht, als ob ich diesen Einfluß geläugnet, er spricht, als ob er etwas völlig Neues vorbringe, als ob es erst seiner Vermuthung bedurfte, um der Möglichkeit dieses Einflusses ihre Anerkennung zu sichern, und ich nicht vielmehr diesen Einfluß als einen wirklichen nachgewiesen hätte. Rec. sah nicht den Unterschied, der darin liegt, ob ein bereits fertiges messianisches System von Anfang an die evangelische Geschichtschreibung bestimmt habe oder ob es erst eines neuen Princips bedurfte, um die zerstreuten prophetischen Anschauungen in reflectirten Zusammenhang zu sehen.
558 Indem Rec. über meine Kritik der evangelischen Berichte von der Wirksamkeit des Täufers spricht, erklärt er seine Zustimmung zu demjenigen, was ich über die messianischen Erwartungen der Juden zur Zeit Jesu ausgeführt habe, bemerkt aber, dieser Ausführung sey keine wichtigere Bedeutung beizulegen, „weil, auch ohne daß der Messias-Begriff unter den Juden jener Zeit selbst schon eine Ausbildung erlangt hatte, die alttestamentliche Anschauung doch ihren Einfluß auf die evangelische Geschichte ausüben konnte.“ No. 109. p. 869. Rec. spricht, als ob ich diesen Einfluß geläugnet, er spricht, als ob er etwas völlig Neues vorbringe, als ob es erst seiner Vermuthung bedurfte, um der Möglichkeit dieses Einflusses ihre Anerkennung zu sichern, und ich nicht vielmehr diesen Einfluß als einen wirklichen nachgewiesen hätte. Rec. sah nicht den Unterschied, der darin liegt, ob ein bereits fertiges messianisches System von Anfang an die evangelische Geschichtschreibung bestimmt habe oder ob es erst eines neuen Princips bedurfte, um die zerstreuten prophetischen Anschauungen in reflectirten Zusammenhang zu sehen.
559 „Von selbst versteht sich ferner, fährt Rec. ebend. fort, daß wir auch bei diesem Theile der Untersuchung (über die Wirksamkeit des Täufers) davon zu abstrahiren haben, was über das Verhältniß der Synoptiker berichtet wird.“
560 Davon zu abstrahiren, ist für den Theologen allerdings sehr leicht, wenn er auch die ausführlichsten und gründlichsten Untersuchungen dabei zu ignoriren hat, um so leichter ist es ihm, da es sich von selbst versteht, daß er davon zu abstrahiren hat.
561 Der Theologe hat das Recht, ohne Weiteres das Gegentheil von dem, was der Kritiker beweist, als richtig und gewiß zu behaupten.
562 „Wenn Marcus einzelne Züge nicht hat, die wir bei Matthäus finden, so kann dies ja eben so sehr daher rühren, daß seine Darstellung eine abgekürzte ist.“
563 Kann? Allerdings! Aber kommt es denn auf eine so leere und gedankenlose Möglichkeit an? Habe ich einer solchen noch Platz gelassen? Soll allein das Kurz oder Lang entscheiden? Habe ich jemals aus der Kürze oder Länge auf die Ursprünglichkeit geschlossen? Nein! Das Verhältniß der Glieder untereinander, ihr innerer Zusammenhang oder Widerspruch, ihre innere Natur: das ist es, woraus ich auf das Verhältniß der Berichte schließe und woraus es sich auch ergibt.
564 „Für seinen (!) spätern Ursprung spricht besonders die Bemerkung, daß er von der Predigt des Täufers gar Nichts berichtet, als eben das, was nach B. Bauer selbst am entschiedensten unhistorisch ist.“
565 Am Ende habe ich also behauptet, daß dasjenige, was die beiden Andern mehr haben, weniger unhistorisch sey oder möglicherweise historisch seyn könne? Ich habe vielmehr nachgewiesen, daß es zu dem Kern, den wir in der Schrift des Marcus finden, in keinem innern Verhältniß, sondern vielmehr in Widerspruch stehe, daß es in sich selbst haltungslos sey und durch seine inneren Widersprüche zerfalle.
566 Rec. kommt zu meiner Kritik der Berichte über die Taufe und Versuchung Jesu.
567 „Was die erstern betrifft, so ist die Bedeutung der Darstellung des Matthäus eine andere, als der Verf. will.“ (Ebend. p. 870). Bin ich nun nach der großen Ausführung, die ich über diesen Punkt mitgetheilt habe, etwas neugierig, so muß ich hören: „ste (jene Bedeutung) ergibt sich von selbst, sobald es einmal anerkannt ist, daß die Taufe Jesu für die erste christliche Anschauung Nichts Anderes als die messianische Salbung ist.“
568 Rec. sagt, ich hätte diese Bedeutung geläugnet. Ich frage: wo? Das Ergebnis – nicht, was sich von selbst ergeben hat, sondern das Ergebniß einer gründlichen Untersuchung ist vielmehr, daß die Taufe als die Einweihung Jesu zu seinem messianischen Werke nur in der Schrift des Marcus Sinn, Bedeutung und Platz habe, nicht aber in den andern Evangelien, in denen sie mit dieser ihrer Bedeutung gegen die spätern Voraussetzungen in Widerspruch steht.
569 Rec. sagt, ich hätte diese Bedeutung geläugnet. Ich frage: wo? Das Ergebnis – nicht, was sich von selbst ergeben hat, sondern das Ergebniß einer gründlichen Untersuchung ist vielmehr, daß die Taufe als die Einweihung Jesu zu seinem messianischen Werke nur in der Schrift des Marcus Sinn, Bedeutung und Platz habe, nicht aber in den andern Evangelien, in denen sie mit dieser ihrer Bedeutung gegen die spätern Voraussetzungen in Widerspruch steht.
570 Bekämpft und als haltlos nachgewiesen habe ich nur die Annahme, daß die Taufe Jesu die Weihe zu seinem Beruf sey, wenn sie unter der Voraussetzung, daß er der Messias war, als geschichtlich gelten soll. Das ist ein großer Unterschied.
571 „Die Antwort, welche Jesus (Matth. 3, 15) gibt, hat ganz einfach den Sinn, daß diese Taufe in der göttlichen Ordnung (sofern sie nämlich die messianische Salbung seyn soll) begründet sey.“
572 Was soll denn aber damit ausgerichtet seyn? Was gewinnt der Theologe, wenn er meine Abhandlung ignorirt und die Sache auf dem Punkte zurückhält, der eben von der Kritik erst noch zu untersuchen ist und sich als unhaltbar beweist? Was hilft es ferner dem Theologen, kurzweg meine Beweise zu wiederholen und indem er dem Schriftsteller die Sage substituirt, zu sagen: „die Aeußerung des Täufers ist Nichts Anderes als ein Einwurf, den sich die Sage selbst in der Person des Täufers macht, wie denn nämlich die Taufe Jesu durch den Täufer mit deren beiderseitiger Stellung zu vereinigen seyn soll“? Stoßt doch erst meinen Beweis um, daß jene Antwort Jesu eine theologische Ausflucht, eine leere Tautologie, so gut wie keine Antwort ist und daß sie mit der Weigerung des Täufers, Jesum zu taufen, erst auf dem Standpunkte möglich war, auf welchem andere Vorausseßungen galten, als auf demjenigen, den Marcus einnahm!
573 Der Theologe, dem es vor allem um „eine geschichtliche Grundlage des Berichts“ zu thun ist, ist im Stande, die von der Kritik hinreichend beleuchtete Faselei zu wiederholen (p. 871), daß das Taufwunder, wie wir dasselbe bei Matthäus und Marcus erzählt finden, unläugbar (!) Nichts Anderes ist als eine Warnung für das theologische Bewußtseyn. Vision Jesu, die allerdings (!) zugleich (!) von einem objectiven geistigen (!) Vorgang begleitet ist.
574 „Noch weniger kann es, beiläufig gesagt, B. Bauer erklären, warum Matthäus als der späteste doch ebenfalls diese günstige Fassung hat, während bei Lukas, den er doch voraussehen soll, der Vorgang ganz sinnlich gehalten ist.“
575 Welche Dreistigkeit! Matthäus soll für seinen Bericht von der Taufe Jesu den des Lukas voraussehen? Doch ich merke: Rec. ist so unfähig zu unterscheiden und den Dingen ihre richtige Stellung und ihren wahren Namen zu geben, daß er der Ansicht ist, der Kritiker meine, der spätere Bericht sehe immer jeden früheren Bericht voraus. Die Sache ist die, daß Matthäus dießmal den früheren Bericht des Lukas gar nicht gebrauchen, dieser auf den seinigen gar keinen Einfluß, sein Bericht den des Lukas also auch nicht zur Vorausseßung haben konnte, da der Letztere das Ganze — weshalb? habe ich nachgewiesen — sehr nachlässig und ungeschickt zusammengezogen hat. Für seinen Bericht von der Taufe konnte Matthäus nur das Evangelium des Marcus benußen. Lukas hat übrigens nur die sinnlichere Bezeichnung für das Taufwunder gebraucht, sonst aber ist das Ganze von Marcus und Matthäus in derselben Weise als sinnlicher Vorgang vorausgesezt; Lukas hat jene Bezeichnung nur deshalb angebracht, weil er die Sache sehr abgekürzt hat und dem Leser daher einen aufdringlichen Fingerzeig darüber, wie er das Ganze verstehen solle, geben mußte.
576 „Die Erklärung, die B. Bauer von der Taufgeschichte gibt, ließe sich jedenfalls nur in einem bestimmten Umfange anerkennen, sagt Rec. ebend.; denn daß die religiöse Vorstellung nur überhaupt den Zusammenhang zwischen Jesus und dem Täufer als seiner geschichtlichen Voraussetzung so angeschaut habe, als ob Jesus selbst durch die Taufe des Johannes hindurchgegangen sey, das ist deswegen nicht glaublich, weil, wie aus der Darstellung des Matthäus — (soll und kann der Kritiker hier noch die Geduld behalten? Doch lassen wir das theologische Kunststück sich vollständig entwickeln.) — hervorgeht, die Sage Jesus niemals zu dem Täufer in ein Verhältniß scheinbarer Unterordnung gestellt hätte, wenn nicht ein anderes Moment, die Idee der messianischen Salbung, hinzugekommen wäre. Auch in dieser hat die Sage eine geschichtliche Wahrheit ausgesprochen: das Auftreten des Täufers, so läßt sich — (o, über die neue Entdeckung!) — die Sache zusammenfassen, war die geschichtliche Voraussetzung der noch höheren größeren Wirksamkeit Jesu, darum also salbt der Täufer Jesus.“
577 Der Leser wird jene harten Trockköpfe kennen, die, nachdem sie lange gegen uns gestritten, endlich dahin kommen, daß sie unsere eigne Thesis als diejenige, die sie von vornherein gegen uns vertheidigt hätten, gegen uns wenden. Mit diesen harten Köpfen ist nur so fertig zu werden, daß man sie daran erinnert, was sie früher behauptet, und ihnen zeigt, daß sie unsern Sak, den sie sich auf einmal angeeignet haben, nicht einmal verstehen und ihn sehr falsch ausdrücken.
578 So eben hat Rec. gesagt, daß die Taufe Jesu für die erste christliche Anschauung „nichts Anderes als die messianische Salbung ist.“ Dieß und Nichts Anderes war die Taufe Jesu bisher auch für die „Anschauung“ des Recensenten. Seit wann sieht er nun in der Taufe Jesu oder, um seine Worte zu gebrauchen, in der „Idee der messianischen Salbung“ oder denn diese theologische Sprache ist schwer, ist unmöglich zu analysiren in der „messianischen Salbung“ jene andere geschichtliche Wahrheit“? War diese „Wahrheit“ auch für die „christliche Anschauung“ oder nicht? Rec. schweigt!
579 Doch die Frage ist noch eine andere! Wo behaupte ich, daß die religiöse Vorstellung „nur“, „nur überhaupt“ jenen geschichtlichen Zusammenhang in der Taufe Jesu sich objectiv gemacht habe? Läugne ich das „andere Moment, die Idee der messianischen Salbung“? Im Gegentheil! Ich stelle beides ausführlich in sein inneres Verhältniß. Ich sage nicht: die Grundlage dieser Anschauung von der Taufe Jesu war die Idee, daß das Auftreten des Täufers die geschichtliche Voraussetzung der Wirksamkeit Jesu war und daß „darum“ der Täufer Jesum salbt — demnach käme es ja auf jenes „nur überhaupt“ zurück, welches Rec. an meiner Erklärung tadeln zu müssen glaubt; daß der Täufer Jesum tauft, wäre dann nämlich nur eine Consequenz davon, daß überhaupt nur die geschichtliche Voraussetzung der Wirksamkeit Jesu mit diesem persönlich zusammengebracht werden soll. Ich habe vielmehr aber ausgeführt, daß die religiöse Anschauung von vornherein den Augenblick firiren und näher bestimmen wollte, wo der Herr berufen und zum Messias geweiht ist, und daß sie zu diesem Zwecke kein passenderes Mittel treffen konnte, als Jesum persönlich durch die Vermittlung, die die geschichtliche Voraussetzung des Evangelium ist, hindurchgehen zu lassen.
580 So ist die Sache. Rec. kämpft aber gegen mich, indem er voraussetzt, ich hätte nur die Eine Seite dieser Erklärung aufgestellt, und er ist es gerade, der diese Seite firirt, sie also falsch auffaßt und nicht einmal als diese Eine Seite richtig darstellen kann.
581 Obwohl nun Rec. sagt, darum salbe der Täufer Jesum, weil das Auftreten des Ersteren die geschichtliche Voraussetzung der Wirksamkeit des Letzteren sey oder — wenn es noch allenfalls verständig ausgedrückt werden soll — als diese Vorausseßung dargestellt werden sollte, so sagte er den Augenblick vorher, Matthäus beweise, daß die evangelische Anschauung Jesum niemals in ein Verhältniß scheinbarer Unterordnung gestellt, wenn nicht das andere Moment, nämlich die Idee der messianischen Salbung hinzugekommen wäre. Allein, wie ich schon gefragt habe, läugne ich denn dies Moment? Stelle ich es nicht vielmehr voran? Hat Rec. nicht das Verhältniß der Momente umgedreht? Und was soll Matthäus? Beweist er nicht gerade durch den Anstoß, den er an der Taufe Jesu nimmt, daß die ursprüngliche Production dieser Anschauung weit hinter ihm liege? daß er also gar nicht zu citiren ist, daß er gar keine Stimme hat, wenn es darauf ankommt, den Ursprung dieser Anschauung zu erklären?
582 Die Schwierigkeit, die in der Taufe Jesu, falls sie reines Werk der christlichen Anschauung sey, insofern liegen würde, als dieselbe Anschauung „Jesum von freien Stücken in ein Verhältniß scheinbarer Unterordnung zu dem Täufer gesezt haben“ würde, benutzt der Verfasser zugleich zu dem Zwecke, um aus ihr auf die geschichtliche Grundlage des Ganzen zu schließen (p. 872.)
583 Allein das Taufwunder macht ja diese Unterredung zu einem vorübergehenden Schein. Die Schwierigkeit verschwand in ihrer Nothwendigkeit, welche damit gesezt war, daß Jesus zu seinem Werke geweiht werden sollte und am passendsten nur diese Weihe erhalten konnte, wenn er durch die geschichtliche Voraussetzung seines Werkes hindurchgeführt wurde.
584 Gegen meine Erklärung der Versuchungsgeschichte bemerkt der Rec. zunächst was das Verhältniß der Berichte betrifft - ihr zufolge müßte ein Bericht der ursprüngliche seyn, in welchem alle äußern Bestimmungen vorhanden sind, aber der geistige Gehalt fehlt. (p. 872). Natürlich muß Rec., um diese Behauptung auszustellen, meine Nachweisung des geistigen Gehalts ignoriren und, um doch ein Uebriges zu thun - denn eigentlich macht der Theologe Alles mit einem Machtspruche ab, doch auch die Art, wie er ein Uebriges thut, ist theologisch ein Paar Machtsprüche im Detail thun. So sagt er (p. 872) „die Erwähnung der Thiere in der Darstellung des Marcus ist ein Zug der bloß das Wunderbare an der Versuchungsgeschichte hervorheben soll.“ Ferner: „eine bloß äußerliche wunderbare Bedeutung hat auch die Angabe von dem Dienste der Engel, wie sie bei Marcus gestellt ist.“
585 Natürlich muß Rec., um diese Behauptung auszustellen, meine Nachweisung des geistigen Gehalts ignoriren und, um doch ein Uebriges zu thun - denn eigentlich macht der Theologe Alles mit einem Machtspruche ab, doch auch die Art, wie er ein Uebriges thut, ist theologisch ein Paar Machtsprüche im Detail thun. So sagt er (p. 872) „die Erwähnung der Thiere in der Darstellung des Marcus ist ein Zug der bloß das Wunderbare an der Versuchungsgeschichte hervorheben soll.“ Ferner: „eine bloß äußerliche wunderbare Bedeutung hat auch die Angabe von dem Dienste der Engel, wie sie bei Marcus gestellt ist.“
586 Wir haben bereits oben gesehen, daß der Theologe im Stande ist, wenn er mit dem plastischen Werke eines Schriftstellers nicht fertig werden kann, zu behaupten, einzelne Züge wären bloß des Wunderbaren wegen da. Wer auf den Zweck des Wunderbaren eingeht und diesen in dem plastischen Ganzen zu erkennen sucht, ist nach dem Theologen ein Thor, der sich mit überflüssigen Grübeleien abmüht. Als Theologe ist Rec. des summarischen Verfahrens fähig, zu behaupten, der Zweck des Marcusevangeliums sey gar nicht der, eine Geschichte Jesu zu geben, und es halte sich daher vielfach summarisch, er ist also im Stande Alles, auch das Bestimmteste, auch ein plastisches genau ausgearbeitetes Werk durch Einen Machtspruch im Dunste seiner theologischen Unbestimmtheit vergehen zu lassen.
587 „Es läßt sich zugeben, sagt Rec. No. 110, p. 873, daß in den einzelnen Versuchungen (– von denen Lukas und Matthäus berichten –) Anschauungen der Gemeinde von ihren eignen spätern Kämpfen enthalten seyen.“ Aber die Bestimmtheit der Erklärung, die ich gegeben habe, kann dem Theologen nicht zusagen. Eine Zauberformel muß er anwenden, um den Gedanken zu tödten, wäre es auch eine Formel, die nichts als eine ungeschickte Verdrehung meiner Erklärung ist. „Die eigentliche – ohne dieses Wort, welches die Sache ins Schweben und Schwanken bringt, kann der Theologe nicht bestehen – die eigentliche Bedeutung der Versuchungsgeschichte ist vielmehr eine geschichtliche“ – wieder ein Wort, welches der Theologe nur auszusprechen braucht, um die Kritik zu vernichten. Habe ich nicht erst die geschichtliche Bedeutung der Versuchungsgeschichte aufgehellt, wenn ich zeige, daß sie eine Darstellung von den welthistorischen Kämpfen der Gemeinde sey? Was will also Rec. mit seinem „geschichtlich“? Er meint: „der Ursprung“ der Versuchungsgeschichte sey der, daß das religiöse Bewußtseyn jene völlige Ueberwindung alles dem christlichen Princip Entgegenstehenden als die nothwendige Voraussetzung der öffentlichen Wirksamkeit Jesu betrachten mußte.“ Wahrlich, es gibt keine größere Frechheit als die des Theologen: ich habe dasselbe – aber nicht mit dieser falschen Prätension, die dem Ganzen eine verdrehte Wendung gibt – nicht gesagt, sondern entwickelt und der Theologe richtet es gegen mich! Ich habe gezeigt, daß die Gemeinde ihre Voraussetzungen als Voraussetzungen Jesu, ihre Kämpfe als Kämpfe Jesu, ihre Siege als Siege Jesu fassen und darstellen mußte, und der Rec., der Theologe kommt nun und thut als ob er meine Entwicklungen umstoße, wenn er einzelne Stichworte aus ihnen zusammenrafft und ihnen die Wendung gegen mich gibt? Dieses Spiel ist zu geistlos – es ist nur möglich bei der theologischen Beschränktheit, die nicht sieht, wie sie sich verläuft, und bei dem theologischen Tic, gegen die Resultate der Kritik, die von den Herren adoptirt werden, durchaus Einwendungen zu machen. Mögen sie es: ihre Strafe liegt darin, daß selbst die Wahrheit, die sie annehmen, in ihrem Besitze böswillige Beschränktheit wird.
588 Indem nun Rec. „auf den großen Schauplatz der Wirksamkeit Jesu übergeht“, schickt er eine kurze Vergleichung zwischen der Methode der Straußischen Kritik und der meinigen voran. Daß er aber meine Methode nicht einmal verstanden hat, werden ihn die hiehergehörigen Abschnitte der Schrift: „Hegels Lehre von der Kunst und Religion“ lehren.
589 Ich werde nun zeigen, daß er Nichts von dem, was ich über das „Verhältniß der drei Synoptiker“ ausführe, gefaßt, Nichts gründlich gelesen und erwogen hat, daß Nichts von seinen Einwürfen haltbar ist, kurz, daß er als Theologe meine Schrift gelesen hat und als Theologe sie bekämpft.
590 Für jeden Nichttheologen ist es klar, daß die Angabe des Matthäus c. 4, 13, Jesus habe nach seiner Rückkehr aus der Wüste, wo er versucht ward, Nazareth verlassen, ehe er sich nach Kapernaum übersiedelte, während doch von einer Rückkehr nach Nazareth und von einem Aufenthalt daselbst durchaus nicht die Rede war, daß diese Angabe nur daher komme, weil Matthäus dem Typus des Marcusevangeliums treu bleibe und in diesen die Erzählung des Lukas von dem Auftreten Jesu in Nazareth in Form jenes störenden und ungeschickten Auszuges einschiebe.
591 „Läßt sich denn aber diese Angabe, fragt Rec. (p. 875), nicht weit einfacher — d. h. aus der Luft, a priori, theologisch, ohne Rücksicht auf den Text und das Verhältniß der synoptischen Berichte daraus erklären, daß es der evangelischen Geschichtsanschauung natürlich seyn mußte, das erste Auftreten Jesu als von Nazareth ausgehend sich vorzustellen?“
592 Die Sache ist in ihrer Einfachheit einzig und allein die, daß Matthäus mit keinem Worte bemerkt hatte, daß Jesus, als er aus der Wüste zurückkehrte, nach Nazareth gegangen sey.
593 Verlassen aber kann man nur eine Stadt, die man wirklich betreten und in der man sich aufgehalten hat.
594 „Ueberdieß, fragt Rec. ebend., wenn Matthäus hier die Erzählung des Lukas voraussetzt, warum hat er nicht diese ungleich reichere, ausgeführtere Erzählung auch zu der seinigen gemacht?“
595 Antwort: weil er hier wie sonst dem Typus der evangelischen Geschichte, wie er ihn in der Schrift des Marcus vorfindet, treuer bleibt als Lukas; weil er diesen Typus wenigstens so viel wie möglich beizubehalten sucht.
596 Aber warum bleibt er hier dem ursprünglichen Typus treu, „warum hat er nicht auch wie Lukas die Erzählung gleich an den Anfang der öffentlichen Wirksamkeit Jesu gesezt?“
597 D. h. warum hat er nicht noch schlechter gearbeitet, als er so schon gethan hat? warum hat er seinen Fehler nicht noch größer gemacht? Darum, was der Theologe von Wilke bereits hätte lernen können, weil die Bergpredigt die Anlage und die Anordnung dieses ersten Theiles seines Evangeliums von der Wirksamkeit Jesu bestimmt; darum, weil er die Bergpredigt schon im Sinne hat und um zu ihr zu gelangen, nicht zu viel Detail vorher anbringen darf, weil er also bei dem kürzeren Typus der Geschichte bleiben muß, den er bei Marcus vorfindet, darum, weil ihn alle jene Interessen bestimmten, die ich in meiner Schrift nachgewiesen habe.
598 „Mußte es doch eine sehr natürliche Anschauung für den Späteren seyn, Jesus in Nazareth selbst zuerst sein Amt antreten zu lassen.“
599 Was für Worte! Soll damit Marcus als der noch Spätere signalisirt werden? Lukas und Matthäus sind ja die in Verhältniß zu ihm Späteren, die den ursprünglichen Typus des Evangelium dadurch verdarben, daß sie eine Annahme, die ihnen natürlich schien, durchaus in ihn einzwängten. Daß Jesus nach der Rückkehr aus der Wüste sogleich am See sich befindet, schien dem Lukas allerdings unmotivirt, er sah nämlich nicht, daß das Motiv darin lag, daß Jesus die Jünger finden sollte, die ihn in den Mittelpunkt seiner öffentlichen Wirksamkeit, in Kapernaum einführen sollten. Er fand Etwas natürlicher, was für den ursprünglichen Typus der Geschichte sehr unnatürlich ist. Und was findet der Theologe nicht Alles natürlich?
600 Marcus beweise sich, sagt Rec. p. 876, „auch dadurch als den späteren, daß er Jesum sagen lasse: glaubet an das Evangelium“. Allein eben der Erste, für den das Evangelium noch nicht das Positive und Geschriebene war, konnte nur dieses Anachronismus fähig seyn. Die Späteren waren an dem Ausdrucke irre geworden und ließen ihn aus.
601 Gegen meine Erklärung des Berichts von der Berufung der ersten Jünger bemerkt Rec. p. 876, „bei Matthäus und Marcus sey die Berufung der ersten Apostel vorangestellt gemäß der natürlichen späteren Anschauung.“ Auf den philologischen Beweis für die Ursprünglichkeit des Marcusevangelium, auf den Beweis, daß Lukas die Berufung Petri verkehrt und haltlos dargestellt habe, weil er den Marcus unbeholfen abschreibt, auf die ästhetische Beurtheilung der Berichte läßt sich der Theologe natürlich nicht ein.
602 „Die spätere Anschauung, die Jesum sich stets mit dem Gefolge seiner Jünger vorzustellen gewohnt war, glaubte darum auch deren Berufung gleich an den Anfang der Wirksamkeit Jesu stellen zu müssen.“
603 Freilich ist es von dem Theologen nicht zu erwarten, daß er den Beweis, daß Lukas ungeschickt genug — als gedankenloser Abschreiber — Jesum zu Petrus vor dessen Berufung in Verhältniß gesezt habe, beachte. Der Theologe hat dafür kein Auge, daß Jesus in diesem Verhältnis steht, ehe er den Petrus als einen ihm bis dahin Unbekannten berufen hat. Die Theologie ist die Wissenschaft, deren Bekenner auf Hören und Sehen Verzicht leisten müssen.
604 Rec. thut Wunder wie bekannt mit der „spätern“ Anschauung und übersieht, daß es nicht der Jüngerkreis überhaupt ist, der von Jesus am See berufen wird, sondern daß es nur die ersten Jünger sind, die Anfangs berufen worden, damit das Band mit Kapernaum geknüpft werde. Er spricht sehr kathegorisch davon, wie die Späteren oder Früheren die Begebenheiten chronologisch stellen mußten und doch behauptet er „auf die Chronologie und überhaupt auf den äußern Zusammenhang nehmen die Synoptiker bekanntlich nur allzu wenig Rücksicht.“
605 Ein „bekanntlich“ ist für den Theologen hinreichend, um meinen Beweis, daß Marcus sehr wohl auf Zusammenhang und Zeitfolge achtet, von Grund aus umzustoßen, um die Entwicklung, wie die beiden Andern dazu kamen, diesen Zusammenhang zu zerstören, vollständig zu entnerven. Dem Theologen ist Alles ein „bekanntlich“, ihm ergibt und versteht sich Alles von selbst.
606 Wenn ich den Widerspruch erkläre, daß Matthäus in der Einleitung zur Bergpredigt bemerkt, die Rede sei an die Jünger gerichtet und am Schluß auf einmal das Volk sich über die gewaltige Predigt wundern läßt, so darf der Theologe natürlich den Widerspruch nicht einmal anerkennen, die Lösung des Widerspruchs nicht einmal verstehen.
607 „Es sey gar nicht so ungereimt, sagt er p. 877, daß Jesus eine Rede hauptsächlich zur Belehrung seiner Jünger gehalten habe, ohne daß doch deren Beziehung auf das Volk dadurch ausgeschlossen wurde.“
608 Wo sage ich denn, es sey ungereimt, daß Jesus u. s. w.? Mensch! lerne sehen und hören, d. h. Theologe gib dich selber auf, ehe du den Menschen völlig erstickst oder depravirst. Die Sache ist vielmehr nur die, daß Matthäus nicht von vornherein sagt, Jesus habe auch Volks um sich gehabt, das seine Worte hören konnte. Die Sache ist die – höre Mensch! – daß das Volk nach Matth. nicht nur nicht bei Jesus ist, ihm nicht nur nicht auf den Berg gefolgt ist, sondern daß Jesus sich ausdrücklich vor dem Volk auf dem Berg, wo er die Rede hielt, zurückgezogen hatte.
609 Wo sage ich, es sei ungereimt, daß u. s. w.? Führe ich es nicht vielmehr aus – aber nicht mit einem verstandlosen, theologischen Machtspruch – daß in der Rede selbst die Forderung liege, vor einer großen Menge gehört zu werden? Ist die Sache nicht nur allein die, daß Matthäus die Erfüllung dieser Forderung von vornherein abgeschnitten, also die Rede aus einer Schrift entlehnt habe, die er sehr ungeschickt abschrieb und deren Tendenz er durch fremde Voraussetzungen paralisirte?
610 So versteht der Theologe kritische Werke!
611 Rec. sagt, ich hätte jenen Widerspruch aus der Abhängigkeit des Matthäus von Marcus abgeleitet, und ich sage doch im Gegentheil ausdrücklich, daß Lukas den Matthäus gezwungen habe, am Schluß der Rede das Volk zu erwähnen, ich weise nach, daß dieser Widerspruch – erst die Jünger, dann das Volk als Zuhörer erwähnt – in der Schrift des Lukas wenigstens nicht unnatürlich ist, insofern das Volk wirklich die Rede hört, ich sage nur, daß Marcus den Matthäus bewogen hat, die Rede gerade dahin zu sehen, wohin er sie gesezt hat, ich zeige nach, wie Marcus den Matthäus in diesem Falle beherrschen und bestimmen konnte.
612 Rec. hätte das Alles ordentlich lesen, aber nicht nur lesen, sondern studiren sollen: er hätte dann auch verstanden, was ich über die Knechtschaft des religiösen Bewußtseyns unter dem Buchstaben öfter ausgeführt habe, er würde sich dann nicht so sehr bloß gestellt haben, daß er sagt, meine Erklärung der knechtischen Abhängigkeit der spätern Evangelisten von dem gegebenen Buchstaben aus dem religiösen Bewußtseyn sey nicht richtig. Er würde dann überhaupt wissen, wovon die Rede ist.
613 Ich habe in der evangelischen Geschichtschreibung nachgewiesen, daß die Freiheit des religiösen Bewußtseyns eine schlechthin unbestimmte und eben deshalb unmittelbar die härteste und bestimmteste Knechtschaft sey.
614 Diesen Beweis vernichtet aber Rec. durch die Bemerkung, daß ich hier abermals – mit welchem Erfolge der Rec. mir vorher wegen eines ähnlichen Vergehens den Proceß machte, haben wir gesehen – „zwei ganz verschiedene Sphären verwechselt“ habe. (S. 878). „Ein solches Nebeneinander von Freiheit und Abhängigkeit sey nur im praktischen, eigentlich religiösen Gebiet möglich.“ „Aber ein ganz anderes ist es, wenn ein Schriftsteller – warum sagt Rec. nicht ein religiöser Schriftsteller? von einem Homer, von einem Thucydides, von einem Hume ist ja nicht die Rede – auf dem historischen Gebiete – aber spreche ich denn von der reinen Historiographie? So wenig als von der reinen Kunstthätigkeit. Oder weiß Rec., wovon er spricht? – aus ideellem Interesse heraus frei componirt.“
615 Frei? Ideell? Die Schrift über Hegels Lehre von der Kunst und Religion brauchte nicht erst zu erscheinen, um den Rec. zu belehren, daß von Freiheit und Idealität in der evangelischen Geschichtschreibung nicht die Rede seyn kann. Die wahre Religion kennt nicht die Idealität der Gestaltung, sie kennt nicht die reine, freie Theorie, sie ist durchgängig vom materiellen Interesse und von dem empirischen Bedürfniß bestimmt.
616 „Der Vierte Evangelist, bemerkt Rec., sey das „schlagendste“ Beispiel, wie wenig einem Schriftsteller, der bei seiner schriftlichen Composition von dem ideellen Interesse ausgeht, an dem Festhalten am äußern Buchstaben gelegen ist.“ Nun ist Alles mit Einem Saze abgemacht. Mein Beweis, daß gerade der vierte Evangelist von den sinnlichen Interessen am meisten bestimmt ist, weil in ihm die unbestimmte Freiheit des religiösen Bewußtseyns ihren vollendetsten Ausdruck erhalten hat, ist nun ungültig. Im dritten Bande meiner Schrift wird Rec. erfahren, daß der Vierte gerade bewiesen hat, wie weit die Abhängigkeit vom Buchstaben gehen kann. Bis dahin, daß es diesem Bande vergönnt seyn wird, zu erscheinen, wird Rec. in seine Brust greifen, um an seiner eigenen theologischen Person zu lernen, wie sehr das sublimirte religiöse Bewußtseyn, wenn es am höchsten gestiegen zu seyn meint, sich gezwungen sieht, am Buchstaben zu haften. Ist der aufgeklärte Theologe nicht der fürchterlichste Knecht, wenn er mit rücksichtsloser Gewalt den Buchstaben gerade da, wo ein Evangelist gefehlt hat, als herrlich, ewig und als widerspruchslos zu behaupten sucht? Ist Rec. nicht gerade von den schwächsten Stellen des Matthäusevangelium abhängig? Ist er nicht nach der obigen Acußerung gerade für die sinnloseste Aeußerlichkeit, für die des vierten Evangelium eingenommen?
617 Wenn ich nachweise, daß für die Seligpreisungen in der Bergrede des Matthäus die Seligpreisungen des Lukas die schriftstellerische Vorausseßung sind, daß also Matthäus es ist, der die sinnlichen Bestimmungen des Letzteren in das Geistige umgearbeitet habe, so bemerkt Rec., es sey „dieß nicht der gewöhnliche Gang der Sage, die vielmehr das Geistige zu versinnlichen pflegt.“
618 Es wird dem Theologen niemals gelingen, einen wichtigen allgemeinen Saz aufzustellen, wenn er als Theologe spricht und für seine theologischen Voraussetzungen kämpft. Was soll mir denn die Sage? Spreche ich von der Sage? Nein von dem religiösen Bewußtseyn und dessen Fortbildung! Das religiöse Bewußtseyn aber ist es gerade, welches die gröberen Reste einer früheren Zeit, die festeren Gestalten der Vergangenheit auflöst und verflüchtigt.
619 Sage ich nun etwa die Seligpreisungen des Lukas seyen deshalb die älteren, weil sie sinnlicher sind? Ich denke nicht daran. Ich beweise ihren früheren Ursprung und die Abhängigkeit des Matthäus aus der Structur und Anordnung beider Reden.
620 Nenne ich die Seligpreisungen des Lukas geradezu und schlechtweg sinnlich? Nein! Ich sage nur, daß sie sich noch an die jüdische Anschauung von dem leidenden Gerechten unmittelbarer anschließen - im dritten Bande zeige ich, daß Lukas sie aus dem A. T. abgeschrieben hat - und daß Matthäus als der Spätere ihnen eine abstractere Haltung gegeben hat.
621 Jene Versinnlichung findet Rec. (p. 879) bei dem „Vorherrschen des Judenchristthums in der ersten christlichen Zeit“ wahrscheinlich. Also vorher herrschte wohl das Judenchristthum weniger vor? Vorher waren die Seligpreisungen geistiger? Vorher war Matthäus - oder plapperte die Tradition diese Seligpreisungen her? Diese verwickelten Sätze rollten durch die Gemeinde, Matthäus fixirte sie in ihrer Freiheit und Lukas machte sie sinnlich? - welcher Dunst und Nebel, wo es nur darauf ankommt, die Augen wach zu erhalten und die Sache genau anzusehen!
622 „Bei Lukas, sagt Rec., finden wir auch sonst jene Anschauung, für welche die Reichen mit den Gottlosen und die Armen mit den Frommen identisch sind.“ Nun, ist es dann nicht wahrscheinlich, daß sie das Werk des Lukas sind? Nein! der Theologe muß unter dem Druck dieses Wustes von Voraussetzungen die Sache immer verwirrter machen. Lukas „vertrete den Paulinismus“, könne also jene Anschauungen nur aus ebionitischen Quellen geschöpft haben oder scheint aus ebionitischen... Wir fragen nicht, ob denn Alles damit abgemacht ist, wenn die Sache einem früheren Schriftsteller zugeschoben wird, wir erinnern nicht daran, daß die Rede des Lukas Ein zusammenhängendes Werk ist, daß sie zu dem Plan des Evangeliums gehört, daß sie sich nicht durch ihre Sprache von den übrigen Theilen des Evangeliums unterscheidet, wir bemerken nur, daß es mit dem Paulinismus des Lukas, wie man ihn sich früher vorstellte, oder vielmehr, Die Unfähigkeit der Gegner der Kritik. da mit ihm keine bestimmte Vorstellung verbunden war, wie man früher ihn im Munde führte, bald ein Ende haben wird. Der Paulus der Apostelgeschichte ist - wie jetzt bereits von verschiedenen Seiten her gezeigt ist - nicht der wahre, der wirkliche Paulus.
623 „Endlich aber ist diese Beweisführung B. Bauers (p. 879) deswegen gar nicht zulässig, weil die Bergrede des Matthäus eine ganz andere Bedeutung hat als die entsprechende Rede bei Lukas.“
624 Das heißt sich kurz aus der Sache helfen! Habe ich denn geläugnet, daß Tendenz und Bedeutung der Rede des Matthäus eine andere als die des Matthäus ist? Habe ich nicht vielmehr diese Bedeutung auseinandergesezt? Habe ich nicht mit Bezugnahme auf diese Differenz die Ursprünglichkeit der Rede des Lukas bewiesen? Konnte denn Matthäus die frühere Rede des Lukas nicht nach einem spätern Gesichtspunkte umarbeiten? Darum handelt es sich, welche von beiden Reden ihrer Structur, ihrem Rhythmus und innerm Zusammenhange nach die ursprünglichere ist und ob die spätere entstehen konnte, wenn nicht ihr Verfasser diejenige seines Vorgängers auf dem Tische vor seinen Augen zu liegen hatte. Das sind Fragen, die man nicht mit einem theologischen, also an ihm selbst verkehrten Gemeinplatze lösen kann. Der Theologe kann nicht einmal die Frage in ihrer Schärfe fassen.
625 Ich breche ab. Ich würde gern noch die Pönitenz auf mich nehmen und wie bisher Satz für Satz die theologischen Bedenken des Rec. in ihrer Nichtigkeit bloßstellen. Allein da sich doch nur dieselben theologischen Wendungen wiederholen, da jene Bedenken nicht in der Sache, sondern nur in der Willkühr der theologischen Voraussetzungen und der Beschränktheit begründet sind, da sie also auch willkührlich von dem Theologen vermehrt werden können - sofern er nämlich noch mehr Abschnitte mit seinen Bedenken behelligen oder falls er gründlicher in der Willkühr ist, noch mehr auf die Einzelheiten der Untersuchung eingehen und ihnen seine Einfälle entgegensezen könnte, da also die willkührliche Unendlichkeit des Theologen nicht zu begränzen ist und es allein auf die Charakteristik seines Wesens ankommt, welches immer dasselbe ist, so werde ich etwas weiter vorspringen und zeigen, wie Rec. meine Kritik der synoptischen Geschichtserzählungen betrachtet.
626 Schämt sich der Theologe nicht, wenn er sieht, wie seine klugen Bedenken zurechtgewiesen werden, und will er dennoch, daß alle seine Einfälle gewürdigt werden, so werde ich gern zu diesem Opfer bereit seyn, sobald ich mich davon überzeugt habe, daß es dem allgemeinen Besten dienen werde.
627 Damit es nicht scheint, als wollte ich willkührlich schwächere Parthieen aus der theologischen Arbeit des Rec. herausgreifen, sehe ich sogleich da wieder an, wo Rec. meine Kritik der einzelnen synoptischen Geschichtserzählungen zu beurtheilen anfängt.
628 Er will den Matthäus gegen die „harten Vorwürfe“ vertheidigen, mit denen ich den zweiten Band meiner Schrift beginnen mußte. Das Wunder der beiden Wundertage will Rec. nicht zugeben, er muß deshalb auch meine Beweisführung im Einzelnen entnerven.
629 Wenn die Kritik nachweist, daß der Bericht von der Heilung des Aussätzigen in der Schrift des Matthäus nicht am ursprünglichen Orte stehe, da nach ihrer Voraussetzung Jesus vom Volkshaufen umringt ist, indem er dem Aussätzigen verbietet, das Wunder ruchbar zu machen, so fragt Rec. (No. 111, p. 883): „folgt denn nun aber hieraus, daß Matthäus das Ganze aus Marcus entlehnt haben müsse?“ Gewiß nicht! Sondern daraus, daß die Vergleichung der Texte beweist, Matthäus habe seine Erzählung nur aus der Schrift des Marcus nehmen können. Welcher Kritiker wird auf die sinnlose Folgerung fallen, die Rec. mir mit jener Frage unterschiebt! Daraus erst, daß sich zeigt, wie ihn die Anordnung in der Schrift seines Vorgängers dazu brachte, die Erzählung hieher zu bringen, folgt die Abhängigkeit des Matthäus vom Marcus.
630 „Erklärt sich, fragt Rec. weiter, indem er die längst aufgelöste Argumentation Olshausens wieder aufnimmt – es ist aber keine Wendung so durchbrochen, keine so widersinnig, daß sie nicht immer wieder von den Theologen gebraucht würde – erklärt sich der Widerspruch nicht daraus, daß die Synoptiker die äußere Anordnung überhaupt so wenig berücksichtigen, und daß namentlich Matthäus auf das Aeußere am wenigsten Gewicht legt?“
631 Also es ist umsonst, daß die Kritik die Sache aus diesem Halbdunkel, wo alle Bestimmtheit aufhört, an den Tag zieht, wo die Frage sogleich die ist, ob ein Mensch, der ursprünglich componirt und nicht gedankenlos von einer fremden Schrift abhängig ist, so schreiben könne, daß er gegen Voraussetzungen verstößt, die er den Augenblick vorher niedergeschrieben hat? Es hat der Kritik Nichts geholfen nachzuweisen, daß Marcus sehr wohl weiß, was Zusammenhang ist – er schickt den Aussätzigen zu Jesus, als dieser auf der Reise sich befindet und in diesem Augenblicke allein zu denken ist – es war vergeblich, daß sie nachwies, durch welche Interessen der Compilator Matthäus dahin gebracht wurde, daß er die schreiendsten Widersprüche überhörte? Nein, es hilft Nichts, so lange der Theologe Theologe d. h. von seinen Voraussetzungen befangen bleibt, die es ihm sogar unmöglich machen, auch nur die ersten Anfangsgründe, die Natur und Stellung der Fragen richtig aufzufassen.
632 Welche Vorstellung muß ein Mensch von der Kritik haben, der im Stande ist zu fragen (ebend.): „wird der Widerspruch dadurch erklärlicher, daß das Ganze aus Marcus entnommen seyn soll?“ Der Kritiker wird sich wahrlich vor der rohen Vorstellung hüten, zu meinen, dadurch allein den Widerspruch gelöst zu haben, daß er nachweist oder „behauptet“, Matthäus sey von Marcus abhängig gewesen. Der Kritiker zeigt vielmehr, wie Matthäus dazu kam, in seiner Abhängigkeit von Marcus, nachdem diese bewiesen ist, – so zu verfahren, wie er verfahren ist. Dann erst weiß der Kritiker den Widerspruch aus der Abhängigkeit von Marcus gelöst, wenn in dieser und in dem gesammten Verhältniß des Matthäus zu seinem Vorgänger, zur Sache und in dem Plane seines Werks die Genesis und der Grund des Widerspruchs vollständig ausgedeckt ist. So leicht, wie der Theologe es sich vorstellt und wie er es selber thut, macht es sich der Kritiker nicht.
633 „Und wenn endlich B. Bauer halb und halb dem Matthäus selbst ein Bewußtseyn dieses Widerspruchs zuschreiben und einen Umstand in der Erzählung daraus erklären will, ist es dann noch glaublich, daß Matthäus die ganze Erzählung mit dem Verbote hiehergestellt habe?“ Der Zustand, in welchem der Theologe kritische Werke liest, kann unmöglich ein anderer seyn, als jener Mittelzustand zwischen Schlaf und Wachen – es ist der Zustand, der allerdings eintreten muß, wenn in die Nacht seiner Voraussetzungen plötzlich ein Lichtstrahl fällt und sein Auge nur blinzelnd den Strahl bemerken kann. Spricht er seinen Unwillen darüber aus, daß er auf dem Lager seiner Voraussetzungen vom neuen Tage gestört wird, so spricht er in der Art, daß er selbst in die Beschreibung d. h. in die Anklage des Tages seine nächtlichen Voraussetzungen, seine Träumereien einmischt, d. h. den Tag als Nacht oder als nebelichte Dämmerung beschreibt. Was heißt das: ich habe dem Matthäus halb und halb ein Bewußtseyn seines Widerspruches zugeschrieben? Halb und halb? Ich habe gesagt, es sey dem Matthäus unmöglich gewesen, dasjenige abzuschreiben, was gegen seine Voraussetzung, daß Jesus in diesem Augenblicke vom Volkshaufen umgeben war, doch gar zu arg verstoßen hätte. Daß Jesus den Aussätzigen ernstlich bedrohte“, ja nicht von der Sache zu sprechen, das läßt er aus. Den Schluß der Erzählung des Marcus, daß der Geheilte troß des Verbotes die Sache ruchbar machte, den Schluß, der als Gegensatz zu dem strengen Verbote schlechthin nothwendig ist, läßt er gleichfalls aus, weil er doch in dieser Situation, wo das Volk Jesum umgibt, gar zu abentheuerlich gewesen wäre, und dennoch spricht der Rec. so, als ob Matthäus die „ganze“ Erzählung hieher gesetzt habe? Er hat nur eben so viel erzählt, als er erzählen mußte, wenn er nicht eine andere Geschichte anbringen wollte – die Heilung und das Verbot der Kundmachung derselben – das Verbot konnte und durfte er nicht auslassen, da es die Pointe des Ganzen ist, aber dabei bleibt es bestehen, daß dieses Verbot nur in der Schrift des Marcus motivirt ist und Sinn und Bedeutung hat.
634 „Wie leicht, schließt der unermüdliche, aber nur in der Auffindung von leeren Möglichkeiten unermüdliche Theologe, hätte Matthäus ja auch ein anderes Wunder an die Stelle setzen können.“ Allerdings, wenn er eine andere Schrift als die des Marcus abgeschrieben hätte, eine Schrift, in der er nicht an der Stelle, wo Jesus nach seiner ersten Abreise von Kapernaum und vor seiner Zurückkunft, an der Stelle, wo er jetzt selber steht, dieses Wunder läse.
635 „Noch seltsamer (ebend. p. 883) ist die Erklärung, daß bei einer Heilung zweier Blinden, wo nach B. Bauer ebenfalls die Anwesenheit des Volks vorausgesetzt seyn soll, dennoch nur von diesen beiden Blinden gesagt ist, sie hätten das Wunder dieser Heilung überall ausgebreitet.“ Was ist seltsam? Meine Erklärung, daß von diesen Blinden gesagt ist usw.? Habe ich das erst aus dem Text herauszuerklären? Steht es nicht (Matth. 9, 31) mit dürren Worten geschrieben? Oder ist es seltsam, daß ich aus dem Zusammenhange nachweise, daß das Volk zugegen ist, während den Blinden verboten ward, von ihrer Heilung zu sprechen?
636 „Die Annahme einer anwesenden Volksmenge, meint Rec., sey hier keineswegs nöthig.“
637 Solche Dinge also muß ich noch einmal hinschreiben, Dinge, die nicht werth sind, daß ich sie schon einmal in meiner Schrift hingeschrieben habe, nachdem Wilke bereits auf den Zusammenhang der Erzählung aufmerksam gemacht hatte? Da sie aber für den Theologen von unendlichem Werth sind, d. h. da es für den Theologen von unendlicher Bedeutung ist, daß sie niemals ins Klare gesetzt werden, weil sonst seine Voraussetzungen zusammenfallen, so muß ich wohl noch einmal bemerken, daß, als die Blinden hinweggehen, ein Dämonischer zu Jesus gebracht wird und, indem der Dämon aus ihm fährt, die Volksmenge und die Pharisäer ihre Bemerkungen darüber machen (Matth. 9, 32–34). Der heilige Text existirt aber für den Theologen nicht.
638 „Und warum ist denn, fragt Rec., zur Erklärung dieses Umstandes – (falls nämlich die Volksmenge wirklich gegenwärtig seyn sollte) – wieder Marcus nöthig?“
639 Weil ihm die Stichworte der Erzählung von der Heilung der Blinden entlehnt sind, weil nur in seiner Schrift die Sache ihren Zusammenhang hat.
640 Wer sich nicht gern aus seinem Schlafe wecken lassen will, kann den Lästigen, der ihn stört, mit Einem unwilligen Schrei zurückweisen und sich wieder aufs Ohr legen: so hilft sich der Theologe mit Einem Machtspruche. Zuweilen aber kann der gestörte Schläfer seine Unlust auch in einer Menge hurtig nacheinander hergemurmelter Vorwürfe kund thun: so setzt der Theologe dem Kritiker zuweilen mit einer Menge von Fragen und Vorwürfen zu, die es deutlich hören lassen, daß sie noch im halben Schlafe gesprochen sind. Der Rec. ist diesmal im besten Zuge.
641 „Und wie seltsam, bemerkt er, ist die Erklärung, Matthäus habe jene Nachricht ebenfalls aus der Erzählung vom Aussätzigen herübergenommen.“
642 Was heißt hier wieder „Erklärung“? Ich zeige vielmehr nur, daß die Nachricht, die Blinden hätten das Wunder ruchbar gemacht, hier, wo sie Matthäus hinschreibt, sinnlos ist, daß sie mechanisch aus einer fremden Schrift abgeschrieben ist, daß sie, wie die Worte beweisen, nur aus der Schrift des Marcus abgeschrieben seyn kann.
643 „Warum, wenn Matthäus doch nun einmal die Erzählung von dem Aussäßigen selbst an einem ganz unpassenden Orte anbrachte, warum sollte er dann nicht zugleich auch noch jene Nachricht beigefügt haben?“
644 So! Das also war es, was der Rec. oben seltsam fand, daß „nur“ von den beiden Blinden, nicht von dem Aussäßigen gesagt war, sie hätten „das Wunder ihrer Heilung überall ausgebreitet“! – schöne Sprache: „das Wunder ausgebreitet“!
645 Weshalb also hat Matthäus der Erzählung von der Heilung des Aussäßigen nicht jenen Schluß gegeben? Antwort: weil er dort das Volk soeben erwähnt hatte, es also von vornherein gegenwärtig wußte. Hier aber, nachdem er dem Marcus die Geschichte von der Blindenheilung nachgeschrieben hatte, bringt er das Volk dadurch erst auf die Scene, daß er dem Marcus die Geschichte von der Heilung des Dämonischen nachschreibt, eine Geschichte, in der auch das Volk erwähnt wird, er wußte also vorher nicht, daß er den Augenblick nachher das Volk als gegenwärtig voraussehen werde – dennoch aber verband er beide Geschichten so eng, daß die Voraussetzung der zweiten Geschichte, die der ersten fremd bleiben sollte, sich dennoch, ohne daß er es merkte, in dieselbe einschlich.
646 „Welche Vorstellung, schließt endlich Rec. p. 884 sein Räsonnement, als ob diese Notiz (daß das Verbot Jesu vergeblich war) dem Matthäus so wichtig gewesen wäre, daß er sie bei der Blindenheilung noch immer im Kopfe gehabt hätte.“
647 Er wußte, wo sie zu lesen ist, und er kam dazu, sie hier abzuschreiben, weil ihn das Verbot Jesu daran erinnerte und ihn dazu bewog, die ähnliche Geschichte von dem Aussäßigen wieder aufzusuchen.
648 „Eben so wenig haltbar, fährt Rec. fort, sind die übrigen Gründe, welche B. Bauer in diesem Abschnitte beibringt.“
649 Ich habe das Recht zu sagen, von derselben Beschaffenheit sind die Faseleien, die Rec. auch weiterhin gegen die Kritik vorbringt. Ich habe gezeigt, daß die beiden Wundertage, die Matthäus geschaffen hat, auch darin wunderbar sind, daß sie keine Nacht scheidet; ich habe auch gezeigt, wie Matthäus im Taumel seiner Abhängigkeit von Marcus diese beiden Wundertage so wunderbar gemacht habe. Ich kann den Proceß des Beweises hier nicht wieder aus meinem Buche abschreiben und werde nur die Bedenken des Rec. im Kurzen charakterisiren.
650 Er faßt mich beim Worte, p. 884, daß auch Marc. 4, 35, wo Matthäus erfahren hat, daß es zuweilen zwischen zwei Tagen keine Nacht gibt, derselbe Widerspruch zu finden sey. Allein hier, bei Marcus ist die Sache eine ganz andere, nämlich die Zeit ganz anders vertheilt als im Bericht des Matthäus, also auch anders vertheilt, als wie sie in dem Bericht des Marcus von dem ersten Aufenthalt Jesu in Kapernaum c. 1, 32-35 vertheilt war.
651 Er faßt mich beim Worte, p. 884, daß auch Marc. 4, 35, wo Matthäus erfahren hat, daß es zuweilen zwischen zwei Tagen keine Nacht gibt, derselbe Widerspruch zu finden sey. Allein hier, bei Marcus ist die Sache eine ganz andere, nämlich die Zeit ganz anders vertheilt als im Bericht des Matthäus, also auch anders vertheilt, als wie sie in dem Bericht des Marcus von dem ersten Aufenthalt Jesu in Kapernaum c. 1, 32-35 vertheilt war. Damals nämlich, als Jesus zum erstenmale mit den so eben berufenen Jüngern Kapernaum betreten hatte, ist er den ganzen Abend hindurch mit der Heilung der Kranken beschäftigt, die Zeit ist also bestimmt abgegränzt, der Abend ist durch diese bestimmte Thätigkeit vollständig ausgefüllt, es muß also auch, wie Marcus zu bemerken nicht unterläßt, gemeldet werden, wann Jesus von Kapernaum aufbricht. Es geschah am Morgen nach jenem Abend. Dagegen späterhin (c. 4 in der Schrift des Marcus) hat Jesus den Tag zur Belehrung des Volkes angewandt, als es Abend geworden war - also am Schluß des Tages, als es Abend geworden, gibt er den Befehl zur Ueberfahrt über den See, da wissen wir doch, wann er aufbricht, es ist ausdrücklich gesagt, wann er aufbricht - er bricht auf, als es dazu noch Zeit war, nicht, nachdem er den ganzen Abend hindurch Schaaren von Kranken geheilt hatte - und dieser Notiz, daß Jesus, als es Abend geworden war, von dem diesseitigen Ufer abfuhr, schließt sich dann die Voraussetzung des folgenden Berichts, die Voraussetzung, daß es Nacht war, als die Jünger vom Sturm in Schrecken gesetzt wurden, die Voraussetzung, die an sich freilich so unnatürlich ist, wie die entsprechende in der andern Sturm- und See-Geschichte, auf eine natürliche Weise an. Wann die Gesellschaft am jenseitigen Ufer landete, daß es am Morgen geschah, bemerkt Marcus nicht, weil er die Vorstellung hat und voraussetzt, jeder werde sich aus dem Eindruck des Berichts dieselbe Vorstellung bilden, daß nach der Stillung des Sturms, als die Wogen sich legten und Alles heiter wurde, der Morgen angebrochen sey. Matthäus hat sich also sehr vergriffen, wenn er von der ersteren Stelle der Schrift seines Vorgängers unmittelbar zu der zweiten übersprang und über den Voraussetzungen der letzteren die ganz verschiedenen der ersteren vergaß.
652 „In solchen Stellen darf überhaupt bei den Synoptikern gar kein Gewicht auf den Zusammenhang gelegt werden.“
653 D. h. wenn es der Theologe so haben will, weil er für seine Voraussetzungen Gefahr fürchtet, müssen wir die Augen schließen und alle Gedanken uns vergehen lassen. „Nimmt man die Sache, ist Rec. so freimüthig zu gestehen, so wie sie sich unmittelbar gibt, so entstehen freilich die größten Widersprüche.“
654 Allerdings: man muß die Sache nehmen, wie sie den theologischen Voraussetzungen nach seyn muß. Durchaus nicht so, wie sie sich unmittelbar gibt. Ihre Auffassung muß durch das theologische Bewußtseyn, welches tausend Interessen zu befriedigen hat, vermittelt werden. Es sind so viel Interessen zu schonen, so viel Voraussetzungen zu erhalten, so viel Bedürfnisse zu befriedigen, daß sich keine Sache herausnehmen darf, so und als das gelten zu wollen, als was sie sich unmittelbar gibt. Alles muß erst durch das theologische Bewußtseyn seine Weihe und letzte Oelung erhalten. Das theologische Bewußtseyn ist die Todtenkammer für Alles. Lebendige. Was sich nicht lebendig begraben lassen will, muß erwürgt werden.
655 Man sollte es kaum glauben, daß nach alle dem, was den Theologen darauf schon erwiedert ist, Jemand wieder auftreten und wie der Rec. behaupten könne, daß die Synoptiker „auf Zeit und Umstände dabei — dabei! welche Sprache! wahrscheinlich meint Rec.: bei solchen Widersprüchen — gar nicht reflectiren“.
656 Ich hätte es nicht glauben sollen, daß Iemand diese Behauptung noch wagen könne, nachdem ich bewiesen habe, daß Marcus allerdings weiß, was Zusammenhang ist, daß seine theologischen Uebergangsformeln klar und bestimmt und wirklich motivirt sind, und weshalb bei seinen Nachfolgern das Gegentheil stattfinde — aber in Betreff des theologischen Bewußtseyns ist Nichts unglaublich, weil ihm Nichts unmöglich ist. Berechnung, Regel, Gesez ist bei ihm nicht angebracht, es müßte denn in dem Sinne seyn, daß es sein Gesez ist, gesezlos zu seyn und aller Geseze zu spotten.
657 Nach alle den bisherigen Verhandlungen ist Rec. noch so verwegen zu behaupten, daß „also solche Erzählungen, wenn sie auch den Worten nach auf einander folgen, doch in der That nicht zusammenhängen, weil ihr Zusammenhang für den Schriftsteller durchaus kein bewußter ist.“
658 Kann Jemand die Evangelisten ärger beleidigen und schmähen als der Theologe thut? Also auch das soll und muß ich dem Rec. noch einmal sagen, was er auf jeder Seite meiner Schrift hätte hören und lernen können, daß der Kritiker es ist, der die heiligen Schriftsteller gegen die Nachstellungen der Theologen sicher stellt? Alles soll ich noch einmal sagen? Auch, wie es sich diesmal mit dem Zusammenhang verhält?
659 Also wenn Jesus (nach dem Bericht des Matthäus) am Abend die Kranken heilt und, als er die Menge sieht, Befehl zur Ueberfahrt über den See gibt, so ist das kein Zusammenhang? Kein bewußter Zusammenhang? „Als er die Menge sah“, das ist Nichts, gar Nichts?
660 Es ist bewußter, beabsichtigter Zusammenhang, aber in der Schrift des Matthäus freilich der abentheuerliche Zusammenhang des Traums. Im Traum, d. h. in seiner Abhängigkeit von Marcus will Matthäus Zusammenhang haben, er meint, Zusammenhang bewerkstelligt zu haben, aber er träumt nur. Bei Marcus ist wirklicher Zusammenhang. Wenn der Jesus des Matthäus die Kranken heilt und als er die Menge sieht — wie wenn er dieselbe nicht schon längst gesehen hätte — den Befehl zur Ueberfahrt gibt, so ist das noch weniger als der Zusammenhang des Traums. Aber Matthäus will Zusammenhang haben.
661 In der Schrift des Marcus heilt Jesus am Abend die Kranken und am Morgen erst zieht er weiter und als er dort, wo Matthäus plößlich nach der Heilung der Kranken steht, über den See fahren will, befindet er sich bereits am Ufer, im Nachen und hat er das Volk belehrt d. h. sieht er das Volk nicht erst, nachdem er sich bereits lange mit ihm beschäftigt, sondern meint er, für heute seiner Verpflichtung gegen dasselbe Genüge geleistet zu haben.
662 Hat der Theologe für Alles das kein Auge? Nein! Auch dann nicht, wenn es ihm ausführlich erklärt wird. Dieser und jener Theologe kann sich überzeugen lassen, aber der Theologe als solcher nicht; wenn Einer seine Voraussetzungen der Wahrheit opfert, so werfen sich Tausende in den Opferbrand, um die Voraussetzungen, sollten sie auch schon halb verbrannt seyn, wenigstens zum Theil zu retten. Die Reliquien der früheren massiveren Voraussehungen haben einen höhern Preis und genießen einer größeren Verehrung als diese zur Zeit, da sie in Saft und Kraft standen.
663 Es ist jest durch die neuere Kritik nachgewiesen, daß der Geschichtsstoff im Evangelium des Marcus höchst planmäßig angeordnet, während er in der Schrift des Matthäus — es ist auch gezeigt, weshalb — bunt durcheinander geworfen ist.
664 Es ist jest durch die neuere Kritik nachgewiesen, daß der Geschichtsstoff im Evangelium des Marcus höchst planmäßig angeordnet, während er in der Schrift des Matthäus — es ist auch gezeigt, weshalb — bunt durcheinander geworfen ist.
665 Ja, sagt Rec. p. 885, „die Zusammenstellung von Gleichartigem ist eher ein Zeichen der späteren Zeit, die sich auch um die äußere Anordnung mehr bekümmert.“
666 Der Theologe kann nicht anders als nach seinen Voraussetzungen die Kritik beurtheilen und bekämpfen. Er meint die Kritik operire mit allgemeinen Möglichkeiten. Ist denn nur von Zusammenstellung von Gleichartigem die Rede? Nein! von schriftstellerischem Zusammenhang, der in der Schrift des Marcus vorhanden ist, in der des Matthäus aber nicht, weil dieser in der wildesten Weise die Stichworte des Marcus zusammengeworfen, die Motive des Marcus zu solchen gemacht hat, die Nichts motiviren, die Folgen zu Undingen, die nicht begründet sind, kurz, weil er das, was in der Schrift des Marcus Grund und Boden hat, in die Luft stellt.
667 „Eine besonders mißliche Stellung aber hat die Ansicht B. Bauers da, wo sie selbst dem Berichte des Matthäus den Vorzug geben muß.“
668 Als ob es Grundsatz der Kritik oder überhaupt allgemeines Gesetz sey, daß es der Spätere schlechterdings und schlechthin schlechter als seine Vorgänger machen müsse. Die neuere Kritik ist am meisten davon entfernt, so leere und unbestimmte Gesetze aufzustellen, sie war noch theologisch, als sie dem Gegenstande durch Maximen, deren Wahrheit sie voraussetzte, Gewalt anthat; jetzt — aber, wo sie weiß, was dazu gehört, das Verhältniß von vier Schriftstellern zu bestimmen, deren unbefangene Auffassung und Beurtheilung durch tausendjährige Vorurtheile erschwert ist, jetzt hütet sie sich sehr wohl, allgemeine Gesetze aufzustellen, ehe sie nicht durch das Einzelne sich hindurchgearbeitet hat.
669 Und mißlich wäre jene Stellung? Es würde sich doch vielmehr fragen, ob sie sich bis zu Ende siegreich behaupten läßt. Sie ist aber nicht einmal mißlich, sie ist wie jede Stellung, die die Wahrheit gibt, angenehm, voller Plaisir und unangenehm ist es nur, noch einmal gegen Einwürfe zu antworten, die in meiner Schrift bereits gründlich beantwortet sind.
670 Wenn ich, meint Rec. p. 885, die Erzählung des Matthäus vom Hauptmann zu Kapernaum als die angemessenere anerkenne und wenn dann der Bericht des Lukas doch für den ursprünglicheren erklärt wird, so stützt sich dies theils nur auf die allgemeine Voraussetzung von der Abhängigkeit des Matth. theils auf die allerdings unpassende Stellung der Erzählung.
671 Natürlich, mit welchem Rechte, ist schon tausendmal gesagt, – meint dagegen Rec., auf die Stellung und Anordnung der Begebenheiten sey für die Kritik der synoptischen Evangelien kein Gewicht zu legen, hier aber, im gegenwärtigen Falle um so weniger, weil die vorhergehende Bergrede als solche nur eine ideale Anschauung ist und Matthäus bereits vor derselben von der Predigt Jesu in Galiläa überhaupt gesprochen hat.
672 — Weil also die Bergrede — welche Sprache! — eine ideale Anschauung ist — die Bergrede eine ideale Anschauung! — so darf Matthäus die Begebenheiten zusammenwerfen, wie es ihm gerade einfällt? Läßt Marcus Alles auf den Zufall ankommen und sind dessen Berichte nicht auch Producte der idealen Anschauung? Ist die Rede des Lukas, aus welcher Matthäus die Bergrede gemacht hat, nicht auch eine „ideale Anschauung“ und ist es nicht vollkommen motivirt, daß Jesus in Betreff des Hauptmannes so spricht, als habe er schon längere Zeit in Israel gewirkt?
673 Ferner: wenn Matthäus Jesum schon vorher predigen läßt und die Bergrede doch erst die Proclamation des Messias und seines Reiches seyn soll, deshalb sollen wir nun aufhören, über den Mangel an allem Zusammenhang zu grübeln, aufhören, philologisch den Grund dieser Zusammenhangslosigkeit aufzusuchen, und ja nicht als Resultat der Untersuchung aussprechen, daß sich jener Widerspruch aus der Abhängigkeit von Lukas und Marcus erklärt? Deshalb, weil es dem Theologen so beliebt, sollen wir alle Gedanken uns vergehen lassen?
674 Dem Theologen ist es schlechterdings unmöglich, eine reine und genaue Entwicklung rein und genau aufzufassen. Er sagt: „die größere Einfachheit und Angemessenheit in dem Berichte des Matthäus dagegen kann (!) B. Bauer nur aus seiner sonstigen bereits widerlegten Ansicht erklären, daß für den Matthäus, weil er der Spätere sey, die breitere Ausführung kein Interesse mehr gehabt habe.“
675 Um seine außerordentliche Klugheit zu beweisen, spricht der Theologe von oben herab über die Möglichkeiten, über die ein Kritiker zur Noth zu gebieten habe; die Wirklichkeit des Thatbestandes und des Beweises aufzufassen, ist ihm zu schwer. Von Möglichkeiten ins Blaue zu reden ist allerdings leichter als die Wirklichkeit zu erkennen, leichter wenigstens für den Theologen, für den Mann von Verstand und Willen würde es aber schwerer seyn, ja es würde ihm für das Härteste und Fürchterlichste gelten, wenn er sich mit leeren Möglichkeiten begnügen und von aller Wirklichkeit ausschließen sollte.
676 Daraus vielmehr habe ich die größere Einfachheit der Darstellung des Matthäus erklärt, daß der Instinct der Idee ihn lehrte, daß in des Marcus Bericht von der Kanaaniterin dasselbe wie hier in der Erzählung des Lukas vom Hauptmann verhandelt werde, und daß er nun den lekteren Bericht nach dem ersteren umänderte. Lukas, der zuerst den Bericht des Marcus verarbeitete, hat es noch nicht glücklich gethan. Matthäus ist zum Urbild zurückgekehrt.
677 Nicht „die Macht der Idee“ sage ich, wie Rec. es falsch genug auffaßt, hat Matthäus zu seiner Darstellung getrieben, sondern die Macht der Idee, die in der Darstellung des Marcus enthalten ist, zog ihn unwillkührlich an und bestimmte ihn, den Bericht des Lukas, so weit er dem Urbild widersprach, aufzugeben.
678 Wenn nun Rec. dagegen sagt, „diese Erklärung – nämlich diese mir mit Unrecht aufgebürdete Erklärung – hat bei B. Bauer gar keine Stelle“ – was für eine zähe, dürftige Sprache! – „denn das Ueberwiegen der Idee ist das Ursprüngliche in der Tradition, später erst bildet sich auch das Aeußere aus“ – so sich also Rec. in einem Gemeinplatz versteckt, der aber hohl genug ist, damit sich der Theologe in ihn verkriechen kann, und noch dazu nirgends mehr zur Unzeit ausgesucht werden konnte als hier, wo die Frage allein die ist, wie sich zwei sehr bestimmte Darstellungen derselben Idee zu einander verhalten: so wird es mir Niemand verdenken, wenn ich nicht Lust habe, dem Rec. in sein leeres, theologisches Faß nachzukriechen. Warten wir nur einen Augenblick: er wird schon von selbst aus seinem Verstecke wieder hervorkommen und eine neue Wendung versuchen.
679 Daß Lukas Bedenken getragen habe, den Herrn unmittelbar mit einem Heiden in Berührung kommen zu lassen, sagt Rec. p. 886, sey eine Erklärung, die unverträglich sey mit dem Geiste eines Evangelium, „das von jeher als das paulinische galt“ und mit dem Geiste einer Erzählung, die selbst im heidenchristlichen Sinne ist.
680 Antwort: es hat Vieles bis hieher für paulinisch gegolten, was es nicht ist oder dessen paulinische Grundlage ganz anders aufzufassen ist, als es von jeher zu geschehen pflegte.
681 Daß aber die Durchführung des Berichts im Evangelium des Lukas seiner innern ursprünglichen Idee widerspricht, habe ich bereits daraus erklärt, daß der Stoff – das Zusammentreffen Jesu mit einem Vorboten der Heiden, die in der Kraft des Glaubens die jüdische Abgränzung des Himmelreichs aufheben – dem Lukas von außen zugekommen war, und das Incohärente seiner ganzen Darstellung hat die Kritik vollständig erklärt, wenn sie zeigt, wie roh er die Materialien aus der Schrift des Marcus zusammengerafft und zusammengeworfen hat.
682 Vielmehr, sagt Rec., „die Einschiebung der Abgesandten habe einen ganz entgegengesetzten ideellen Grund, denn einerseits tritt dadurch der demüthige Sinn des Hauptmanns noch mehr hervor.“
683 Antwort: im Urbild, in der Erzählung von der Kanaaniterin, tritt also wohl die Demuth nicht stark genug, nicht sehr stark hervor, wie sie plastisch in den Worten und in der Haltung der Frau dargestellt ist?
684 „Andererseits werden durch die zweimalige Botschaft die einzelnen Momente, nämlich die Demuth und dann der Glaube des Hauptmanns jedes für sich recht zur Anschauung gebracht.“ Herrlich! Erst die Demuth, wenn der Hauptmann durch die jüdischen Aeltesten den Herrn in sein Haus bitten läßt, dann der Glaube, wenn er ihm, da er schon unterweges ist, melden läßt, er sey nicht werth, daß er in sein Haus gehe! Die Sache ist die, daß die zweite Botschaft nach der ersten läppisch und eine wetterwendische Zurücknahme der ersten Bitte ist.
685 Allerdings ist die Erzählung des Lukas „eine offenbare Erweiterung der ursprünglichen einfacheren Erzählung“ allein diese ursprüngliche Erzählung findet sich nur in der Schrift des Marcus, nicht in der des Matthäus, die Niemand mehr ungestraft als die älteste der synoptischen Evangelienschriften voraussehen und bezeichnen wird. Ein Anlaß zu jener Erweiterung war für Lukas auch der Umstand, daß er die Begebenheit nach Galiläa verlegte und hier die Juden als Mittelpersonen nicht übergehen zu dürfen meinte.
686 „Daß die mehr ausmalende Darstellung des Marcus in der Sturmes-Scene ein Beweis seines spätern Ursprungs sey, das bleibt nach dem früher Gesagten nun unangefochten stehen.“
687 So? Habe ich etwa gesagt, die mehr ausmalende ac. sey ein Beweis seines früheren Ursprungs? Das wäre so falsch, so unüberlegt, so abstract, kurz so theologisch wie die Behauptung des Rec., sie sei ein Beweis seines spätern Ursprungs? Die Harmonie, die Verhältnißmäßigkeit der Glieder, beweist vielmehr die Kritik, im Verhältniß zu der löcherichten, durchbrochenen und haltlosen Darstellung der späteren Berichte ist das Zeugniß für die Ursprünglichkeit der Erzählung des Marcus. Außer den bereits gegebenen andern Momenten des Beweises wird Rec. zu seinem Schrecken im dritten Bande meiner Schrift noch ein neues Moment kennen lernen. Marcus hat die Geschichte aus Elementen gebildet, die ihm das Buch Jona und Ps. 107 lieferten, er hat aus der Quelle geschöpft; die beiden andern kannten weder die Quelle, noch wußten sie den Zusammenhang in der Erzählung des Marcus zu würdigen: dadurch, aber nicht durch die weniger ausmalende Darstellung verrathen sie sich als die Späteren.
688 Ich breche hier wieder ab; denn Neues kann ich nicht mehr sagen, da sich immer nur dieselben theologischen Mißverständnisse, dieselben Machtsprüche gegen die kritischen Beweise, dieselben Faseleien über die einfachsten Wahrheiten wiederholen. Auch nicht in Einem Punkte ist von dem Rec. etwas zu lernen: er hat nirgends ein Bedenken gegen mich vorgebracht, das auch nur im entferntesten irgendwie in der Sache begründet wäre — er kann nicht einmal verständig reden.
689 Der Kritik gegenüber, wenn sie ihre Vollendung erreicht, hat die Theologie die Sprache verloren, insofern es sich nun beweist, daß sie auch nicht Einen menschlichen, verständlichen und in ihm selbst klaren Satz sprechen kann. Die Theologie kann die Kritik nicht verstehen, sie kann nicht einmal über dieselbe sprechen.
690 Die Methode, die Beweise und Ergebnisse der Kritik sind unerschütterlich; die Sache ist abgemacht, die Menschheit kann sich nun in vollkommener Freiheit anderen, würdigeren Aufgaben widmen und wenn die Theologie noch einige Zeit lang fortzusprechen für gut findet, so wird ihr Gerede nur dazu dienen, daß ihr Charakter und Wesen zu guter Letzt auch denen offenbar wird, die sie bisher noch für eine außerordentliche, überhaupt für eine Macht hielten. Ihr Geheimniß wird durch ihren letzten Widerstand gegen die Wahrheit allgemein bekannt werden.
691 Rec. läßt sich noch darüber aus, wie ich die geschichtliche Geltung der evangelischen Berichte aufhebe, und sucht dieselbe in mehreren Fällen gegen mich zu retten. Ich werde und kann auf sein Räsonnement nicht eingehen. Ich werde mir nicht die Mühe nehmen, ihm zu zeigen, daß er nirgends eine Beweisführung aufgelöst, daß er sie nirgends verstanden hat: Die Bogen, die ich so eben geschrieben habe, werden vollkommen beweisen, daß ich das Recht habe, von dem Theologen zu fordern, er möge erst lernen, wovon es sich handle, ehe er es wage, seine Stimme darüber öffentlich abzugeben. Um dem Rec. seine Mißverständnisse nachzuweisen, müßte ich zugleich auf philologische Untersuchung des Textes eingehen, da er gleichfalls, um gegen mich zu operiren, dieselbe wieder aufnimmt: ich müßte also dasselbe thun, was ich nun zur Genüge gethan habe, nämlich wiederum zeigen, daß Rec. weder den heiligen Text noch die kritische Würdigung desselben richtig auffassen kann. Ich müßte wiederum mit denselben Verdrehungen, schiefen Wendungen, obstinaten Behauptungen, die sich auf Nichts als den Eigensinn des Theologen stützen, kämpfen, also mit denselben herrlichen Dingen, mit denen ich mich nun bis zum Ueberdruß habe herumschlagen müssen. Außerdem muß ich doch auch den andern Theologen, die gegen mich auftreten werden, etwas übrig lassen, was sie noch mit ihrer ursprünglichen Unbefangenheit besprechen können.
692 Ich will sie in diesem letztern Punkte der Untersuchung nicht ausführlich warnen, zumal es doch vergeblich ist, da sie eben so wenig wie Rec. sich auf die Kritik der Berichte einlassen, also bei alle dem, daß die theologische Willkühr unberechenbar ist, doch darin mit Rec. übereinstimmen werden, daß sie aus ihrer souveränen Willkühr heraus über die geschichtliche Grundlage der Berichte entscheiden werden. Ein: „es kann doch auch seyn,“ „es könnte seyn“, „warum sollte das nicht seyn“, endlich „es versteht sich von selbst“, „es ergibt sich von selbst“ – das ist Alles, was der Theologe gegen die Kritik erschwingen kann, das macht alle Theologen gleich und mir macht es möglich, daß ich an einem beliebigen Punkte die Antwort auf ein theologisches Bedenken oder Urtheil abbrechen kann, da die nächste theologische Recension in jedem Falle von der Beschaffenheit ist, daß ich an dem Punkte, wo ich stehen geblieben war, ohne Weiteres wieder anknüpfen und die Sache fortführen kann.
693 Die theologischen Einwürfe, die mir entgegengesetzt sind, geben mir keine Gelegenheit, die Sache nach neuen Seiten hin zu beleuchten und aufzuklären, nicht einmal Gelegenheit, meine Entwicklung in einzelnen Theilen näher zu bestimmen. Die früheren theologischen Erklärungen hatten doch bei aller Willkühr, die sie auch charakterisirte, die Bedeutung, daß sie Irrthümer waren, die den Weg zur Wahrheit zeigten. Sie waren die Irrthümer des suchenden Geistes. Jezt aber, wenn die Wahrheit gefunden ist, sind die theologischen Bedenken die reinen Erzeugnisse der Willkühr, die es nicht mehr mit der Sache zu thun hat. Sie helfen nicht mehr, die Sache aufzuklären; wenn sie besprochen werden, so kann es nur in dem Sinne geschehen, daß sie zur Charakteristik des theologischen Bewußtseyns benutzt werden. So habe ich die Bedenken des Rec. betrachtet; so und nicht anders werde ich alle theologischen Einwürfe, die mir entgegengesetzt werden, in Zukunft betrachten können. Es handelt sich nicht mehr um die Evangelien und die heilige Geschichte, sondern darüber, ob das theologische Bewußtseyn die Anerkennung der Wahrheit verhindern soll. Die Sache selbst ist dem theologischen Bewußtseyn vollständig entzogen, es fragt sich nun, ob es sich in seiner Reinheit und Nacktheit als solches behaupten wird.
694 Die theologischen Einwürfe, die mir entgegengesetzt sind, geben mir keine Gelegenheit, die Sache nach neuen Seiten hin zu beleuchten und aufzuklären, nicht einmal Gelegenheit, meine Entwicklung in einzelnen Theilen näher zu bestimmen. Die früheren theologischen Erklärungen hatten doch bei aller Willkühr, die sie auch charakterisirte, die Bedeutung, daß sie Irrthümer waren, die den Weg zur Wahrheit zeigten. Sie waren die Irrthümer des suchenden Geistes. Jezt aber, wenn die Wahrheit gefunden ist, sind die theologischen Bedenken die reinen Erzeugnisse der Willkühr, die es nicht mehr mit der Sache zu thun hat. Sie helfen nicht mehr, die Sache aufzuklären; wenn sie besprochen werden, so kann es nur in dem Sinne geschehen, daß sie zur Charakteristik des theologischen Bewußtseyns benutzt werden. So habe ich die Bedenken des Rec. betrachtet; so und nicht anders werde ich alle theologischen Einwürfe, die mir entgegengesetzt werden, in Zukunft betrachten können. Es handelt sich nicht mehr um die Evangelien und die heilige Geschichte, sondern darüber, ob das theologische Bewußtseyn die Anerkennung der Wahrheit verhindern soll. Die Sache selbst ist dem theologischen Bewußtseyn vollständig entzogen, es fragt sich nun, ob es sich in seiner Reinheit und Nacktheit als solches behaupten wird.
695 Rec. sagt, die Kritik zu dem Extrem fortzuführen, das sie jezt erreicht habe, scheine dem norddeutschen Geiste vorbehalten gewesen zu seyn. Wir erwiedern: die Theologie in derjenigen sublimirten Dünnheit und Leerheit zu vertreten und gegen die freie Wissenschaft zu vertheidigen, in welcher sie bis auf das Minimum des Inhalts reducirt und nur zu dem Spiel des theologischen Bewußtseyns mit sich selbst geworden ist, scheint nicht nur die Aufgabe des Geistes zu seyn, in dessen Interesse der Rec. spricht, sondern ist bereits – wenn nicht alle Zeichen trügen – so sehr als diese Aufgabe mit diesem Geiste verwachsen, so sehr aus Opposition gegen die Fortentwicklung der Wissenschaft mit ihm verwachsen, daß es in Zukunft einer großen Erschütterung bedürfen wird, um diesen schmählig gefangenen Geist von seinen Fesseln zu befreien. Der schwäbische Kreis, für dessen Interessen Rec. auftritt, glaubte es in der lezten Zeit so herrlich weit gebracht zu haben, daß er meinte nun könne man ausruhen und genug haben: da die Entwicklung aber weiter geht, wird er malcontent und richtet er sein Bewußtseyn als das sublimirte theologische Bewußtseyn, wozu es von vornherein schon geeignet und prädestinirt war, gegen die fortgeschrittene Wissenschaft.
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